Vorwort: Pius X. angesichts des Antichrists - Gedanken zur heutigen Lage

31. Mai 2020
Quelle: Distrikt Österreich
Luca Signorelli, Predigt und Sturz des Antichrists, 1499-1502

Liebe Freunde und Wohltäter,

In seiner ersten Enzyklika nach der Besteigung des päpstlichen Stuhls im Jahre 1903 nimmt der hl. Pius X. gleich zu Beginn in aller Klarheit Stellung zur damaligen gesellschafts-politischen Lage, die in vielen Staaten von kirchenfeindlichen, freimaurerischen Kräften beherrscht war. Er spricht von einem „frevelhaften Krieg, der jetzt fast überall gegen Gott entbrannt ist und geschürt wird“, und der sich in der leidenschaftlichen Leugnung der Rechte Gottes und seiner milden Herrschaft über die Völker äußere. Der hl. Papst scheute sich nicht, in diesem „Abfall von Gott, dem Bundesgenossen der Verderbnis“ einen Vorboten des Antichrists zu erblicken: „Die Betrachtung dieser Zustände ruft unwillkürlich die Befürchtung wach, als hätten wir … die Vorboten, ja den Anfang jener Übel vor uns, welche am Ende der Zeiten zu erwarten sind, oder als weilte ‚der Sohn des Verderbens‘, von dem der Apostel spricht (2Thess 2,3), schon jetzt auf Erden.“ Mit diesem Hinweis wollte Pius X. gewiss nicht behaupten, der Antichrist stehe unmittelbar vor der Tür. Vielmehr wollte er klarmachen, dass Kräfte am Werk seien, die von antichristlichen Ideen besessen wären und die alles daran setzten, das in der Apokalypse prophezeite Reich des Antichrists vorzubereiten, den er übrigens auch namentlich nennt.

Trifft die Einschätzung unseres heiligen Patrons auch für unsere Zeit zu? Es wäre fast verwegen, dies abzustreiten. Im Gegenteil darf man annehmen, Pius X. hätte in der heutigen Zeit die Alarmglocken noch weit intensiver gezogen. Unser verehrter Gründer, Erzbischof Lefebvre, hat dies getan, und wie er an Ostern 1987 sich ausdrückte, „im Sinn einer Gewissenspflicht in der Geschichte der Kirche“: „Denn wir erleben heute in der Kirche extrem bedeutsame Augenblicke, welche die Ankunft des Antichristen vorbereiten, wenn es so weiter geht. Der Antichrist wird nämlich keine Hindernisse mehr vorfinden.“

Hindernisse für den Antichristen

Solange wachsame Hirten der Kirche und überzeugt katholische Politiker für die Sache Gottes kämpfen, sind die feindlichen Kräfte in ihrem Vormarsch gehindert. Fallen diese Hindernisse weg, muss man das Schlimmste befürchten. „Russland wird seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten.“ Leider ist diese bedingte Androhung U. L. Frau von Fatima traurige Wirklichkeit geworden. Tatsächlich beherrscht der Marxismus – die antichristliche Ideologie – in all seinen Schattierungen bis hin zum Genderismus immer mehr Bereiche von Gesellschaft und Politik und dringt auch immer bedrohlicher ins Innere der Kirche ein. Kein Wunder, wenn wache Beobachter sich Gedanken über die Ursachen, Wirkweisen und Drahtzieher der heute dominierenden politischen Agenda machen. Kein Wunder, wenn man diese Gedanken auch auf die derzeitige Coronakrise bezieht. Ruft uns nicht unser Erlöser selbst auf, „die Zeichen der Zeit zu deuten“?

Wer profitiert von globalen Krisen?

Globale Krisen, wie wir sie heute erleben, geben sowohl guten wie auch schlechten gesellschaftlichen Kräften Anlass, daraus Nutzen zu ziehen: den Guten, um sich für das Gemeinwohl und das Heil der Seelen etc. einzusetzen, wie es etwa ein hl. Karl Borromäus in der furchtbaren Pestepidemie seiner Zeit getan hat; den Bösen, um für die Verfolgung ihrer dunklen Machenschaften Profit zu schlagen. Leider liegt die Befürchtung nahe, dass gegenwärtig vor allem Zweiteres zutrifft. Die bedenklichen Züge, die der EU eigen sind, treten schärfer hervor. Stimmt es nicht nachdenklich, wenn immer häufiger darauf hingewiesen wird, wie in der Politik und in den ihnen fast zur Gänze ergebenen Leitmedien ein Uniformismus herrscht, der jeden demokratischen Diskurs im Keim erstickt? Wenn „Abweichler“ – unter ihnen viele anerkannte und ausgewiesene Fachexperten –  sofort als „Verschwörungstheoretiker“, „Pseudowissenschaftler“ gebrandmarkt oder mit anderen Todschlagargumenten erledigt werden, dann ist der Weg zur Diktatur vielleicht nicht mehr weit.

