Was können wir für die Kirche tun?

2019
Quelle: Distrikt Österreich

Wir stellen fest, dass die Krise in der Kirche andauert. Was können wir tun, um ihre Leiden abzuhelfen, um ihre Genesung zu beschleunigen? Dieser Vortrag aus dem Jahre 1978, als P. Dr. Kamenicky in Zaitzkofen dozierte, bringt Anregungen, die an Aktualität nichts verloren haben. Der Ort und das genaue Datum des Vortrags konnten wir leider nicht feststellen. Der gesprochene Stil wurde beibehalten.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Vor einigen Monaten war es, dass ich, wie es sich fügte, in ein Kloster kam, das vor seiner Demolierung stand. Die Erhaltung des alten Komplexes war dem immer kleiner werdenden Konvent wirtschaftlich unmöglich geworden. Seine im Alter vorangeschrittenen Mitglieder zeigten sich der zu bewältigenden Arbeit einfach nicht mehr gewachsen. So hatte man sich entschlossen, das Kloster auf Abruf zu verkaufen und das Ordensleben, so lange es gehen mochte, in einer Etage des großen Wohnhauses fortzusetzen, das auf bisher unbebautem Gelände des Klosters bereits seiner Vollendung entgegen ging. Nur die Kirche bleibe stehen, hörte ich. So war es jedenfalls geplant. Es gibt eine Zeit des Aufbauens und eine Zeit des Niederreißens zitierte ohne alle Bitterkeit und ergeben in Gottes Willen die heilige Schrift, Prediger 3.3. Was soll auch eine klösterliche Gemeinschaft tun, zu der trotz allen Mühens und Betens seit langem keine Jugend mehr stößt? Unwillkürlich verließ ich diese traurige Stätte mit dem Gefühl, hier einem Sinnbild des Geschicks der Kirche in unseren Tagen begegnet zu sein, obwohl ich mich mit diesem Gedanken nicht recht versöhnen konnte. Aber war das Bibelwort zu entkräften, das einen solchen Wechsel aller Dinge mit Deutlichkeit als ein Gesetz des Weltlaufes aussprach?  Zunächst schien mir allerdings, als hätte man aus der Lage des Klosters heraus das Wort des Predigers unbewusst kaum merklich verändert. Folgt denn nicht in diesem das Aufbauen dem Niedergang und nicht umgekehrt? Ein Blick ins alte Testament bestätigte, dass es sich tatsächlich so verhält. Aber was hatte eine solche Nuance zu bedeuten? Konnte sie darüber hinwegtrösten, dass wir jetzt offenkundig die Zeit des Niederreißens erleben? Diese scheinbar so eindeutige Sicht begann sich jedoch sehr bald zu wandeln. Was macht eine bestimmte Epoche der Geschichte im Grunde zu einer Zeit des Abbruchs? Durch das Einreißen des Bestehenden. Nichts anderes. Dann müsste die Hinkehr zum entgegengesetzten Tun, zur fröhlichen Tätigkeit des Bauens, an sich schon die Zeit zu einer Zeit des Aufbaues machen. Oder nicht? Wurde nicht schon genug zerstört, um die Zeit des Niederreißens, die wohl kommen musste, in ihrem geheimnisvollen Recht und Anspruch zu bestätigen? Währt es nicht schon überlang, dass dem Einreißen durch die einen bei den anderen bloß der Schmerz und die Klage über dieses Einreißen gegenübersteht? Wann haben wir endlich den Schock über jene Katastrophe überwunden und legen Hand an, um aufs Neue zu bauen? Eine Frage, die sich im Gläubigen immer stürmischer aufdrängt. Sobald wir damit beginnen, ist die Gegenwart zu einer Zeit des Aufbauens geworden, die wir jammernd und untätig umsonst erwarten. Ich selber zweifle nicht. Die Zeit des Aufbauens ist gekommen. Fragen wir uns heute also: Was können wir für die Kirche tun?

An erster Stelle, meine verehrten Damen und Herren, muss der Wiederaufbau in der Seele des Einzelnen stehen. Die solide und tatkräftige Grundlegung des katholischen Lebens in uns. Nicht der stolze Campanile steht am Anfang dort, wo die Kirche gebaut wird, sondern das Herz, das sich auftut für Gott. Wir müssen vor allem die Notwendigkeit und Vordringlichkeit dieses Werkes einsehen. Vieles ist im Sturm der Zeit abgebröckelt, verödet, in Vergessenheit geraten, was zu diesem geistigen Gottesbau gehört.  Auch bei jenen, die ihm treu bleiben wollten, sich aber mit einem Mal in eine fremde Welt versetzt sahen. Hier muss etwas geschehen und zwar sofort. Wir müssen klar erkennen, dass diese Arbeit ebenso bedeutsam wie ungefährdet ist. Solcher Aufbau kann von niemandem wirklich behindert werden. Er lässt sich jeden Augenblick in Angriff nehmen. Er erfordert keine Mobilisierung äußerer Mittel noch die Zustimmung bestimmter Instanzen. Es genügt die Bereitschaft einer Seele, Gottes Reich in sich zu verankern und der Gnade des Herrn die uneingeschränkte Herrschaft zu überlassen. Keiner soll von der Überzeugung ausgehen, dass hier bei ihm alles zum Besten steht. Er würde sich täuschen. Der äußere Zusammenbruch des kirchlichen Lebens hat auch die im Glauben Getreuen in arge Mitleidenschaft gezogen. Verwirrt durch so viel Unbegreifliches, zutiefst verstört und erbittert durch die Entwicklung, welche die Dinge in der Kirche genommen haben, wurden allzu viele aus ihrer Bahn geworfen, aller Sicherheit beraubt, der alten Glaubensfreude entblößt und dem nagenden Schmerz von Zweifel und Heimweh, Kränkung  und Abscheu überantwortet. In solcher Seelenverfassung gedeiht aber kein reiches, gesundes, religiöses Leben. Und das Fruchttragen in Geduld wird zu einer unrealistischen Erwartung.

 Wir alle, die wir solche Art mitgenommen sind von den Ereignissen der Letzten 20 Jahre haben es bitter nötig, wieder aufzubauen In unseren Herzen. Und zwar alles das, was von den Unwettern zerzaust, verweht und in Scherben geworfen wurde. Darüber hinaus bleibt uns vieles einzuholen, was wir in dieser langen Epoche unseres Lebens versäumt haben. Wir haben also alle Hände voll zu tun und werden kaum mehr viel Zeit für bloßes Klagen erübrigen können. Der Wiederaufbau des religiösen Lebens in uns, der am Anfang aller Bemühungen um die Kirche zu stehen hat, umfasst wesentlich vier Dinge, die wir hier kurz in Erinnerung rufen:

1) Die Übung des Gebetes

2) Das sakramentale Leben aus Christus 

3) Das Streben nach Vollkommenheit

4) Den apostolischen Einsatz.

Wir wollen diese Hauptpunkte unserer unentbehrlichen, persönlichen Mithilfe zum Wiedererstarken der Kirche mit wenigen Worten erläutern:

Das Gebet

Zunächst die Übung des Gebetes: Gebet als Lebensform bedeutet weit mehr als die Ableistung einer Gebetspflicht, an die man sich gewöhnt hat und die man nach Kräften pünktlich zu erfüllen sucht. Beten ist eine Weise des bewussten, ständigen und innigen Lebens mit Gott, des geistigen Dienstes vor ihm, des fortwährenden Eintretens für Seine Kirche, des Ringens um das Heil vieler. Ob wir selber in diesem Sinne das Gebet als andauernde Berührung mit Gott auffassen, die ein unermessliches Element unseres Lebens ist, können wir daran ablesen, welchen Platz das Gebet unter allen Dingen, die uns beschäftigen, einnimmt, welchen Raum wir ihm in unserem täglichen Leben schaffen. Vor allem werden wir dies erkennen, wenn wir uns fragen, ob unser Beten der Verherrlichung Gottes und der Verwirklichung seiner Pläne in der Schöpfung dienen will, was ja seine Aufgabe wäre. Hierum ist es nun auch bei vielen bestgesinnten Katholiken ohne Zweifel traurig bestellt. Der Vorrang unserer irdischen Geschäfte vor dem geistigen Gottesdienst unseres Herzens ist leider so eklatant, dass wir uns über die fast totale Verweltlichung der Kirche eigentlich gar nicht zu wundern brauchen. Und was - vielleicht noch eher begreiflich - von den Berufssorgen gilt, das gilt schmerzlicher Weise ebenso von der heutzutage oft beträchtlichen Freizeit. Hunderte Millionen Christen in aller Welt vergeuden Jahr für Jahr Milliarden kostbarer Stunden vor dem Fernsehschirm. Obwohl sie die Programme tadeln, mit dem Gebotenen unzufrieden sind, sich über Vieles immer wieder ärgern, bleiben sie doch ihrer Gewohnheit treu, die freien Stunden des Abends, die sie viel besser Gott und ihrer Seele, ihren Angehörigen oder einsamen Menschen schenken könnten, diesem Götzen zu widmen. Das müsste sich rasch und einschneidend ändern. Viel wertvolle Zeit verschwenden wir auch an seichte Unterhaltungslektüre, die zwar die menschliche Neugier reizt, das Herz aber leer lässt.  Nehmen wir noch den Verlust an ungelebter Zeit hinzu, den wir durch unsere Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit und fehlende Disziplin ständig erleiden, ergibt sich eine gewaltige Menge an vertaner Zeit, fast etwas wie ein zweites Dasein, auf das wir leichtfertig verzichten und das mit unserem inneren Leben gefüllt werden könnte, vor allem mit dem Gebet. Sicher genügt nicht die Aufforderung hier einmal radikal umzudenken. Es bedürfte wohl auch der äußeren Anstöße, um unser tägliches Beten von seiner Kümmerlichkeit zu befreien, es vor allem aus der stets drohenden Gefahr von Trotz und mangelndem Tiefgang herauszureißen. Unsere Fähigkeit zum freien, inneren, gar zum betrachtenden Beten ist doch sehr gering, jedenfalls wenig entwickelt.  Unser Gebetsschatz, dessen wir uns jederzeit bedienen können, ist nicht selten beschämend klein. Wie wäre es, wenn wir uns von jetzt an Monat für Monat einen Psalm, ein Gebet aus dem Schatze der Kirche oder einen Text aus dem Gebetsleben eines Heiligen aneigneten, unserem Gedächtnis einprägten, um ihn künftig so zu Verfügung zu haben wie das Vaterunser und den Engel des Herrn? Wenn uns regelmäßig, Monat für Monat ein solches Blatt in die Hand gegeben würde, mit einem ganz bestimmten wertvollen Gebet, das wir bisher noch nicht zu beten wussten oder vielleicht längst vergessen haben, vielleicht reicht ja schon diese monatliche Anregung aus, unser Beten bewusster, reicher, lebendiger zu gestalten. Das Beten bleibt allerdings ohne Kraft und ohne Ausstrahlung auf unser Leben, wenn ihm die Beharrlichkeit fehlt. Das ausdauernde Gebet, das Beten ohne Unterlass, wie es die Heilige Schrift nennt, ist gleichsam die Atemluft unserer neuen Existenz, zu der wir in der Gnade wiedergeboren sind. Das klassische Beispiel und Vorbild des eindringenden, nicht nachlassenden Gebetes ist der Rosenkranz, den wir alle sehr lieben und mit großer Treue beten sollten. Aber auch in den Litaneien der Kirche und in den Offizien des Stundengebetes lebt dieser Geist der Inständigkeit. Alle diese Dinge helfen aber nicht allein dadurch, dass es sie gibt, sondern einzig dadurch, dass sie geübt und gepflegt werden. Beten darf schließlich niemals nur eine Sache äußerer Verrichtung sein, nie zu einem bloßen Werk der Lippen absinken.  Beten ist ein Akt der Innerlichkeit, des gläubigen, preisenden, dankenden und flehenden vor Gott Seins.  Es kann in die Betrachtung der göttlichen Dinge übergehen, die sich keiner Worte mehr bedient, die zuletzt nur mehr Schau und Versenkung in das Geheimnis von Gottes Gegenwart und Herrlichkeit ist. Aber damit werden wir kaum beginnen können. Dazu fehlt uns wohl sehr viel an Sammlung, an innerer Ruhe des Geistes, an der Fähigkeit, über das Irdische hinweg zu schreiten, es abzutun, um ganz einzutauchen in Gott. Freilich, gerade dieses Gebet liebender Versunkenheit in Gott, Sein Geist und Seine Kraft fehlen heute besonders schmerzlich. Und die Abwesenheit solch tragenden Grundes entwertet viel gutgemeintes Mühen zu Oberflächlichkeit und geschäftigem Leerlauf. Darüber, wie man das Beten erlernt, wie man es einübt und pflegt, wie man daran innerlich wachsen und wie man es anderen lehren kann, wäre im Einzelnen gewiss vieles zu sagen. Hier wollen wir nur einmal heute wie in einem Überblick uns bewusst machen, was mangelt, worum wir uns bemühen müssen, wo wir von uns aus Hand anlegen können, um alles in der Kirche zum Besseren zu wenden. Es ist so vieles und wir tun es nicht.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: P. Dr. Eduard Kamenicky