Vorwort: Mgr. Lefebvre und die göttliche Vorsehung - Das gewaltige „Abenteuer“

05 Oktober, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Vorwort des Distriktsoberen aus dem Mitteilungsblatt • Distrikt Österreich • Oktober 2019

Mgr. Lefebvre und die göttliche Vorsehung - Das gewaltige "Abenteuer"

Liebe Freunde und Wohltäter!

Vor 50 Jahren, am 13. Oktober 1969, öffnete das Internationale Priesterseminar St. Pius X. in Freiburg in der Schweiz seine Pforten. Sein Gründer und erster Regens, Erzbischof Marcel Lefebvre, hatte seit längerem schon die Dringlichkeit einer solchen Initiative erwogen, ja er wurde durch die damaligen Umstände geradezu gedrängt, aktiv zu werden. Als Generaloberer der Väter des Hl. Geistes hatte er sich erfolglos gegen die revolutionären Änderungen in der Priesterausbildung gewehrt, die als Früchte des neuen Geistes ausgegeben wurden, der seit dem II. Vatikanischen Konzil die Kirche beseelte.

Fossilien und Skurrilitäten

Dieser neue Geist schien indes nicht von oben inspiriert zu sein, sondern vielmehr von einer spöttischen Verachtung all dessen, was der Kirche bisher göttlich und heilig galt. Die thomistische Theologie und die überlieferte Liturgie wurden als verstaubte Fossilien aus dem Mittelalter abgetan, das Priesterkleid und asketische Lebensführung waren nicht mehr zeitgemäß. Im Noviziat der schweizerischen Missionsgesellschaft Bethlehem erschienen eines Morgens die Alumnen mit abgeschnittenen Ordensgewändern minirockartig zum Frühstück, um so auf ihre Weise gegen alte Zöpfe zu demonstrieren.[1] Traditionell gesinnte Seminaristen mussten mit Schikanen und Entlassungen rechnen.

„Mit todtraurigen Herzen“ beobachtete Erzbischof Lefebvre, wie er in einem Brief schrieb, „die Verfolgung der ernsthaften und wahren Seminaristen“, die sich angsterfüllt an ihn wandten und in ihn drangen, doch etwas zu unternehmen. „Ich konnte mir gar nicht vorstellen, bis wohin diese seelische Not sich noch steigern sollte.“

Die göttliche Vorsehung sollte ihm den Weg weisen. Namhafte Priester, Professoren und Prälaten erblickten in ihm die geeignete Persönlichkeit, dem fortschreitenden Zerfall des priesterlichen Ideals, der Theologie und der Liturgie die Stirn zu bieten. Nach einem beratenden Treffen am 4. Juni 1969 meinte der Erzbischof schelmisch: „Sie packten mich buchstäblich am Kragen und sagten zu mir: ‚Sie müssen etwas für diese Seminaristen tun!‘“

Zwei Tage später wurde er im bischöflichen Palais von Freiburg empfangen. „Seine Exzellenz, Mgr. Charrière, empfing mich sehr herzlich, war von meinem Vorhaben begeistert und erlaubte mir gern, dieses ‚Konvikt‘ für Seminaristen aller Länder zu eröffnen.“ – Das Seminar war geboren! Mgr. Lefebvre und seine Mannschaft, die ersten Seminaristen, fanden im Don-Bosco-Heim Aufnahme. Wohltäter, „die offensichtlich von ihren Schutzengeln geleitet waren, brachten die notwendige finanzielle Unterstützung“.

So begann vor 50 Jahren ein gigantisches Abenteuer, das sich – inmitten des allgemeinen Zusammenbruchs und trotz heftiger Verfolgungen – weltweit zu einem Werk der wahren Erneuerung der Kirche und des Aufblühens einer neuen Christenheit entwickeln sollte.

Anstöße der göttlichen Vorsehung

Mgr. Lefebvre sah sich niemals als der große Initiator und die treibende Kraft der Bewegung der Tradition, sondern hielt sich, wie er wiederholt versicherte, eigentlich immer zurückhaltend, doch die göttliche Vorsehung trieb ihn an und gab ihm entsprechende Zeichen, einen Schritt nach dem anderen zu setzen.