Die Antwort des hl. Pius X.

Wie sollen wir uns in der derzeitigen Krise verhalten, was ist unsere Aufgabe als Katholiken? Sollen wir uns wehren und politische Aktivisten werden? Hören wir nochmals auf den hl. Pius X., welche Mittel hat er damals als Vater der Christenheit ergriffen? Sein Motto war ganz klar und übernatürlich: „Alles in Christus erneuern!“ Der Kampf für Gott und somit gegen seine Feinde ist wesentlich ein geistiger Kampf, der rein politisch unmöglich gewonnen werden kann. Er muss in erster Linie mit übernatürlichen Waffen ausgefochten werden: „Wo Gott nicht ist, dort flieht die Gerechtigkeit. Nur dadurch, dass alles in Christus erneuert und das Menschengeschlecht zum Gehorsam gegen Gott zurückgeführt wird“, können Friede und Gerechtigkeit erlangt werden.

Daraus ergeben sich meines Erachtens ganz konkrete Schlussfolgerungen.

Schlussfolgerungen

1) Unser Einsatz für die Restaurierung der Kirche bleibt von höchster Bedeutung. Sowohl Pius X. wie auch Mgr. Lefebvre haben die Erneuerung der Heiligkeit des Priestertums, die Ausbreitung des unverfälschten Glaubens und den Einsatz für das soziale Königtum Christi auf ihre Fahne geschrieben. 

2) Nur wenn das göttliche Herz Jesu immer mehr in unserer eigenen Seele herrscht, können wir für die Gesellschaft nachhaltig Gutes tun, für das Reich des Friedensfürsten wirken. Interessanterweise erteilt der hl. Johannes in der Apokalypse, wo er das Auftreten des Antichrists beschreibt, die bezeichnende Mahnung: „Der Frevler mag noch mehr Frevel verüben, der Unreine noch mehr Unreines. Der Gerechte aber handle noch gerechter, der Heilige heilige sich noch mehr.“ Jede Prüfung bewirkt eine Scheidung der Geister. Die Lasterhaften verlieren in der Prüfung jeglichen Halt und werden durch die Zeitumstände auf ihrer schiefen Bahn weitergetrieben. Die Tugendhaften jedoch sollen sich erst recht bemühen, mit lebendigem Glauben aus der Kraft des Gebets und der Sakramente in der Tugend voranzuschreiten.

3) Seien wir nüchtern und wachsam! Chaotische Zeiten erschweren die Orientierung. Viele sind durch Unklugheit und Unbesonnenheit zu Fall gekommen. Das gilt auch für die Einschätzung der heutigen Lage. Üben wir ein gesundes Misstrauen bezüglich der verwirrenden Nachrichtenflut im Internet. Wobei es aber auch gerade das Internet ist, das den erzwungenen Uniformismus (noch) durchbricht. Es ist wirklich nicht leicht, sich verlässliche Informationen zu beschaffen. Manches muss im Dunkeln bleiben, bis es zur rechten Zeit ans Licht kommt. Seien wir also nicht voreilig im Urteilen und Verurteilen! Überschätzen wir uns nicht selbst! Ein gesundes Maß Demut und inniges Gottvertrauen hilft uns vor Fehltritten und bewahrt uns den Herzensfrieden, der bei der heutigen Panikmache schnell verlorengehen kann.

4) Wenn wir den übernatürlichen Mitteln die Priorität geben, soll der politische Kampf nicht in Abrede gestellt, sondern ihm der richtige Stellenwert verliehen werden. Erzbischof Lefebvre rief die katholischen Männer auf, politisch aktiv zu werden. Wer die Voraussetzungen dazu hat, wird sich vor Gott und den Menschen unsterbliche Verdienste erwerben.

5) „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“ Diese Verheißung der Gottesmutter ist uns Weisung und Trost. Wer die Andacht zu ihrem Unbefleckten Herzen übt, gehört zu ihren Schützlingen. Auch Pius X. erinnerte daran: Die Feinde mögen sich noch so abmühen, Gott bleibt immer Sieger! Durch die Unbefleckte! „Der Sieg aber ist immer auf Seiner Seite. Die Niederlage der Menschen rückt nur um so näher, je frecher sie in stolzer Siegeshoffnung sich auflehnen.“

In der Liebe der heiligsten Herzen Jesu und Mariä,

Ihr Pater Stefan Frey