St. Josephs-Blatt • März 2019

02 März, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

in den gegenwärtigen Umständen, von denen Kirche und Gesellschaft in der westlichen Welt geprägt sind, kommt der gläubige Katholik und zumal der glaubenstreue Priester nicht umhin, immer wieder – ceterum censeo – und auch auf die Gefahr hin, vielen lästig zu fallen und den Eindruck dauernde Kritikaster zu geben, auf die anhaltenden Entwicklungen und meist sind es leider Abwärtsentwicklungen, hinzuweisen und sie auch einer entsprechenden Beanstandung zu unterziehen. Denn es kann nicht geleugnet werden: Die Haltung der Priesterbruderschaft St. Pius X., ja die Bruderschaft selbst in ihrer Gründung und ihrer Prägung, verkörpert die Antwort auf jene vor allem innerkirchlichen Umgestaltungen, mit denen die Kirche seit zwei Jahrhunderten in Auseinandersetzung steht. Vorläufer war insbesondere der Liberalkatholizismus im 19. Jahrhundert, dessen Wurzeln in den Modernismus hinüberreichen; Pius IX., das 1. Vatikanische Konzil und wesentlich Pius X. haben darauf reagiert und die enorme Gefahr erkannt, die von jenen Bewegungen für die Kirche, ihr Wesen und Selbstverständnis ausging. Eigedämmt, aber keineswegs besiegt, schafften diese Vorstellungen eine schier revolutionäre Revitalisierung in der Zeit um den 2. Weltkrieg und seinen furchtbaren Notlagen herum, die nach einem allgemein menschlichen Zusammenhalten verlangten, und der in der Folge rasanten Heranbildung der modernen und imgrunde unreligiösen Kultur und Gesellschaft.

Den unstrittigen Wendepunkt brachte innerkirchlich das 2. Vatikanische Konzil, das neben vielen schönen, rechtgläubigen und anregenden (und die sogenannten „Konservativen“ beruhigenden) Darlegungen auch jene Ansätze in einigen Dokumenten offener, vielfach aber mehrdeutiger Natur einflocht, die schon während, mehr aber noch nach dem Konzil in der (bis heute anhaltenden) nachkonziliaren Ära Tür und Tor für die Meinungen und Anschauungen öffnete, deren Vereinbarkeit mit der Kirche Christi und ihren immerwährenden Wesen und Struktur bisweilen regelrecht zuwiderläuft. Haben schon manche Entwicklungen in modernistischem Sinne vor dem 2. Vatikanischen Konzil eingesetzt, so wurde die Bewegung als solche hier – von vielen Konzilsvätern nicht erkannt – doch quasi sanktioniert, in das innerkirchliche Leben als legitim eingeführt und gewann im Anschluß daran fast ungehinderte Oberhand.

Ging es in den Geburtszeiten und den ersten Jahrzehnten der modernistischen Entwicklung wesentlich um die „Entfaltung und Verständlichmachung der Liturgie“ im Sinne der Pastoral, um die Exegese in der textkritischen Auslegung der Heiligen Schrift, nahm alsdann mit der Diskussion über den Ökumenismus, die Religionsfreiheit, die Kollegialität und andere Themen nicht nur direkterweise das „Nachdenken“ über die Aufgabe der Kirche, ihre Struktur und ihre Verfassung auch indirekterweise manche Debatte um kirchliche Lehrinhalte und Glaubenswahrheiten ihren Lauf. Nun kam zuletzt auch die christkatholische Moral in die Renovierungsdiskussion, wobei in vielen Punkten wohl mehr an eine Liquidierung oder wenigstens Nivellierung gedacht wird als denn an eine wahre Reform in der geforderten Anpassung an den Fortschritt und die modernen Zeitverhältnisse.

Bei dieser Gelegenheit scheinen die immer neu aufflammenden Berichte über diverse Mißbrauchsfälle mit Kindern, Ordensfrauen und in anderen Bereichen (man denke an die Verseuchung mancher Seminare im Hinblick auf Vergehen gegen die Tugend der Keuschheit), die sicherlich, wenn auch keineswegs wirklich für den gesamten Klerus und Ordensstand symptomatisch, so doch in ihrer Furchtbarkeit beredte Zeugen eines moralischen Abbaus in der Kirche Gottes sind, nun dazu hergenommen zu werden und geeignet zu sein, neben anderem auch die Aufhebung des Zölibats und die propagierte Weihe von „viri probati“ (verheirateten Ehemännern und Familienvätern mit gewisser moralischer Bewährung) als wünschenswert und sogar als Heilmittel darzustellen. So schwer einem gläubigen Katholiken das Herz auch wird, wenn man an den Pfeilern der katholischen Ehe- und Familiendoktrin rüttelt, andauernd neu die Diskussion („Steter Tropfen höhlt den Stein“ – und darauf läuft es ganz offensichtlich tatsächlich hinaus) entfacht über das Zölibat des Klerus, über die Weihe von Frauen für den Diakonissen- und letztlich, im Hintergrund steht das natürlich immer auch, für den Priesterstand, über den Dialog mit allen möglichen Religionen und Gruppierungen unter immer weiter vernachlässigter Mission, so ist das dahinterstehende, treibende Ideengeflecht das eigentliche Gefährliche. Nicht jede Anregung und jeder Aufruf ist schlecht, der heute von Rom und den Bischöfen ausgeht; der treue Katholik ist kein reiner rückwärtsgewandter, der modernen Welt verständnislos und unfähig gegenüberstehender Gläubiger, und er wünscht Reform und Erneuerung – aber auf dem Fundament der Kirche Christi aller Zeiten und ohne Loslösung von den Dingen, die der Herr der Kirche als Auftrag, Sendung und Mittel auf den Weg durch die Jahrhunderte gegeben hat. Dabei sei nur daran erinnert, daß der heilige Pius X., unser Patron der Priesterbruderschaft, so „konservativ“ er auch war, mit Recht als größter Reformpapst der Kirchengeschichte seit dem Konzil von Trient und den nachtridentinischen Päpsten (mit Pius V.) im 16. Jahrhundert gilt, wenn wir von vielen fragwürdigen „Reformen“ der letzten Jahrzehnte absehen.

Darin macht sich der Unterschied bemerkbar, der den so reformeifrigen, unermüdlichen Pius X. von der Reformclique heutiger Couleur abhebt. Während unser heiliger Patron immer, auch bei seinen vielleicht gewagtesten Reformen auf die von Christus und den Aposteln über die Kirchenväter und großen Bischöfe wie Theologen vorgegebenen und überlieferten Grundwerte der Kirche …, sehen die Reformer des „modernen kirchlichen Zeitalters“ das Heil – denn viele erkennen durchaus eine Krise in der Kirche, des Glaubens, der christlichen Kultur – in der Flucht nach vorne, die bereits weit über das 2. Vatikanische Konzil hinausschießt, auch wenn da immer wieder behauptet, man stünde noch vollständig auf dem Boden „des Konzils“ und was es gewollt und angestoßen habe. Glaube, Kirche, Friede in der Welt etc. scheinen diesen Vordenkern nur deshalb nicht genügend verwirklicht, weil eben noch lange nicht genug vorangeschritten wurde in Reformen, Abschaffungen, Neugründungen, Umwälzungen, Wende und Wechsel, und zwar ohne große Rücksicht auf gestern. Was Tradition, Überlieferung ist, bestimmt das Konzil, der Papst, die Bischofskonferenz; sie interpretieren es. Das wäre korrekt, wenn Papst oder Konzil feststellen würde, was göttlich- kirchliche Überlieferung ist, doch dabei bleibt man nicht stehen, was auch verständlich wird, wenn zu beobachten ist, wie selbst das Wesen und die Struktur der Kirche in eine Art „Uminterpretation“, Neugestaltung hineingenommen wird. Innovation ist gefragt, aber nicht, woher sie kommt und wohin sie in der Tat führen könnte.

Deshalb besteht dann die Triebfeder der Neuerungen nicht mehr im Entfalten, Heranwachsen und Reifen aus der Wurzel der kirchlichen Herkunft und ihres Wesens, ihrer Aufgabe, sondern in der Verbindung zur modernen Welt, Kultur und Gesellschaft. Damit versucht man zu retten, was noch zu retten ist, verliert aber den eigenen Boden und Untergrund. Die Kirche – und dieses furchtbare Schauspiel erleben wir – erscheint dann nicht mehr göttlich, christlich (im wahrsten Sinne des Wortes), apostolisch, was sie war und, wenn auch heute wie von falschen Prinzipien besetzt und verdunkelt, doch im Herrn allezeit ist und bleiben wird, sie erscheint – aber es ist eben nur ein Schein, der irgendwann vergehen wird – säkularisiert, d.h. wie ein Teil des Weltlichen, Gesellschaftlichen, Kulturellen und nicht mehr. Für Glaube und Kirche würde das – wenn es denn bis ans vollständige Ende ginge – letztlich den Verlust des Übernatürlichen und der eigentlichen Berufung der Kirche bedeuten. Nach der Verheißung des Herrn ist es nicht möglich, aber sehr weit kann es schon gehen, fragt doch der Heiland einst selbst rhetorisch seine Jünger, ober der Menschensohn wohl Glauben finden würde Bei Seiner Wiederkunft.

Davon gilt es uns, liebe Gläubige, in dieser geistig-geistlich durchaus schweren Zeit in unerschütterlicher Treue auszuharren. Aushalten treu im Glauben, zur wahren Gestalt der Kirche, in der christlichen Moral und Sitte. Der Herr wird unsere Treue segnen; wir aber wollen unsere Zuflucht nehmen, gerade in dieser Zeit der Krise der Kirche, zur Mutter der Kirche und unserer Mutter, weil sie die Mutter des Herrn und Seines mystischen Leibes ist, zum heiligen Joseph als Patron der heiligen Kirche, dessen wunderbares Fest wir in diesem Monat feiern, zum heiligen Erzengel Michael als dem Schutzherrn des Gottesvolkes auch im Neuen Bund, zu allen Engeln und Heiligen, damit wir nach ihrem Vorbild und unter ihrem Beistand und durch ihre Fürbitte den guten Kampf kämpfen, den Glauben bewahren und mit Sankt Paulus deshalb auch dereinst den irdischen Lebenslauf glückselig beenden dürfen.

Mit priesterlichem Segensgruß, im Glauben getreu und in der Liebe zur Kirche Christi geeint

Ihr

Pater Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • März 2019 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien