Vorwort: Coronakrise und die Priesterbruderschaft St. Pius X.

09. Mai 2020
Quelle: Distrikt Österreich
Der Bürgermeister von Venedig weiht die Region dem Unbefleckten Herzen Mariens. Quelle: infovaticana.com

Liebe Freunde und Wohltäter,

Zu Ostern veröffentlichte die Österreichische Presseagentur (APA) eine Reportage über unsere Priesterbruderschaft, die von mehreren Zeitungen übernommen wurde. Deren Grundlage war ein am 3. April geführtes Interview. Aufgrund der Aktualität der behandelten Themen seien in der Folge einige Auszüge der schriftlichen Fassung er Interviewantworten wiedergegeben.

Das Jubiläum der Piusbruderschaft fällt in eine der schwersten Zeiten für die Gesellschaft seit Jahrzehnten. Kann die gegenwärtige Krise auch eine Chance für einen neuen religiösen Aufbruch sein?

Auf jeden Fall. Die gegenwärtige Krise zwingt uns zu einem Umdenken. Unsere Welt hat Gott seit Jahrzehnten ignoriert und auf die Seite gestellt. Der Glaube an Gott ist weithin durch den Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten der Wissenschaft und Technik ersetzt worden. Man erlag der Illusion, ohne Gott auskommen zu können. Und nun kommt ein winzig kleines Virus, das die ganze Welt in ihrer stolzen Selbstsicherheit in ihren Grundfesten erschüttert. Plötzlich werden die Menschen sich ihrer Anfälligkeit und Ohnmacht bewusst wie selten zuvor.

Diese Erschütterung ist eine Chance für die Menschen. Ich glaube, Gott wollte uns eine Lektion erteilen und ruft uns auf, unsere Illusionen aufzugeben und zur Realität zurückzukehren. Und diese besteht in der jahrtausend­alten Weisheit: Gott ist und bleibt Herr des Universums, ohne Ihn hat nichts Bestand, jeder ist von ihm abhängig und auf seine Hilfe angewiesen.

Tatsächlich sehen wir, wie immer mehr Menschen nachdenklich werden und sich an diese elementare Realität erinnern: Die italienische Staatspolizei hat Italien dem hl. Erzengel Michael, dem Patron des Landes, geweiht. Etliche Bürgermeister haben ihre Stadt der Gottesmutter Maria geweiht, so in Venedig und in Siena.

Kirchen und Gotteshäuser sind derzeit aufgrund der Lage geschlossen - eine einzigartige Ausnahmesituation in der jüngeren Geschichte des Katholizismus. Können Sie diese Maßnahmen nachvollziehen?

Selbstverständlich muss alles getan werden, um der weiteren Ausbreitung des Coronavirus vorzubeugen. Darum sind die staatlichen Präventionsmaßnahmen nachvollziehbar. Aber eine Verriegelung der Kirchen und ein Verbot der Sakramentenspendung schießen über das Ziel hinaus. Ähnlich wie bei den Supermärkten kann man doch eine Regelung für die Kirchen finden. Beim Einkaufen vertraut man auf die Vernunft der Menschen, schade, dass man dies bei den Kirchgängern nicht tut. Wir Priester werden von einer Welle von Telefonanrufen hilfesuchender Menschen erreicht. Die Sehnsucht nach der Beichte, der hl. Messe und Kommunion ist größer als je zuvor. Gerade in Zeiten der Not brauchen die Menschen die Kraft aus den Sakramenten, und viele verspüren die Notwendigkeit, zu Gott zurückzukehren, um Erbarmen zu flehen und Buße zu tun.

Die Kirche hat in Epidemiezeiten die Kranken und Sterbenden nie alleine gelassen, hat die Sakramente immer ausgespendet.[1] Selbstverständlich haben sich die Priester gut geschützt. Man hat die Krankenölung mit Stäbchen, die Krankenkommunion mittels langer Löffel (Pestlöffel) gespendet, die dann desinfiziert wurden. Für die Pestkranken gab es normalerweise eigene Kirchen. Klugerweise hat man immer die Kranken von den Gesunden getrennt.

Wir würden uns freuen, wenn in der jetzigen Krise Bischöfe ähnlich handeln würden. Dass dies leider weithin nicht geschieht, zeugt von einer verhängnisvollen Glaubensschwäche. Man hat den Eindruck, dass vielen Bischöfen die körperliche Gesundheit wichtiger ist als das Heil der Seelen.

Was wird die Lehre für die gesamte Welt nach dieser - hoffentlich bald überstandenen Krise - sein?

Wir alle machen zurzeit die Erfahrung, dass unsere globalisierte und vernetzte Welt enorm fragil und verletzlich geworden ist. Wir fühlen uns zutiefst verunsichert. Niemand weiß, ob es zu einem weltweiten Crash kommen wird. Viele kämpfen bereits jetzt ums wirtschaftliche Überleben. Und wie vielen Schwerkranken steht der Tod vor Augen.

Wir erleben einen gigantischen Kurssturz der irdischen Werte und Sicherheiten. Das muss uns zu denken geben. Wir wissen zwar um die Vergänglichkeit aller Dinge, aber allzu gerne verdrängen wir dies, und jetzt sind wir brutal damit konfrontiert. Zu sehr hat man dem Materialismus, der Vergnügungssucht und Profitgier gefrönt, und jetzt ist man damit gegen die Wand gefahren.

Die Hauptlehre aus der Krise ist zweifellos: Wir müssen nach den wahren, bleibenden und ewigen Werten suchen, und die sind in Gott begründet. Gott allein kann unsere Sehnsüchte und Wünsche stillen, uns in unseren Existenzängsten Zuversicht schenken, uns Halt und Glück schenken. Ich hoffe, dass der heute vorherrschende praktische Atheismus, der so tut, als ob es Gott nicht gäbe, dem wir Rechenschaft schulden, endgültig scheitert.

Eine zweite Lehre: Wenn die Menschen wirklich zu Gott zurückkehren, werden sie sich an das Hauptgebot der Religion erinnern: an die Gottes- und Nächstenliebe. Gerade die Isolation, zu der wir jetzt gezwungen sind, lässt uns schmerzlich spüren, wie nötig wir die Gemeinschaft haben und wie sehr wir der Liebe bedürftig sind.

Die Folgen der Krise werden noch länger andauern, wir werden uns mit einschneidenden Einschränkungen des Wohlstands abzugeben haben. Das werden wir nur meistern, wenn wir lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, auf persönliche Vorteile zu verzichten und einander selbstlos zu dienen. Ich hoffe, dass wir alle die Erfahrung machen werden, dass gerade in dieser selbstlosen Nächstenliebe, die allen Egoismus beiseitelässt, unser wahres und tiefes Glück im Leben besteht. Gott ist die unendliche Liebe und Güte. Wenn Er uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, bedeutet dies, dass wir ihm in diesen Eigenschaften ähnlich werden sollen.

Wie sehen Sie die liturgischen „Anpassungen“, die Papst Franziskus als Reaktion auf die Krise gesetzt hat? Etwa als er Freitagabend auf den Stufen des Petersdoms gebetet und über dem leeren Petersplatz den Segen „Urbi et orbi“ erteilt hat?

Ich kann den Papst nur beglückwünschen, dass er zum Gebet aufruft und der Menschheit als Stellvertreter Christi den Segen Gottes spendet. Ebenso darf man die Erteilung besonderer Ablässe und die Erleichterung der Generalabsolution als positiv werten. Es ist wichtig, daran erinnert zu werden, dass wir Sünder sind, Sühne leisten müssen, aber auch wissen, dass Gott jedem reuigen Sünder gerne verzeiht, und wir durch die Verdienste unseres Erlösers Jesus Christus unser ewiges Heil erlangen.

Papst Franziskus hat vor einem Jahr die Kommission „Ecclesia Dei“ aufgelöst und deren Aufgaben der Glaubenskongregation übertragen. Wie haben sie damals dieses Zeichen bewertet? Hat sich seitdem der Dialog spürbar verändert?

Papst Franziskus wollte mit seiner Entscheidung darauf hinweisen, dass den Differenzen zwischen der Priesterbruderschaft und dem Vatikan vor allem unterschiedliche Glaubensauffassungen zu Grunde liegen. Das sehen wir auch so. Die heute vorherrschende „Neue Theologie“, die noch von Pius XII. verurteilt wurde, ist in wesentlichen Punkten von der immerwährenden traditionellen Lehre abgewichen.

Ein Beispiel ist die Veränderung des Glaubensbegriffs: Während traditionellerweise der Glaube die Annahme der von Gott geoffenbarten unveränderlichen Wahrheiten bedeutet, huldigt man heute einer evolutiven Vorstellung von Wahrheit. Der Glaube ist stetiger Veränderung unterworfen, wie alles im Leben sich ändert.

Wir können allerdings nicht feststellen, dass diese neue Akzentsetzung des Papstes sich auf den Dialog, der nach wie vor weitergeführt wird, spürbar ausgewirkt hat.

Charismatische Bewegungen gewinnen nach und nach an Zulauf. Auch bei protestantischen Freikirchen hält diese Entwicklung an. Wie können Sie sich die Entwicklung erklären? Gibt es eine Sehnsucht nach dem „Konsequenten“ innerhalb des Christentums?

Ohne Zweifel ja! Diese neue Sehnsucht ist eine Reaktion auf das, was seit einem halben Jahrhundert in der katholischen Kirche geschehen ist. Das II. Vatikanische Konzil hat einen Prozess der Anpassung an die Welt, die modernen Philosophien und die anderen Religionen in Ganz gesetzt, was ein verhängnisvoller Irrweg war. Denn er führte zu einer Relativierung sämtlicher Glaubenswahrheiten und moralischer Werte. Alles wurde in Frage gestellt und der Beliebigkeit anheimgestellt. Die Menschen aber haben eine Sehnsucht nach der Wahrheit, der objektiven und ewigen Wahrheit, die letztlich in Jesus Christus personifiziert ist. Wenn nun die herkömmlichen Kirchen diese Sehnsucht nicht mehr bedienen, suchen sich die Menschen eben Gemeinschaften, in denen starke, klare Glaubensüberzeugungen vermittelt werden. Darin bestünde aber auch die Chance für die katholische Amtskirche.

Können Sie die Sehnsucht mancher nach einer Öffnung des Priestertums - Stichwort verheiratete Priester - nachvollziehen? Was sind Ihre persönlichen Lehren aus der Amazonas-Synode?

Befürworter der Aufhebung der Zölibatspflicht erhoffen sich davon die Lösung des eklatanten Priestermangels. Diese Überlegungen greifen aber viel zu kurz. Denn die protestantischen Gemeinschaften, die keinen Zölibat kennen, kämpfen mit ähnlichen Problemen. Der tiefste Grund des Nachwuchsmangels liegt in einer existentiellen Identitätskrise, in der sich das Priestertum seit Jahrzehnten befindet. Die Lösung besteht darin, das wunderbare Ideal des Priestertums wieder zum Leuchten zu bringen. Dann werden sich junge Männer wieder dafür begeistern können. Bezeichnenderweise haben all die katholischen Gemeinschaften, die die katholische Tradition weiterführen, kein Problem mit Priesterberufungen.

Der Ruf nach Aufhebung des Pflichtzölibats ist m. E. eine Folge der Verweltlichung der Kirche, die von Papst Franziskus und von seinem Vorgänger wiederholt beklagt worden ist. Ein Wellness-Christentum tut sich schwer, die strengen Forderungen der evangelischen Räte – Armut, Jungfräulichkeit und Gehorsam – die Christus gepredigt hat, hochzuschätzen. Aber genau diese Forderungen sind mit dem katholischen Priestertum untrennbar verknüpft. Der Priester ist der Gottgeweihte schlechthin. Er ist durch das Sakrament der Weihe mit Christus, dem ewigen Hohenpriester, aufs Innigste verbunden und ihm gleichgestaltet, von ihm berufen und befähigt, Gott und die Menschen zu lieben und ihnen zu dienen, wie er es getan hat. Diese Ausschließlichkeit für Gott und die Seelen schließt jede andere das ganze Leben umfassende Bindung aus.

Stichwort Säkularisierung bzw. Laizismus: Können Sie die Rufe in Teilen der Bevölkerung nach einer Verbannung religiöser Symbole aus etwa Einrichtungen des Staates nachvollziehen?

Leider hat die katholische Kirche auf dem Vatikanum II. selbst gefordert, dass das gesellschaftliche Leben ein autonomer Raum sei, in den sich die Religion nicht einmischen soll. Was wir heute erleben, ist die logische Folge dieses Rückzugs der Kirche aus der Öffentlichkeit.

Es ist ein großer Verlust, wenn die Religion mehr und mehr in den Bereich der privaten Frömmigkeit verdrängt wird. Die religiösen Symbole in der Öffentlichkeit sind eine stetige Erinnerung an Gott, und helfen dem Menschen, ein Leben in Verantwortung zu führen, das seiner ewigen Bestimmung entspricht.

Zudem ist auch das öffentliche Leben von Gott abhängig und auf seinen Segen angewiesen.  Jesus Christus ist Herr nicht nur der einzelnen Menschen, sondern auch der Gesellschaft, die er ebenfalls christlich sehen möchte.

Mit priesterlichem Segensgruß, Sie dem Schutz der Immaculata empfehlend

Ihr Pater Stefan Frey

 

[1] Es seien zwei Zeugnisse aus den großen Pestzeiten in Wien erwähnt. Nach der großen Pest von 1349 in Wien berichtet das Kalendarium des Klosters Zwettl, dass „in Wien alle Einwohner, die der Pest erlagen, auch die letzte Ölung erhielten.“ Über die Pest von 1679 kann man lesen: „Am 18. Mai 1680 gab der Wiener Magistrat den Franziskanern das Zeugnis, daß sie in der Pestzeit mehr als 30.000 Menschen mit den Sakramenten versehen haben.“