St. Josephs-Blatt • Nobember 2019

01 November, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

wieder nähern wir uns dem Ende eines Kirchenjahres, das klassischerweise auf die sogenannten „Letzten Dinge“ hinweist. Darin steckt die sehr ernste, aber auch entscheidende Wahrheit, dass der Schöpfergott den Menschen hier auf Erden tatsächlich nur eine vorübergehende Wohnstatt eingerichtet hat.

Diese Erde birgt noch nicht die endgültige Heimat, „das Letzte, Ewige“, nach dem die Seele des Menschen, der Geist des Menschen verlangt, wenn er sich geistig und psychisch noch einigermaßen gesund erhalten und sich nicht von seinem Schöpfer und Erlöser losgekoppelt hat. Vielmehr hat der Herrgott den Aufenthalt auf dieser Welt zu einer Bewährung, einer Vorbereitung für das Ewige, ja zu einer Berufung in der Mitarbeit mit der göttlichen Vorsehung und dem Erlösungswerk des Heilands für das Heil der Seelen, der eigenen wie derjenigen der Mitmenschen gestaltet. Unter diesem Blickwinkel ist jedes Jahr, ja jeder Tag und jede Stunde kostbar, denn sie können verlorengehen oder aber Ewigkeitswert gewinnen. An all das wollen die letzten Wochen eines Kirchenjahres uns erinnern, damit wir uns nicht – wie es so leicht und so furchtbar oft geschieht – wesentlich dem Irdischen zuwenden und damit im Letzten Irrtümern und Illusionen nachlaufen. Denn die Welt tut heute so, mindestens weit verbreitet und vor allem in den wirtschaftlich florierenden Ländern und den sogenannten Kulturstaaten, als käme man ganz gut ohne Gott zurecht, weshalb man sich weitgehend von Ihm emanzipiert hat. Zu dieser Geistesphalanx gesellen sich neuerdings zum Erstaunen und teils sogar zur Bestürzung vieler treuer Gläubigen sogar kirchliche Hierarchien bis hin zur Spitze der Kirche, bei deren Äußerungen über die teils durchaus berechtigten Mahnungen und Forderungen zum Erhalt und zum Schutz der Schöpfung und ihrer Reserven jedoch der übernatürliche Aspekt unseres Daseins, die ewige Berufung und der Sinn für die immerwährende Heimat, unser „wahres Haus“ im Hause Gottes kaum mehr die nötige und für die Sendung der Kirche, für ihren Auftrag wesentliche Wertschätzung erfährt.

Gerade in dieser Hinsicht erinnert der letzte Monat des Kirchenjahres den Christen an jene Wahrheiten, die im Alltags- und Berufsleben, in der Freizeit und im Urlaub, in der Jugend und in Zeiten voller Schaffenskraft doch häufig in die Ecke gedrängt und sogar möglichst etwas übersehen werden, weil die allermeisten Menschen nicht gerne daran erinnert werden. Vielmehr richten sie sich wie für immer auf Erden ein und vergessen zunehmend auf die Wirklichkeit über das Ende des Menschen für das Diesseits und die Dinge des Menschen im Jenseits.

Unter den „Letzten Dingen“ versteht der katholische Katechismus die Lehre von den vier Ereignissen bzw. Zuständen, die den Menschen am Ende seines irdischen Daseins erwarten. Es sind dies der Tod, das Gericht Gottes, Himmel oder Hölle; als fünfte Stufe kann noch das Fegefeuer gelten, beziehungsweise kann man es hier einschieben. Denn drei dieser auf uns zukommenden Realitäten sind vorübergehend, nämlich der leibliche Tod, das Gericht und das Fegefeuer; die beiden anderen sind „Letztzustände, Endbeschaffenheiten“, die sich nicht mehr ändern lassen, Himmel oder Hölle – das heißt: Ewige Seligkeit oder Gottesferne in endgültiger Daseinsform.

Deshalb sollen wir uns, auch wenn es bisweilen sehr herb, ja lästig erscheint, doch vom Ende des Kirchenjahres mit seinen Mahnungen bewegen lassen, diese ernsten Dinge zu erwägen, denn da geht es wahrlich um unsere Berufung, um unser Ziel, um unsere Ewigkeit, um unser Ende, um Alles. Deshalb fordert der heilige Papst Pius X., der Patron unser Priesterbruderschaft, in seinem Katechismus die Gläubigen auf (Großer Katechismus, Frage 971), oft der „Letzten Dinge“ zu gedenken: „Es ist gut, jeden Tag an die Letzten Dinge zu denken, ganz besonders beim Morgengebet gleich nach dem Erwachen, am Abend, bevor wir uns zur Ruhe begeben, und jedesmal, wenn wir versucht sind, Böses zu tun, weil uns dieser Gedanke am wirksamsten von der Sünde abhält.“ Schon im Alten Testament weist der Heilige Geist im Buche Jesus Sirach (7,36) genau darauf hin, wenn Er den heiligen Schriftsteller schreiben lässt: „Bei allen deinen Werken denke an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen!“ Tatsächlich, gerade heute, in einer materiell so reichhaltigen Welt mit so schier unbegrenzten Möglichkeiten in fast jeder Hinsicht (mindestens in der westlichen Welt), in der sich der Mensch so vieles leisten kann, sich ihm Reisen und Ferienziele, überall „Genussregionen“, Erlebnisparks, Sinnenreisen ohne Grenzen anbieten, die meisten Menschen sich mehr und mehr irdisch orientieren, aber geistig und seelisch einschrumpfen und versumpfen, dürfen wir Christen uns nicht Seele und Herz rauben lassen, sondern müssen sie treulich und in gutem Kampf und auch mit entsprechender Ernsthaftigkeit für die eigentliche Heimat bewahren. Das heilige Evangelium ist eine Frohbotschaft, ist Glück, Segen und Freude über die Liebe und Güte Gottes, über das Hilfswerk und die süße Milde Jesu, über den Ruf zum Himmel und zur Seligkeit – aber es wird nur denen offenbar, die sich Ihm in heiliger Ehrfurcht, mit Aufrichtigkeit und Geradheit nahen, weil sie wissen, dass der Heiland selbst es als Vermächtnis in Seiner Lehre, in Seinem Evangelium hinterlassen hat, wir müssten uns in mancherlei Kreuz bewähren, „wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden“ (Mt. 10,22; 11,12), denn „das Himmelreich leidet Gewalt, und die sie anwenden, reißen es an sich.“

Das wir dies vermögen, das wünscht Ihnen und uns allen, liebe Gläubige, herzlichst

Ihr

P. Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • November 2019 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien