Wo sind die toten Kinder von Kamloops? (2)

31. Juli 2022
Quelle: fsspx.news
Ein Grab auf dem Kamloops Aboriginal Community Cemetery

Im ersten Artikel zu dem Thema wurde dargelegt, dass die kanadische Regierung die Gesamtverantwortung für das Schulwesen und damit die Internate für Eingeborenenkinder trägt.  Außerdem gab es erste Darstellungen zum Fall der toten Kinder in der Nähe des Kamloops-Internats. 

Nun wird ein Artikel zusammengefasst, der am 11. Januar 2022 von der kanadischen Geschichtszeitschrift The Dorchester Review veröffentlicht wurde und einen Fake-News-Skandal seltenen Ausmaßes zeigt.

Wo sind eigentlich nach sieben Monaten voller Vorwürfe und Denunziationen die sterblichen Überreste der Kinder, die im Internat von Kamloops begraben wurden? Die kanadische Presse hatte die Internatskinder gerade als „Menschen des Jahres 2021“ geehrt. Der enorme Medienrummel im Jahr 2021 entstand durch die digitale Durchleuchtung eines Teils des Geländes, auf dem die Schule von 1890 bis 1978 in British Columbia betrieben wurde. Doch „In Kamloops wurde nicht eine einzige Leiche gefunden“, wie der emeritierte Professor am Fachbereich Geschichte der Universität Montreal, Jacques Rouillard, ernüchtert feststellte.

Die „Entdeckung“ der Kinderleichen wurde erstmals Ende Mai 2021 von Rosanne Casimir, der Anführerin der First Nation Tk'emlúps te secwépemc, verkündet. Vorausgegangen war die Suche mithilfe eines Spezialradars durch die Anthropologin Sarah Beaulieu, die nach Überresten von Kindern auf dem Gelände des Internats gesucht hatte, die dort begraben sein sollten. 

Die junge Anthropologin lehrt seit 2018 Anthropologie und Soziologie an der University of the Fraser Valley. Ihr vorläufiger Bericht basiert auf Vertiefungen und Anomalien, die im Boden eines Apfelbaumgartens in der Nähe der Schule ausgemacht wurden und nicht auf exhumierten Überresten. Laut Rosanne Casimir stellen diese vermissten Kinder „nicht dokumentierte Todesfälle“ dar. Ihre Anwesenheit, so sagte sie, sei in der Gemeinde seit langem „bekannt“ und „einige waren erst drei Jahre.“ 

Anhand neuer Untersuchungen, die auf einer Pressekonferenz am 15. Juli 2021 mitgeteilt wurden, grenzte Sarah Beaulieu die potenzielle Entdeckung von 215 auf 200 „wahrscheinliche Gräber“ ein. Sie fand zahlreiche Unklarheiten, „Störungen im Boden wie Baumwurzeln, Metall und Steine“. Die „vom Radar erfassten Störungen“, ließen Beaulieu zu dem Schluss kommen, dass die Stätten „mehrere Signaturen aufweisen, die für Gräber-typisch sind“. Eine Bestätigung könne erst erfolgen, wenn die fraglichen Plätze durch Grabungen untersucht werden, falls sie überhaupt ausgegraben werden. Ein Sprecher der Gemeinde behauptet, dass der vollständige Bericht „nicht“ an die Medien weitergegeben werden kann. Chief [Häuptling] Rosanne Casimir sagte: „Es ist noch nicht klar, ob weitere Arbeiten an der Kamloops-Stätte zu Ausgrabungen führen werden“. 

Viel Wirbel ohne Beweise und Wissen 

Die „Entdeckung“ von Kamloops im Jahr 2021 hatte in Kanada und im Ausland für viel Aufsehen gesorgt. Auf der Grundlage der vorläufigen Bewertung und bevor irgendwelche Überreste gefunden oder ein glaubwürdiger Bericht erstellt wurde, verwies Premierminister Justin Trudeau sofort auf „ein dunkles und schändliches Kapitel“ der kanadischen Geschichte. Auch der Premierminister von British Columbia, John Horgan, zeigte sich „entsetzt und mit gebrochenem Herzen“, als er von der Existenz einer Begräbnisstätte für 215 Kinder erfuhr, die angeblich das Ergebnis von Gewalt und den Folgen des Internatssystems waren.

Am 30. Mai setzte die Bundesregierung die Flaggen auf allen ihren Gebäuden auf Halbmast und führte dann einen Feiertag ein, um die „verschwundenen“ Kinder und die Überlebenden der Internatsschulen zu ehren. Spontan wurden Haufen von Kinderschuhen, orangefarbenen Hemden und anderen Gegenständen auf Kirchentreppen oder vor Parlamentsgebäuden zum Gedenken an die kleinen Opfer ausgestellt. Gleichzeitig wurden im ganzen Land Kirchen niedergebrannt oder verwüstet [68 zum Zeitpunkt des Artikels. Anm. d. Ü.]. Statuen wurden beschmiert oder zerstört.  

Weitere haltlose Behauptungen der Anführer der Ureinwohner brachten neuen Schwung in die mediale Berichterstattung, indem behauptet wurde, dass die Leichen von 215 Kindern tatsächlich gefunden worden seien.  Man sattelte noch drauf und gab an, dass „Tausende“ von Kindern aus den Internatsschulen „verschwunden“ und die Eltern nicht informiert worden seien. Die angeblichen Vergrabungsorte mutierten in den Medien zu „Massengräbern“, in denen die Leichen wild durcheinandergeworfen wurden. Diese sogenannten „Nachrichten“ sorgten für einen regelrechten Hype in den Medien. Unter der Überschrift „Horrible story: Common grave of indigenous children reported in Canada“ berichtete die New York Times am 28. Mai folgendes: „Für Jahrzehnte wurden die meisten [sic!] indigenen Kinder in Kanada von ihren Familien weggenommen und in Internate gezwungen. Viele sind nie nach Hause zurückgekehrt, da ihre Familien nur vage oder gar keine Erklärungen erhalten haben. Die indigene Gemeinschaft hat Beweise dafür gefunden, was mit einigen ihrer vermissten Kinder geschehen ist: ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von 215 Kindern auf dem Gelände eines ehemaligen Internats.“

Aufgrund der falschen und sensationslüsternen Berichte blieb auch das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Menschenrechte nicht untätig und stellte die geschilderten Ereignisse als „groß angelegte Menschenrechtsverletzung“ dar. Die Vereinten Nationen forderten die kanadischen Behörden und die katholische Kirche auf, „gründliche Untersuchungen über die Entdeckung eines Massengrabes mit den sterblichen Überresten von mehr als 200 Kindern“ durchzuführen, da keine einzige Leiche bis zu diesem Zeitpunkt exhumiert worden war. Natürlich forderte auch Amnesty International, dass man die Personen und Institutionen, die für die in Kamloops „gefundenen Überreste“ verantwortlich seien, strafrechtlich verfolge. Unglaublicherweise beantragte die Volksrepublik China, die zweifellos die größten Menschenrechtsverletzungen zu verzeichnen hat, im Juni 2021 beim UN-Menschenrechtstribunal eine Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen an den indigenen Völkern Kanadas.  

Kotau für nichts 

Die angeblichen Urheber dieses „Verbrechens“ überschlagen sich im vorauseilenden Gehorsam mit Entschuldigungen: die kanadische Regierung, die betroffenen Religionsgemeinschaften und die katholische Bischofskonferenz. Im Juni drückte Papst Franziskus seinen Schmerz über „die schockierende Entdeckung in Kanada der sterblichen Überreste von 215 Kindern“ in Kamloops aus,  und versprach, nach Kanada zu kommen. Doch die Anführer der kanadischen indigenen Völker verlangen eine offizielle Entschuldigung und von der Kirche Entschädigungsgelder für die Überlebenden. Bereits zum damaligen Zeitpunkt hatte die kanadische Regierung ganze 27 Millionen Dollar bereitgestellt, um die Wahrheit über die unmarkierten Gräber herauszufinden. 

Hintergründe der medialen Eskalation 

Regierungen und Medien folgen in ihren Handlungen nicht Tatsachen, sondern Thesen, Behauptungen vom „Verschwinden“ von Kindern aus den Internatsschulen. Dabei hat sich der Narrativ vom „kulturellen Genozid“, wie er von der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) abgesegnet wurde, zu einem „physischen Genozid“ gewandelt. Das wird allerdings von der TRC zurückgewiesen, obwohl die eingangs erwähnten Bodenanomalien noch gar nicht vollumfassend untersucht wurden. Auch ein Projekt zur Untersuchung des Bodens mit der gleichen Methode im Brandon-Internat in Manitoba, das 2012 begann und 2019 neu gestartet wurde, hat bisher keine eindeutigen Ergebnisse erbracht. Das Forschungsteam arbeitet an der Identifizierung von 104 potenziellen Gräbern und muss noch die Archive des Internats einsehen und Überlebende befragen. 

In ihrem Bericht aus dem Jahr 2015 identifizierte die Commission de vérité et réconciliation du Canada (CVR) insgesamt 3.200 Todesfälle von Kindern in den Internatsschulen. Sie konnte jedoch bei einem Drittel der Kinder (32%) nicht die Namen und bei der Hälfte (49%) nicht die Todesursache herausfinden. Warum aber gibt es so viele „namenlose“ Schüler in den Internaten? Laut dem Bericht gibt es „erhebliche Einschränkungen in der Qualität und Quantität der Daten, die die Kommission über Todesfälle in den Internaten zusammenstellen konnte“. Mit einer verzerrten Zählmethode, die den seinerzeit fehlenden Verwaltungsmöglichkeiten geschuldet ist und bei der die Todesfälle von Schülern zweimal gezählt werden konnten, wurde die Zahl der vermissten Schüler und das angebliche Wissen über ihre Todesursache ungenau, stark vergrößert und damit wenig aussagekräftig. Die so gewonnen und kolportierten Fehlinformationen sind die Grundlage für die Annahme, dass alle namenlosen Schüler angeblich ohne Wissen ihrer Eltern verschwunden sind und in Massengräbern verscharrt wurden.  

Es ist wahrscheinlich, dass sich diese methodische Lücke auf die Jahre vor 1950 bezieht, denn die von der Kommission registrierte Sterblichkeitsrate in den Internaten von 1921 bis 1950 war doppelt so hoch wie die Sterblichkeitsrate der kanadischen Jugendlichen der Allgemeinbevölkerung im Alter von fünf bis vierzehn Jahren – etwa vier Todesfälle pro Jahr pro 1.000 Jugendliche, die die Schulen besuchten. Die Todesfälle waren hauptsächlich auf Tuberkulose und Grippe zurückzuführen, wenn die Kommission die Ursache feststellen konnte. Andererseits war die Sterblichkeitsrate in den Internaten von 1950 bis 1965 mit dem kanadischen Durchschnitt ebenfalls für Jugendliche im Alter von fünf bis vierzehn Jahren vergleichbar. Dieser Rückgang ist höchstwahrscheinlich auf Impfung mit TBC-Impfstoffen, die in den Internaten wie auch in anderen kanadischen Schulen stattfand, zurückzuführen.

Todesfälle in den Internatsschulen von Kamloops 

Das Internat von Kamloops wurde 1890 auf Initiative des Shuswap-Häuptlings Louis Clexlixqen gegründet und von Generationen von Priestern und Brüdern der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria und den Schwestern der Heiligen Anna aus Quebec geleitet. 

In den 1950er Jahren wurde die Schule mit etwa 500 Kindern von vier englischsprachigen Oblaten und elf St. Anna-Schwestern geführt, so die Schätzung von Mathieu Perreault in La Presse (2. Juli 2021). Ihm zufolge hatte ein typisches, von der katholischen Kirche geführtes Internat zwei oder drei Oblaten, ein Dutzend Nonnen und oft Hunderte von Kindern. 

Mittlerweile hat das Nationale Zentrum für Wahrheit und Versöhnung (NZW) im Internat Kamloops die Namen von 51 Kindern, die zwischen 1915 und 1964 verstorben sind, offiziell registriert. Informationen über diese Kinder ließen sich auch in Library and Archives of Canada und in den Sterbeurkunden finden, die in der Online-Genealogie-Ressource der British Columbia Archives aufbewahrt werden. 

Kombiniert man diese beiden Quellen, erhält man ein gutes Bild vom Tod von mindestens 35 der 49 Schüler. Siebzehn starben im Krankenhaus und acht in ihrem eigenen Reservat infolge einer Krankheit oder eines Unfalls. Bei vier wurden Autopsien durchgeführt und bei sieben Untersuchungen durch den Gerichtsmediziner. Was die Begräbnisstätten betrifft, so wurden 24 auf dem Friedhof ihres ursprünglichen Indianerreservats und vier auf dem Friedhof des Kamloops-Indianerreservats beerdigt. Für die restlichen 49 Kinder fehlen entweder die Informationen oder es müssen die vollständigen Sterbeurkunden über die entsprechenden Behörden von British Columbia herangezogen werden. Dies zeigt, dass es unhaltbar ist, wenn behauptet wird, dass die Behörden die Todesfälle vernachlässigt oder irgendwie vertuscht hätten, dass die Eltern nicht informiert worden seien oder dass die sterblichen Überreste nie nach Hause zurückgekehrt seien.  

Hinzu kommt, dass das Ministerium für indianische Angelegenheiten ab 1935 ein Verfahren für den Tod eines Schülers vorschrieb. Der Direktor des Internats musste den Beamten der Abteilung informieren, der einen Untersuchungsausschuss bildete, der aus ihm selbst, dem Direktor und dem Arzt, der den Tod festgestellt hatte, bestand. Die Eltern mussten über die Untersuchung informiert werden und durften an der Untersuchung teilnehmen und eine Erklärung abgeben. 

Das Kamloops Internat befindet sich im Übrigen mitten im Kamloops Reservat, eine Tatsache, die von Sprechern der Indigenen oder in den Medien nie erwähnt wird. Im Bericht des NZW heißt es, dass „die Schulen in den ersten Jahren des Systems praktisch alle von Kirchen betrieben wurden [und] christliche Beerdigungen in den meisten Schulen die Norm waren.“ Darüber hinaus konnte der Friedhof der angrenzenden Kirche „als Begräbnisstätte für Schüler, die in der Schule sterben, sowie für Mitglieder der örtlichen Gemeinde und die Missionare selbst genutzt werden“. Dies ist in Kamloops der Fall. Die Recherchen zeigen, dass vier Schüler auf einem Friedhof im Reservat in der Nähe der St.-Josephs-Kirche, nicht weit vom Internat entfernt, beerdigt wurden. 

War es bei der Nähe des Friedhofs zur Schule wirklich glaubwürdig, dass die sterblichen Überreste von 200 Kindern heimlich in einem Massengrab mitten im Reservat beerdigt wurden, ohne dass der Stammesrat bis zum letzten Sommer darauf reagiert hätte? Häuptling Rosanne Casimir behauptet jedoch, dass die Anwesenheit von Kinderüberresten der Gemeinschaft seit langem „bekannt“ war. Doch warum meldeten sich die indigenen Familien nicht? Und wie kann es sein, dass derartige Verbrechen stattfinden, ohne dass es Whistleblower und reuige geständige Täter gab? 

Außerdem war British Columbia zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht der Wilde Westen. Ein Forscher, der die Sterbeurkunde eines Schülers des Internats in Kamloops erhalten möchte, kann diese heutzutage durch Eingabe des Namens und des Sterbedatums auf der Website von British Columbia Genealogical Records einsehen. Diese Art der Recherche ist auch in anderen Provinzen möglich.  

Ein weiterer inszenierter Skandal als Beispiel 

Eine weitere „namenlose Begräbnisstätte“ in der Nähe eines Internats schockte die kanadische Öffentlichkeit im Juni nach der der Kamloops-Geschichte: Es war die der Cowessess First Nation (Marieval) in Saskatchewan, die noch mehr Schockwellen auslöste. Das dortige Internat wurde seit 1899 in der abgelegenen Region genutzt und von den Oblaten und Schwestern des Heiligen Josef von Saint Hyacinth geleitet. Mittels der Spezialradar-Suche konnten 751 gut angeordnete Gräber entdeckt werden. Die Aufregung legte sich, nachdem ein Reporter recherchierte, dass es sich bei dem Gelände tatsächlich und ganz einfach um den katholischen Friedhof der Mission des Unbefleckten Herzens Mariens, Marieval, handelte. 

Laut dem Register der Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von 1885 bis 1933 gab es vor Ort sicherlich Gräber von Kindern, die im Internat verstorben waren, aber auch von vielen Erwachsenen und Kindern unter fünf Jahren aus der Umgebung. „Auf diesem Friedhof gab es eine Mischung aus allen“, sagten die Ortsansässige Pearl Lerat und ihre Schwester Linda Whiteman, die von den späten 1940er bis Mitte der 1950er Jahre das Marieval-Internat besuchten.

Pearl Lerat sagte auch, dass „die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der Schwestern dort zusammen mit anderen Personen außerhalb der First Nation begraben sind“, egal, ob weiß oder indigen. Andere Einwohner gaben an, dass die Gräber bis in die 1960er Jahre Kreuze und Grabsteine hatten, bis ein Priester sie entfernte, weil der Friedhof in „sehr schlechtem Zustand“ war. Der Historiker Jim Miller von der Universität von Saskatchewan bestätigte, dass „die Überreste der in Marieval und Kamloops gefundenen Kinder auf Friedhöfen nach katholischen Riten unter schnell zerbröckelnden Holzkreuzen beerdigt worden“.

Der chef Louis Clexlixqen

Todesfälle in den Internatsschulen von Kamloops 

Das Internat von Kamloops wurde 1890 auf Initiative des Shuswap-Häuptlings Louis Clexlixqen gegründet und von Generationen von Priestern und Brüdern der Oblaten der Unbefleckten Maria und den Schwestern der Heiligen Anna aus Quebec geleitet. 

In den 1950er Jahren wurde die Schule mit etwa 500 Kindern von vier englischsprachigen Oblaten und elf St.-Anna-Schwestern geführt, so die Schätzung von Mathieu Perreault in La Presse (2. Juli 2021). Ihm zufolge hatte ein typisches, von der katholischen Kirche geführtes Internat zwei oder drei Oblaten, ein Dutzend Nonnen und oft Hunderte von Kindern.

Mittlerweile hat das Nationale Zentrum für Wahrheit und Versöhnung (NZW) im Internat Kamloops die Namen von 51 Kindern, die zwischen 1915 und 1964 verstorben sind, offiziell registriertxviii. Informationen über diese Kinder ließen sich auch in Library and Archives of Canada und in den Sterbeurkunden finden, die in der Online-Genealogie-Ressource der British Columbia Archives aufbewahrt werden. 

Kombiniert man diese beiden Quellen, erhält man ein gutes Bild vom Tod von mindestens 35 der 49 Schüler. Siebzehn starben im Krankenhaus und acht in ihrem eigenen Reservat infolge einer Krankheit oder eines Unfalls. Bei vier wurden Autopsien durchgeführt und bei sieben Untersuchungen durch den Gerichtsmediziner. Was die Begräbnisstätten betrifft, so wurden 24 auf dem Friedhof ihres ursprünglichen Indianerreservats und vier auf dem Friedhof des Kamloops-Indianerreservats beerdigt. Für die restlichen 49 Kinder fehlen entweder die Informationen oder es müssen die vollständigen Sterbeurkunden über die entsprechenden Behörden von British Columbia herangezogen werden. Dies zeigt, dass es unhaltbar ist, wenn behauptet wird, dass die Behörden die Todesfälle vernachlässigt oder irgendwie vertuscht hätten, dass die Eltern nicht informiert worden seien oder dass die sterblichen Überreste nie nach Hause zurückgekehrt seien.  

Hinzu kommt, dass das Ministerium für indianische Angelegenheiten ab 1935 ein Verfahren für den Tod eines Schülers vorschrieb. Der Direktor des Internats musste den Beamten der Abteilung informieren, der einen Untersuchungsausschuss bildete, der aus ihm selbst, dem Direktor und dem Arzt, der den Tod festgestellt hatte, bestand. Die Eltern mussten über die Untersuchung informiert werden und durften an der Untersuchung teilnehmen und eine Erklärung abgeben. 

Das Kamloops-Internat befindet sich im Übrigen mitten im Kamloops-Reservat, eine Tatsache, die von Sprechern der Indigenen oder in den Medien nie erwähnt wird. Im Bericht der CVR heißt es, dass „die Schulen in den ersten Jahren des Systems praktisch alle von Kirchen betrieben wurden [und] christliche Beerdigungen in den meisten Schulen die Norm waren.“ Darüber hinaus konnte der Friedhof der angrenzenden Kirche „als Begräbnisstätte für Schüler, die in der Schule sterben, sowie für Mitglieder der örtlichen Gemeinde und die Missionare selbst genutzt werden“. Dies ist in Kamloops der Fall. Die Recherchen zeigen, dass vier Schüler auf einem Friedhof im Reservat in der Nähe der St.-Josephs-Kirche, nicht weit vom Internat entfernt, beerdigt wurden. 

War es bei der Nähe des Friedhofs zur Schule wirklich glaubwürdig, dass die sterblichen Überreste von 200 Kindern heimlich in einem Massengrab mitten im Reservat beerdigt wurden, ohne dass der Stammesrat bis zum letzten Sommer darauf reagiert hätte? Häuptling Rosanne Casimir behauptet jedoch, dass die Anwesenheit von Kinderüberresten der Gemeinschaft seit langem „bekannt“ war. Doch warum meldeten sich die indigenen Familien nicht? Und wie kann es sein, dass derartige Verbrechen stattfinden, ohne dass es Whistleblower und Reuige gab? 

Außerdem war British Columbia zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht der Wilde Westen. Ein Forscher, der die Sterbeurkunde eines Schülers des Internats in Kamloops erhalten möchte, kann diese heutzutage durch Eingabe des Namens und des Sterbedatums auf der Website von British Columbia Genealogical Records einsehen. Diese Art der Recherche ist auch in anderen Provinzen möglich.  

Ein weiterer inszenierter Skandal als Beispiel 

Eine weitere „namenlose Begräbnisstätte“ in der Nähe eines Internats schockte die kanadische Öffentlichkeit im Juni nach der der Kamloops-Geschichte: Es war die der Cowessess First Nation (Marieval) in Saskatchewan, die noch mehr Schockwellen auslöste. Das dortige Internat wurde seit 1899 in der abgelegenen Region genutzt und von den Oblaten und Schwestern des Heiligen Josef von St. Hyacinth geleitet. Mittels der Spezialradar-Suche konnten 751 gut angeordnete Gräber entdeckt werden. Die Aufregung legte sich, nachdem ein Reporter von CBC News recherchierte, dass es sich bei dem Gelände tatsächlich und ganz einfach um den katholischen Friedhof der Mission des Unbefleckten Herzens Mariens, Marieval, handelte. 

Laut dem Register der Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von 1885 bis 1933 gab es vor Ort sicherlich Gräber von Kindern, die im Internat verstorben waren, aber auch von vielen Erwachsenen und Kindern unter fünf Jahren aus der Umgebung. „Auf diesem Friedhof gab es eine Mischung aus allen“, sagten die Ortsansässige Pearl Lerat und ihre Schwester Linda Whiteman, die von den späten 1940er bis Mitte der 1950er Jahre das Marieval-Internat besuchten.

Pearl Lerat sagte auch, dass „die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der Schwestern dort zusammen mit anderen Personen außerhalb der First Nation begraben sind“, egal, ob weiß oder indigen. Andere Einwohner gaben an, dass die Gräber bis in die 1960er Jahre Kreuze und Grabsteine hatten, bis ein Priester sie entfernte, weil der Friedhof in „sehr schlechtem Zustand“ warxxii. Der Historiker Jim Miller von der Universität von Saskatchewan bestätigte, dass „die Überreste der in Marieval und Kamloops gefundenen Kinder auf Friedhöfen nach katholischen Riten unter schnell zerbröckelnden Holzkreuzen beerdigt worden“.

Resümee 

Laut dem Bericht der CVR dienten die Friedhöfe oft als Begräbnisstätten für in der Schule verstorbene Schüler und für Mitglieder der örtlichen Gemeinde. Nach Schließung der Internate wurden die Friedhöfe aufgegeben, weshalb sie schwer aufzufinden waren. Die Kommission schlug deshalb vor, dass man die Friedhöfe ausfindig mache und schütze.  

Angesichts der genannten Tatsachen fällt es schwer zu glauben, dass die Suche nach einem angeblichen Friedhof oder Massengrab in einem Apfelbaumgarten auf dem Land mitten in einem Reservat zu einer solchen Spirale von Fehlbehauptungen führen konnte. Es ist unglaublich, welche Handlungen und Wortmeldungen wie in einem durchgeplanten Theaterstück auf der Basis von Fake-News stattfanden. 

Fantasie, Emotionen, Geldgier und Reputationsgelüste schienen über die Suche nach der Wahrheit gesiegt zu haben. Ist es auf dem Weg zur Versöhnung aber nicht der beste Weg, die Wahrheit zu suchen und zu erzählen, anstatt sensationelle Mythen auf den Gräbern unschuldiger Toter zu schaffen?