St. Josephs-Blatt • Oktober 2019

26 September, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

es besteht und bestand immer sowohl vom Verständnis der Schöpfung her in der Theologie als auch vom kirchlichen Standpunkt her die einhellige Lehre und Weisung, dass der Mensch sich um die gottgegebene Welt zu kümmern hat; es ist ihm ja als Lebensraum in der Form eines anvertrauten Gutes zum Nutzen und zur Verwaltung übergeben worden. Wie bereits im Vorwort des letzten Josephs-Blattes angeführt, übernimmt der Mensch mit der Nutzung des ihm dazu überantworteten irdischen Daseinsbereiches auch die Verantwortung dafür, da er sie als von Gott bereitetes und geschaffenes Erbe für das ganze Menschengeschlecht erhalten hat. In diesem Sinne trägt der Mensch für seine Lebenszone auch gegenüber kommenden Geschlechtern zweifelsohne hohe Verantwortungspflicht und Haftung.

Weil es sich hier um eine Verantwortung vor Gott handelt, vor den Mitmenschen und den späteren Generationen, fällt dieses Thema nicht nur in das Gebiet von Politik, Sozialem und Wissenschaft, sondern natürlich ebenso in den theologischen, und zwar sowohl dogmatisch wie moralischen Bereich.

Dennoch bleibt festzuhalten, daß diese Erde und diese Schöpfung, da quasi im Sündenfall kontaminiert, noch nicht das letzte Wort Gottes im Bereich von Himmel und Erde ist, wie im Vorwort des letzten Josephs-Blattes auch ausführlicher geschildert. Der Herrgott hat sich vorbehalten, den ihm treu bleibenden Menschen nach Abschluß der diesseitigen Menschheitsgeschichte einen neuen Himmel und eine neue Erde auch für die physische Seite der menschlichen Natur als neuen Lebensraum zu bieten. Trotzdem bleibt aber, davon ist die Heilige Schrift ja voll und handelt wesentlich von dieser Tatsache, die Seele das eigentliche und wesentliche Kernstück der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffenen menschlichen Natur und daher Dreh- und Angelpunkt göttlicher Berufung und göttlicher Liebe wie Fürsorge. „Was nützte es nämlich dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte? Oder was kann der Mensch wohl geben als Entgelt für seine Seele?“ (Mt. 16,26) Die Sendung Jesu, die Menschwerdung und Erlösung in Christus Jesus, dem Gottesmenschen und Heiland, gilt zunächst und absolut vorrangig der Seele, ihrer Erlösung, Rettung, Begnadung und Heiligung. Alles andere kommt erst hinterher und um dieses Erstzieles willen: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war“ (Lk. 19,10) - und das war durch die Sünde die Seele. Aus diesem Grund dreht sich auch die grundlegende Aufgabe der Kirche und ihrer Sendung in der Fortsetzung Jesu als fortlebendem Christus mit ihm als Haupt und den Menschen als Gliedern seines mystischen Leibes um die Seelen – zuerst, hauptsächlich, wesentlich. So drückt es auch das kirchliche Grundgesetz aus, wenn es bestimmt (CIC can. 1752), bei allem und jedem müsse stets und allseits „das Heil der Seelen vor Augen“ sein, „das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muß.“