Das Traumbild von Dakar

Als er noch Erzbischof in Afrika war, hatte er eine Vorankündigung dessen erhalten, was er verwirklichen sollte, aber er wusste noch nicht wie und wann, wie er später schreiben sollte:

„Gott hat mir erlaubt, das Traumbild zu verwirklichen, das er mich eines Tages in der Kathedrale von Dakar erschauen ließ: Nämlich angesichts des fortschreitenden Verfalles des priesterlichen Ideals das katholische Priestertum unseres Herrn Jesus Christus weiterzugeben in der ungetrübten Reinheit der Lehre, in seiner grenzenlosen missionarischen Liebe, so wie Er es seinen Aposteln übertragen hat und so wie es die römische Kirche bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts übertragen hat.

Aber wie sollte das verwirklicht werden, was mir damals als die einzige Lösung zur Erneuerung der Kirche und der Christenheit erschienen war? Noch war es ein Traumbild, in dem sich mir aber schon die Notwendigkeit gezeigt hat, nicht nur das authentische Priestertum zu übertragen, nicht nur die von der Kirche bestätigte sana doctrina [die gesunde Lehre], sondern den tiefen und unwandelbaren Geist des katholischen Priestertums und des christlichen Geistes, die in ihrem ganzen Wesen mit dem erhabenen Gebet unseres Herrn verbunden sind, das sein Kreuzesopfer ewig zum Ausdruck bringt.

Das wahre Priestertum ist restlos abhängig von diesem Gebet; daher war ich immer so sehr von diesem Wunsch beseelt, den Weg zur wahren Heiligung des Priesters nach den Grundprinzipien der katholischen Lehre über die christliche und priesterliche Heiligung zu weisen.“

Seit seiner Rückkehr nach Europa im Jahre 1959 erschütterten ihn die offenkundigen Schäden der beginnenden Kirchenkrise. Die Priester seiner Diözese Tulle in Frankreich bekannten ihm ihre Glaubensnöte und ihre zunehmende Mutlosigkeit angesichts der sich ausbreitenden Verweltlichung und Lauheit der Gläubigen. Zweifel an ihrem Priestertum und an der Kraft der Sakramente nagten an ihrer Seele. Mehr und mehr nahm den Erzbischof von da an der Wunsch gefangen, selbst ein internationales Seminar nach den Prinzipien der Tradition zu gründen.

Begegnung mit Marthe Robin

Während der Osterwoche 1964 begegnet er Marthe Robin[2] und teilte ihr die Sorge mit, die ihn bedrängt.

- „ Monseigneur“, sagt Marthe unverzüglich, „Sie müssen dieses Seminar gründen!“
- „Mein Amt als Generaloberer der Väter vom Heiligen Geist hält mich davon ab“, wendet der Bischof ein.
- „Sie müssen dieses Seminar gründen“, wiederholt Marthe, „Gott wird Sie segnen.“

Heldenhaftes Gottvertrauen

Dieser von einer heiligmäßigen Mystikerin prophezeite Segen begleitete ganz offensichtlich den Erzbischof in seinen Unternehmungen. Mit unerschütterlichem und heroischem Vertrauen stellte er sich der göttlichen Vorsehung anheim und ließ sich von ihr führen. Dieses Vertrauen wollte er seiner Priesterbruderschaft weitergeben. Möge es auch in Zukunft alle ihre Mitglieder sowie die geistliche Familie der Gläubigen beseelen, nicht nur, damit das Erneuerungswerk der Kirche sich weiter entfalte, sondern auch, damit wir alle treu bleiben, und in den Prüfungen des Lebens den Mut und die Heiterkeit des Herzens bewahren.

Mit priesterlichem Segensgruß

Ihr Pater Stefan Frey

Quelle: Mitteilungsblatt • Distrikt Österreich • Oktober 2019

 

[1] Pater Paul Egli, langjähriger Afrikamissionar und Mitglied der erwähnten Missionsgesellschaft, hat mir diesen Vorfall, den er selbst erlebte, erzählt. P. Egli wechselte im Jahre 1993 zur FSSPX.
[2] Eine auserwählte Seele, die an ihr Schmerzenslager gefesselt war. Ihr Seelenführer, Pater Finet, war ein ehemaliger Mitschüler des Erzbischofs in Santa Chiara (Bernard Tissier de Mallerais, Marcel Lefebvre, die Biographie).