Unbefleckte Empfängnis - Immaculata Conceptio

08. Dezember 2023
Quelle: Distrikt Österreich
Statue der Immaculata in der Wiener Minoritenkirche

4. Teil der Adventbetrachtungen aus dem Buch "Auf dem Weg nach Bethlehem" (mit freundlicher Genehmigung des Autors, P. Michael Gurtner)

Das heutige Hochfest ist der eigentliche Beginn der Weihnacht. Ohne die Unbefleckte Empfängnis Mariens gibt es keine Weihnacht. In dieser hat Gott begonnen, seine Ankunft in der Welt aktiv vorzubereiten. Er, der selbst der Hochheilige ist und in die Welt kommt, um als das Lamm Gottes die Sünden der Welt hinweg zu nehmen, schafft sich einen privilegierten „Raum“ der Seinem eigenen Wesen entspricht und sich mit seiner menschlichen Natur verbindet, welche Er annimmt. Dieser „Raum“ ist in Seiner Mutter gegeben: sie ist vom ersten Augenblick ihres Daseins an durch ein besonderes Gnadenprivileg Gottes von allem Sündenmakel ausgenommen, speziell von der Erbschuld, geht aber noch darüber hinaus und erstreckt sich auch auf die persönliche Heiligkeit. Es handelt sich also um ihre passive Empfängnis, d.h. die Empfängnis ihrer eigenen Person, und nicht, wie vielfach angenommen, um die Empfängnis Jesu Christi. Noch abwegiger ist die nicht unverbreitete Meinung, es handle sich um den „Empfang“ des Erzengels durch Maria oder um den „Empfang“, welchen die Base Elisabeth Maria bereitet hat. All dies ist völlig falsch, so fest es auch in der allgemeinen Meinung verankert sein mag, sondern es handelt sich um die passive Empfängnis Mariens, d.h. um den ersten Beginn ihres Daseins, welches durch eine besondere Initiative Gottes begleitet wurde. Dieses Gnadenprivileg ist im Gruß des Heiligen Erzengels Gabriel aus Lk 1,28 enthalten: „Χαῖρε, κεχαριτωμένη, ὁ κύριος μετὰ σοῦ“ –  In diesem griechischen Wort („du begnadet worden Seiende“) ist enthalten, daß Gott selbst handelt und die Gnade spendet, welche nötig ist, um von jeglicher Form von Schuld freibleiben zu können.

Dies führt uns zur Lehre der sogenannten impeccabilitas Mariae. Diese besagt, daß Maria nicht nur gleichsam „zufällig“ sündenfrei blieb, also frei von jeglicher persönlichen Sünde, weil sie einfach aus eigener Tugendhaftigkeit heraus in keinem Augenblick ihres Lebens sündigte, sondern ihre Unsündhaftigkeit steht in Zusammenhang mit der Gnadenfülle, mit welcher sie gesegnet war. Wenn die Gnade Gottes ausreichte, um sie durch ein besonderes Privileg von der Erbschuld auszunehmen und das Heilswerk des Sohnes vollständig und im Voraus an ihr wirksam werden zu lassen, dann umschließt dies gleichsam die impeccabilitas, indem die Bewahrung von der Erbschuld noch über die impeccabilitas hinausgeht, insofern die Bewahrung von der Erbschuld über die Bewahrung von der persönlichen Schuld hinausgeht und zweite in erster gleichsam enthalten ist. Es ist immer gefährlich von Gnade in Maßangaben zu sprechen, aber um ein vages Verständnis zu vermitteln, können wir in einem Bild sagen, dass zur Befreiung von der Erbschuld ein „Mehr“ an Gnade notwendig war (und in Wirklichkeit handelt es sich auch nochmals um eine unterschiedliche Art von Gnade). als es allein die impeccabilitas vorausgesetzt hätte.

Dabei ist freilich festzuhalten, daß die impeccabilitas des Geschöpfes Mariens von jener ihres ewigen Sohnes unterschiedlich ist und von diesem vielmehr abhängt. Er ist nämlich auf Grund dessen Göttlichkeit selbst Quelle aller Heiligkeit und deren Fülle. Was in Christus wesensmäßig ist, das wird Maria als Privileg zuteil. Sämtliche Gnadenprivilegien Mariens hat sie im Hinblick auf ihre besondere Mission hin passiv erhalten, welche ihr die ewige Vorsehung Gottes zugedacht und das Erlösungswerk ihres Sohnes aktiv erwirkt hatten. Nicht um ihrer selbst willen also, sondern um des göttlichen Heils- und Erlösungsplanes willen, blieb sie von der Erbsünde bewahrt. Diese Vorherbestimmung Mariens verlangte nach dem Freibleiben von der Erbschuld. Somit konnte Maria ihren Beitrag zum Heil im selben Zustand leisten, in welchem die Stammeltern einst dieses Heil verwirkt hatten.

Dies stellt uns still und leise auch die Frage nach der Freiheit der Gottesgebärerin: war das fiat Mariens wirklich ein freies Ja zum Plan Gottes, wenn sie ja bereits vom ersten Augenblick ihres Daseins an, auf ihre Mitwirkung zum Erlösungswerk hin geschaffen wurde, speziell auf dieses fiat? Oder war sie durch das Gnadenprivileg, welches sie von der Erbschuld bewahrt hatte, nicht gleichsam gezwungen ihr fiat zu sprechen?

Hierbei ist es notwendig, die Freiheit in einem rechten philosophischen Licht zu verstehen, und nicht in unserem heute zwar gängigen, aber vollkommen verfälschten Verständnis.

Die wirkliche Freiheit besteht nämlich darin, nicht zum Bösen und Schlechten konditioniert zu sein, sondern sich ungehindert für das Gute, und letztlich für Gott entscheiden zu können. Genau diese „Fähigkeit“ ist jedoch durch die Erbschuld im Menschen getrübt. Die Ursünde hat ihm nicht mehr Freiheit eröffnet, sondern ganz im Gegenteil, sie hat ihn seiner Freiheit ein Stück weit beraubt. Sie ist vergleichbar mit einer Droge: wer unter Drogeneinfluß steht, glaubt auch ein Mehr an Freiheit erlangt und sein Bewußtsein erweitert zu haben. Was jedoch subjektiv im Moment des Drogenrausches als Freiheit und Ausdehnung des eigenen Geistes- und Lebensraumes wahrgenommen wird, das ist in der objektiven Realität eine Einbuße oder gar ein Verlust gerade jener Bereiche, welche einem subjektiv größer erscheinen. Die wahrgenommene Freiheit ist in Wirklichkeit Einengung und Freiheitsverlust.

Ähnlich verhält es sich mit der Erbschuld: diese eröffnet uns keine neue Freiheit, sondern schränkt selbige gerade ein, auch wenn wir es vielleicht anders wahrnehmen mögen. Doch es ist nichts als Selbstbetrug. Diese Einschränkung der Freiheit, uns ohne innere negative Einflüsse für Gott und damit auch für alles, was gut ist, zu entscheiden, war in Maria von Anfang an nicht präsent. Deshalb war die Unbefleckte Empfängnis nicht eine Einschränkung ihrer Freiheit, welche das Nein ausgeschlossen hat, sondern es hat ihr ermöglicht, ein Ja zu sprechen, welches erst in Abwesenheit der konditionierenden Erbschuld wirklich in voller Freiheit und aus ganzer Seele heraus gegeben werden konnte. Als letzte Konsequenz ihres Freiseins von jeglicher Erbschuld resultiert ihre Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel; während die Bewahrung von der Erbschuld vornehmlich der Vorerlösung zuzuordnen ist, ist die Aufnahme Mariens in den Himmel besonders der Vollerlösung beizuordnen, wenngleich beide ineinandergreifen. Gerade auch an diesem Faktum des Zusammens von Vor- und Vollerlösung erkennen wir, daß die Bewahrung von der Erbsünde in die Freiheit führt und nicht in Einengung. Unfreiheit bedeutet, an der Erreichung des höchsten Gutes gehindert zu sein, während Freiheit heisst, daß dieser Zugang offensteht.

Erst vor diesem Hintergrund sind wir in der Lage, die Frage recht zu beantworten, welche Verbindung zwischen der Unbefleckten Empfängnis Mariens und ihrem fiat besteht.

Maria hätte auch im Zustand der Freiheit von der Erbsünde ihr fiat verweigern können, ebenso wie sie auch ohne dem Privileg der Schuldlosigkeit ihr fiat hätte sprechen können. Aber erst die Freiheit von jeglicher Schuld – erst recht von der Erbschuld – hat ihr fiat zu einer wirklichen und vollkommen freien, ungetrübten und vollen Zustimmung zum göttlichen Erlösungswillen gemacht.

Dass die Erbschuldlosigkeit die Freiheit Mariens keineswegs einschränkte, gleichsam als wäre sie dadurch zu ihrer Zusage gezwungen gewesen, sondern ihre Antwort eine wirklich und vollkommen freie war, zeigt sich nicht zuletzt auch in der lukanischen Beschreibung der Verkündigung. Maria fragt zuerst beim Erzengel nach, wie denn das eben gesagte überhaupt geschehen könne und lässt sich eigens darüber aufklären, bevor sie dann, auf Basis dieser Antwort, ihren bewußten, freien Konsens gibt (vgl. Lk 1,34ff.).

Diese Sündenfreiheit stellt Maria nicht unter eine Schutzglocke: sie ist von Sünde umgeben und bleibt deren Konsequenzen ausgesetzt, der Bosheit Satans, welcher auch das Leben Marias umgeben hat. St. Lukas (Lk 2,35) berichtet uns von der Begegnung der Gottesmutter mit dem Greisen Simeon welcher ihr großes Leid vorausgesagt:

"Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“. 

Die Beziehung Satan-Maria-Christus sehen wir bereits in der Genesis vorgezeichnet, im Protoevangelium: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“ (Gen 3,15). Es wäre absurd anzunehmen, der Teufel hätte dem Erlösungswerk, welches sein Ansinnen zunichte macht und seinen anscheinenden Sieg zerschlägt, tatenlos zugesehen. Tatsächlich hat er sogar versucht, Christus in Versuchung zu führen, er hat von Judas Besitz genommen und auch der Hass, der Jesus mitunter entgegenschlug, besonders nach Seinem Einzug in Jerusalem, aber auch schon vorher, ist auf die Einflüsse Luzifers zurückzuführen. Von all dem war auch die Madonna als stete Begleiterin ihres Sohnes bis unter das Kreuz umgeben. Sie war davon umgeben, aber nicht ausgesetzt in dem Sinn, daß sie diesen Einflüssen nicht zugeneigt war. Sie war nicht nur von der Erbschuld frei, sondern auch von deren Folgen, also der Konkupiszenz und jeder ungeordneten Begierlichkeit. Sie war von Versuchung und Sünde umgeben, aber hatte nie die innere Versuchung in sich gespürt, dieser Versuchung und der Sünde und den Verlockungen des Teufels nachzugeben.

In einem gewissen Sinne können wir sogar behaupten, daß Maria auf Grund ihres Freiseins von jeglicher Erbschuld der einzige Mensch der gesamten Geschichte ist, welcher wirklich im vollsten und reinsten Sinne seinem Menschsein entspricht. Denn die Sünde gehört nicht zum Wesen des Menschen, kommt aber dennoch von außen her jedem Menschen unweigerlich und daher zwanghaft zu. Sie ist wie ein Fremdkörper, welcher sich in den Menschen einsenkt, ihn verändert und beeinflußt. Er behält sein Wesen, handelt aber gegen sein Wesen. Das Sündigen des Menschen bedeutet eine Nichtentsprechung seines Wesens. Diese Nichtentsprechung war bei Maria als einzigem Menschen nicht der Fall. Als einziger Mensch hat sie der Idee Gottes entsprochen, welche er vom Menschen hat, denn der Mensch ist ursprünglich als sündenfreies Wesen gedacht und erschaffen.

In Maria ist einmalig jenes verwirklicht, was für alle Menschen Wirklichkeit gewesen wäre, wenn die Stammeltern nicht gesündigt hätten. Diese einmalige Verwirklichung in Maria war allein durch ein besonderes, einmaliges Gnadenprivileg möglich, während es bei den Erzeltern sozusagen „natürlich“ möglich gewesen wäre. Dieses Gnadenprivileg war auf die aktive, wenngleich untergeordnete Mitwirkung des Menschen am Erlösungswerk hin finalisiert und erst durch diesen Zweck motiviert. Sie sollte die Mutter des Erlösers werden, und genau in dieser Gottesmutterschaft ist die eigentliche, nähere Zweckursache (causa finalis proxima) ihrer Unbefleckten Empfängnis gelegen. Das darf nicht in dem Sinn verstanden werden, daß Gott Maria gezwungen hätte, aber er hat in seiner Allwissenheit vorausgewußt, welche Antwort sie in aller Freiheit geben wird. Dabei ist daran zu erinnern, daß Gott seinen Erlösungsplan sich nicht erdacht hat, nachdem die Stammeltern in Sünde gefallen waren, sondern bereits vor dem Schöpfungsakt wusste Er, wie der freie Wille seiner Geschöpfe entscheiden werde. Seinen Plan hat er auf Grund dieser vorhergewußten Verläufe geschrieben und verwirklicht.

An der Person Mariens und deren konkreten Geschichte, speziell an deren Vor- und Vollerlösung, welche sich in der Unbefleckten Empfängnis manifestiert, wird der Menschheit klar, daß Christus den Sieg über Satan davongetragen hat. In der Muttergottes sehen wir, was gewesen wäre, wenn das erste Menschenpaar nicht in die Sünde gefallen wäre und was sein wird, nachdem wir von den Folgen dieser Sünde befreit sind. In ihr ist die Gewißheit, daß das Hypothetische, was uns verloren ist, durch das Eingreifen des Schöpfers in Seine Welt letztlich doch Realität werden kann. Die Unbefleckte Empfängnis Mariens zeigt den großen Heilswillen Gottes für Seine Menschen, was uns jedoch nicht davon dispensieren kann, das Unsrige zu unserem Heil beizutun. Wir dürfen nicht von einem Heilsautomatismus ausgehen, sondern unser Beitrag muss die Annahme des rechten Glaubens sein, sowie ein gottwohlgefälliges Leben, welches den Glauben in die Tat umsetzt. In Maria ist bereits Wirklichkeit geworden, was in jedem Einzelnen von uns Wirklichkeit werden soll. Deshalb ist es völlig verfehlt zu meinen, dass die außerordentliche Heiligkeit der unbefleckt Empfangenen sie aus unseren menschlich-sündigen Sphären unnahbar entrückte. Es ist vielmehr das genaue Gegenteil der Fall: gerade weil in ihr bereits historische Wirklichkeit wurde, was in uns künftig Wirklichkeit werden soll, ist die Mutter des Heilandes uns als Sündern in besonderer Weise nahe, denn ihr Gnadenprivileg hat eben genau jenes Ziel, dass wir dereinst durch Erlösung so werden, wie sie durch göttliches, einzigartiges Privileg gemacht wurde. Was uns verheißen ist, sehen wir in ihr bereits als Wirklichkeit und gewinnen somit die Gewißheit der Authentizität der göttlichen Verheißung: Gott vertröstet uns nicht auf ein unbestimmtes Morgen, sondern er folgt einer fest bestimmten Zeitenfolge, die bereits heute unsere Stunde kennt und festgesetzt hat. In Maria studieren wir unsere eigene Bestimmung, um so leichter unsere eigene Existenz so zu ordnen, daß sie fähig ist, uns auch zu diesem Ziel kommen zu lassen. Maria ist deshalb gerade diejenige Figur der Heilsgeschichte, welche auf besonders geeignete Weise fähig ist, uns zu Gott zu führen. Denn während die anderen Heiligen doch allesamt auch Sünder waren und blieben, und somit auch im Studium des Lebens der verschiedenen Heiligen immer zu unterscheiden bleibt, was Gott wohlgefällig war und was nicht, so fällt dies in Maria weg. In ihr ist alles heilig und gottgefällig, in ihr findet sich nichts, was ihre Verbindung mit Gott auch nur im geringsten Anhauch hätte trüben können. Deshalb ist sie diejenige, welche uns ob ihrer alle anderen überragenden Heiligkeit auf besondere Weise mit Gott zu verbinden vermag, dabei doch ganz Mensch bleibt und uns so besonders nahe wird – als die unbefleckt empfangene Mutter unseres Erlösers ist sie uns noch näher als es eine leibliche Mutter je sein könnte.

Ja, sie ist in einem gewissen Sinne sogar unsere eigentliche Mutter, insofern sie uns besonders hinsichtlich des ewigen Lebens mütterlich zur Seite steht. Wir alle sind ihr zu Kindern gegeben. Die Unbefleckte Empfängnis hat von daher ihre unmittelbare Ursache in der Gottesmutterschaft, doch diese ist selbst wiederum verursacht durch die Erlösungstat Gottes um des Heiles des Menschen willen. Von daher steht die Immaculata Conceptio in einem engen Zusammenhang zu uns Menschen: sie trennt uns nicht von Maria, sondern im Gegenteil, sie ist gerade einer der Verbindungsstränge mit Gott. In Maria erkennen wir den direktesten Weg zu Christus, wenn wir das nachzuahmen suchen, was sie selbst in vollkommener Weise getan hat: sich ganz dem Willen Gottes hinzugeben, damit wir wie sie dereinst die ewigen Früchte der Erlösung mit verklärtem Leib und friedlicher Seele verkosten.