Kümmert sich die Kirche um ökologische, ökonomische (die Armenfürsorge galt der Kirche von Anfang an als karitative Grundaufgabe – man lese nur die Bemühungen des hl. Paulus nach, um darbenden Gemeinden zu Hilfe zu eilen oder die Mahnungen des hl. Apostels Johannes in seinen Briefen), soziale und rechtliche Belange, wo sie Menschen in Not, Bedrängnis, Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit sieht, hat dies seine volle Berechtigung. Man denke nur daran, daß die Kirche über viele Jahrhunderte manchmal sogar fast alleine für karitative Dienste aufkam, für Unterricht und Ausbildung, für den Dienst an Kranken, Sterbenden, an älteren Leuten, an Waisen, Witwen, Ausgesetzten, Gefangenen…. Die Lehren des Herrn über die Nächstenliebe in ihrer intensiven und so häufigen Form seiner Gleichnisse und Predigten, seiner Wunder und Mahnungen bedürfen eigentlich keiner weiteren Erläuterung, doch sei zusammenfassend noch der hl. Jakobus (Jak. 2,14ff.) zitiert: „Was nützt es, meine Brüder, wenn einer sagt, er habe Glauben, und er hat nicht Werke? Kann etwa der Glaube ihn seligmachen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleider sind und Mangel leiden am täglichen Unterhalte, und einer von euch sagt zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch – und ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, in sich selber tot.“ Dennoch blieb, mindestens ein Geiste und im Hintergrund bei aller kirchlichen Werken und in all‘ den vielen, vielen und steten Bemühungen der Heiligen und großen christlichen Persönlichkeiten um Karitas, Unterricht und Wissenschaft (wie viele Ordenskongregationen haben karitative oder bildungsfachliche Aufgaben!) immer die Seele der eigentliche Zielpunkt allen Eifers und aller Mühen, oder besser gesagt: Die Verherrlichung und Ehre Gottes durch das Heil der Seelen!

Daher wären grundsätzlich auch keine Einwände zu machen, wenn sich die Kirche und ihre Leitung auch ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen zuwendet, denn es sind ja menschliche Anliegen und sie gehören zu unserem Leben und zu unserer Verantwortung. Deswegen wäre es sogar zu unterstützen und zu befürworten, wenn sich die Kirche zur Sprecherin und Helferin für Menschen in Not, in Sorgen und Bedürfnissen macht. Es hat in diesem Sinne sicherlich auch seine Berechtigung, wenn selbst Papst Franziskus durch Rundschreiben (wie seiner Enzyklika „Laudato si‘ “), Ansprachen und Synoden auf gewisse Problembereiche aufmerksam macht. Was allerdings den gläubigen, überzeugten Katholiken bei all‘ diesen Aktivitäten etwas beunruhigt, ist die Art und Weise der Behandlung dieser Themen bzw. die nicht sehr ausgeprägte Rückbindung an die geistlich-seelische Ebene, die letztlich eben doch das Wesen der kirchlichen Aufgabe und Sendung ausmacht. Es verstärkt sich zunehmend der Eindruck, daß die Kirche auf diesem Gleise die bereits seit fast zwei Jahrhunderten eingeschlagenen Wege im sogenannten katholischen Liberalismus und im Modernismus immer weiter umsetzt; das 2. Vatikanische Konzil und speziell die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ haben dies im gewissen Umfang bereits sanktioniert und nun wird mit Eile vorangetrieben und umgesetzt – so scheint es einem treugläubigen Katholiken.

Bei der angekündigten großen „Amazonas-Synode“ (6.-27. Oktober 2019 im Vatikan) mit den dafür vorbereitenden Texten, Arbeitspapieren und Kommentaren atmen ebenfalls diese Denkweise, die dem irdischen Belangen so zugewandt ist, dass die übernatürliche Sphäre als Nebensache erscheint, ja teilweise fast wie vergessen wirkt: Der Mensch in seiner (hiesigen) Welt, „in seinem Hause“, in seiner Heimat, die es zu erhalten, zu schützen und zu retten gilt – beinahe gewinnt man den Eindruck, es sei dies dann wirklich schon die als immerwährend angesehene Heimat, ein Haus auf Dauer! Unsere Religion, unser Glaube sagt aber, daß die Zeit auf der Welt, unser Erdenleben vielmehr eine Zeit sei der Bewährung, der Treue, der Buße (für die Sünden) und der Erlangung der in Christi Erlösungswerk uns wieder zugänglichen Gnaden, übernatürlichen Verdienste, unserer eigentlichen und endgültigen Berufung und damit des ewigen Erbes, das wir erhoffen und erwarten.

Zweifelsohne birgt das Bemühen um die großen Urwald-, Wald- und Grüngebiete unserer Erde als die Natur- und Lebensreservoire unseres irdischen Daseins ein aufrichtiges, wichtiges Anliegen in sich. Es ist eher die ständige Betonung innerweltlicher Notlagen (zu denen natürlich Armut und Krankheit gehören) unter Hintanstellung der Erlösungslehren, die betroffen macht. Man kümmert sich vorrangig so um die Schöpfung und die Menschen in ihren hiesigen Bedürfnissen und Ansprüchen, dass der Eindruck entsteht, dem Leben und „Atmen“ der Seele werde nur wenig Raum zugebilligt. Gerade in der Auseinandersetzung um die Probleme im Amazonas-Gebiet vermehrt sich zudem die Empfindung, die Kirche und ihre Hierarchen ließen sich sogar allzu sehr in ein stark politisch gefärbtes Mächtespiel einbinden, das kurzfristig aufregend, langfristig aber als tagespolitisches Geplänkel dem Ansehen und auch einer gewissen Souveränität der Kirche über das Tagesgeschehen hinaus sowie ihrer bislang traditionell häufig sehr klugen neutralen Haltung in solchen Situationen beachtlichen Schaden zufügen könnte.

Die altgediente Befreiungstheologie erwacht überdies in einem neuen, moderateren, aber durchaus einer seit der modernistischen Einflussnahme - speziell auf dem 2. Vatikanischen Konzil – in Gang gesetzten Uminterpretation, ja Umpolung des kirchlichen Wesens und der echt kirchlichen Ziele.

Zwar zählt man nebstdem eine ganze Reihe theologisch-pastoraler Themen für die bevorstehende Synode auf, aber die können einen treuen Katholiken auch nicht besonders begeistern. Der Sorge um den Verlust vieler Gläubigen an Sekten, an protestantische Denominationen, an heidnischen Religionen wird Ausdruck verliehen, ohne aber auf der Notwendigkeit echter Mission zu bestehen; mit dem Ersatz der Mission durch Dialog, Religionstreffen und ökumenischer Bewegung hat die kirchliche Leitung zwar nicht ausschließlich, allerdings auch nicht unerheblich zu diesen Problemen beigetragen. Daran schließt sich noch der Berufungsmangel an, der sich ebenfalls wenigstens großteils als Konsequenz aus der Aufweichung sowohl der Bedeutung wie des Wesens der priesterlichen und ordensmäßigen Berufung und Stellung in der modernen Welt, auch durch die modernistischen innerkirchlichen Anschauungen, eingestellt hat; und der schlägt sich auch nachhaltig im Missionsbereich nieder. In der Folge ist die Diskussion um die sog. „viri probati“ (bewährte verheiratete Männer zu den kirchlichen Ämtern zuzulassen) schon im Vorfeld zu einem der beherrschenden Themenkreise der Synode geworden. Dazu lauert im Hintergrund unverkennbar die Diskussion um das Zölibat und um die Stellung der Frau im kirchlichen Dienste, wobei letzterer Gegenstand an sich zu den offiziösen Besprechungspunkten zählt – nur das Frauenpriestertum nicht. Aber schon allein in den zahlreichen Bemühungen, den diversen Erklärungen und Interviews, daß es „um diese Themen (Zölibat, Frauenpriestertum etc.) nicht gehe“, zeigt sich die rege geistige Anwesenheit dieser „Gespenster“ in den Köpfen der Synodenteilnehmer. Und es ergibt sich der Augenschein, gern „Geisterdiskussionen“ würden nicht ganz ohne eine gewisse Protektion aus hohen und höchsten Stellen im Sinne der steten Tropfen, die bekanntlich selbst den härtesten Stein aushöhlen, fortgesetzt in die Debatten geworfen.

Vor allem lähmen immer massiver zwei sich selbst aber gegenseitig befruchtende und bestärkende Bestrebungen eine auch nur ansatzweise Reinigung und Gesundung unserer heiligen Kirche, da diejenigen, die zurzeit das Sagen haben, gerade hierin sozusagen das Heil erblicken. Auf der einen Seite hat man den Eindruck, daß die Aussage, die in gewisser Form auch unser Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, einst so geäußert hat: „Sie machen uns eine neue Kirche“ - immer deutlicher zutrifft. Sie sind offensichtlich dabei! Sich dem modernen Weltbild, dem innerirdischen Rhythmus, der diesseitigen Denk- und Lebensweise anzupassen, „politically correct“, um den modernen Menschen überhaupt noch geistig zu erreichen – so glauben sie -, darin liege Heilung. Damit wird allerdings auf lange Sicht, langsam, aber doch zizerlweis Ziel, Wesen und Struktur der Kirche umgepolt. Auf der anderen Seite tritt noch die theologische Neuorientierung („Neue Theologie“) hinsichtlich einer tatsächlich entscheidenden Sache, nämlich der Unterscheidung von Gnade und Natur, die in der modernen Theologie weitgehend entweder uminterpretiert oder sogar geleugnet wird, man denke nur an Karl Rahner und seine Auffassung vom anonymen Christen. Es bleibt wahr, beides sind Gaben ebenselben Schöpfers und Spenders aller guten Dinge, trotzdem wendet sich die eine der menschlichen Natur zu und die andere jenen Dingen, die über dieser Natur liegen und von ihr selbst nicht erreicht werden können. Natürlich sollen und werden beide im treuen Diener und Freund Gottes sich harmonisch verbinden und gegenseitig unterstützen und befruchten, aber ihr unmittelbares Wesen und Ziel bleibt doch verschieden; und letztlich hat die Natur der Gnade zu dienen. Wenn aber nun die Gnade in die Natur verschoben wird, hat das Wesen der Kirche ein Problem! Letztlich wird selbst die Gnade zu einer Natureigenschaft, zu einem Naturereignis, einem Element in der menschlichen Natur. Dann freilich wird die Natur und der Mensch in seiner Natur in jeder Hinsicht zur Hauptsache, Gnade und Himmel bleiben höchstens noch schöne Tupfer oben drauf. Dann wandelt sich freilich auch der Blick auf die Kirche, auf das Priestertum, ja sogar auf Christus selbst und auf seine Geheimnisse, sein Erlösungswerk – nämlich von Christus, dem Gottessohn und Erlöser, von Erlösung und Gnade weg und hin zum von diesen Dingen autonomen Menschenbild. Wovor uns Gott bewahre!

Es ist Tatsache, liebe Gläubige, wir leben in geistig hochinteressanten, aber auch schwierigsten und gefährlichsten Zeiten. Was uns wirklich rettet und hält, ist der Glaube, denn „das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube. Wer ist es denn, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?“ (1.Joh. 4,4f.) Darum ist dies das Gebot der Stunde: Treue! Treu zu sein im Glauben, in den Geboten, treu zu Christus! Und deshalb auch treu zur Kirche Christi, für die wir ringen, kämpfen, beten und opfern, dass sie so sei  bzw. gereinigt werde, wieder so erblühe, wie ihr Haupt und Schöpfer es eigentlich wollte. Wie eine unentrinnbare Folge ist es: Wer da treu ist, der will auch dem Priestertum Christi, den Sakramenten, dem hl. Meßopfer treu bleiben! Die allerseligste Jungfrau, die Rosenkranzkönigin, führe uns immer tiefer ein - gerade auch durch den hl. Rosenkranz - in die Geheimnisse ihres Sohns und verankere uns in ihnen, welche uns auch die Geheimnisse und Gnadenschätze des Dreifaltigen eröffnen, auf daß wir tatsächlich treu bleiben, treu bis ans Ende, denn „treu ist, der berufen hat, er wird es auch zu Ende führen“ (1.Thess. 5,24); drum ruft einem jeden von uns der Herr zu: „Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir das Leben als Siegeskrone geben.“ (Apk. 2,10)

Das wünscht Ihnen, liebe Gläubige, und uns allen von Herzen

Ihr

P. Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • Oktober 2019 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien