St. Josephs-Blatt • Juni 2020

01. Juni 2020
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

nach der religiös-liturgischen Durststrecke der letzten Wochen, die in ihrer Art – sei es wie auch immer – bislang einmalig und in vieler Hinsicht auch eigenartig war, den guten Katholiken aber auch vor Augen führte, was wir am hl. Messopfer haben, gilt es wieder neuen Mut und neue Kraft zu schöpfen, auch wenn noch längst nicht alles überstanden scheint und manche Beschränkungen uns wohl noch einige Zeit begleiten werden. Leicht vergisst man bei den äußerlichen Belastungen und Einschränkungen nämlich die Tatsache, dass der wesentliche wirklich die heutige Welt erschütternde Sorgenpunkt ein ganz anderer ist: Die große Sorge, der geistige Kampf, das seit Jahrzehnten andauernde und stets noch wachsende Ringen um den Glauben, um die Seelen und ihre ewige Berufung, um die Kirche!

In der Tat bewegt den Katholiken mit einigem Glaubensgeist und Treue zur Kirche, mit Freude an der Wahrheit und Verlangen nach Tugend und Rechtschaffenheit der derzeitige Umgang mit den geistigen Gütern unserer heiligen Religion ebenso wie mit den Strukturen und dem Gefüge der vom Herrn begründeten Sein Heilswerk fortsetzenden Heilsanstalt. Nun gab es im Laufe der zweitausendjährigen Kirchengeschichte immer schon Auseinandersetzungen, Kämpfe um Glauben und Sitten, auch Änderungen und „Umbauarbeiten“ – also, neu ist das nicht, vielleicht war es nur nicht so intensiv, vielschichtig und beschleunigt wie in unserer Zeit. Dabei kamen immer wieder Trennungen, Irrlehren, Schismen vor, von denen die Kirchengeschichte uns vielfältig und leidvoll zu berichten weiß; ebenso häufig gab es auch innere Attacken und Reibereien, Meinungsverschiedenheiten, Umstellungen, Veränderungen in mancherlei Hinsicht. Nicht selten hört man in Richtung der sogenannten traditionellen Gläubigen den Vorwurf, sie würden glattweg übersehen, wie oft, wie dramatisch mitunter, wie heftig auch in der Kirche Gottes gestritten, diskutiert, manches umgeändert, novelliert und einem gewissen Wandel unterworfen war. „Sie lebt in der Zeit, auch wenn die Kirche von Christus gegründet bis zum Ende eben dieser Zeiten fortleben wird“ verteidigen die noch gutmeinenden unter den Katholiken, welche aber doch bereitwillig dem 2. Vatikanischen Konzil und alle ihm vorausgehenden, begleitenden und nachfolgenden Neuerungen anzunehmen zu müssen glauben, den heutigen Fortgang in der Theologie, ja auch im Lehramt durch Papst, Rom und Bischöfe.

Warum stellen wir traditionstreue Katholiken uns dieser Bewegung heute so entgegen, die rein äußerlich gesehen doch schon so viele Vorbilder und Beispiele innerhalb des kirchlichen Lebens durch so viele Jahrhunderte hindurch zu haben scheint. Dabei gehe es auch keineswegs um Trennung, Irrlehren etc., man halte ja gerade darum so fest an Rom, am Papsttum, an den Inhabern der kirchlichen Lehrstühle. Wenn die „Altgläubigen“ doch selbst stets betonen und intensiv darauf hinweisen, an der Kirche, am Lehramt, am Papst, an der hierarchischen Struktur der Kirche festhalten zu wollen, weshalb laufen „sie“ (und das sind „wir“!) immer wieder Sturm, bei Etwas (doch mindestens Manchem), was da von Oben kommt? Tatsächlich, es ist wahr, immer wieder einmal gab es Kontroversen, gab es Änderungen, Umstellungen in der Kirche im Laufe ihres Bestehens. Jedoch fallen beträchtliche Unterschiede zu früheren Zeiten, Wandlungen, Reformen ins Auge. Ganz abgesehen von der Vielzahl, fast kann man sagen, bei der sämtliche Teile und Strukturen der Kirche umfassenden Umgestaltungen und Neuregelungen gewinnt der treue Christ schon seit langem und stets noch zunehmend den Eindruck, dass bei diesen Veränderungen der integrale Rückhalt, das sich Entfalten, Entwickeln, Hervorwachsen aus den göttlichen Keimen, die Retrospektiven auf den Gründer und die Gründerzeit, welche Wesenskern, Zweck und Grundsätze samt der maßgeblichen Strukturgestaltung der Kirche mitgegeben haben, verlorengegangen sind. Dies sind wie bei einer Krankheit Symptome, Anzeichen, Indikatoren, die Warnsignalen gleichen, darauf hinweisend, daß man in Gefahr steht oder teils sogar schon der Gefahr unterlegen ist, sich vom Fundament zu trennen, das für die Kirche als mystischem Leib Christi ein für allemal gelegt ist und keinerlei Mutation in den Wesensteilen erlaubt.

Das ist die Sorge: Die Kirche wird umgebaut und das Fundament versandet! Unser Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, drückte es in seinen Predigten und Vorträgen immer wieder in mancherlei Weisen aus, wenn er von der ökumenischen Kirche sprach oder davon, daß man uns eine „neue Kirche“ machen will, ja geradezu einen neuen Glauben einimpfen möchte. Es geht nicht nur um Latein, Weihrauch und schöne alte Gebete und Lieder, sondern die den Wechselfällen der Zeit ausgelieferte Liturgie, das hl. Meßopfer, die moderne Sakramentenspendung, das Kirchenrecht, die Zölibatsdiskussion und jene um „Frauenpriestertum“ und Diakonissen, die Art und Weise des Umgangs mit dem Königtum Christi in Religionsfreiheitsdebatten, in Ökumenismus, in der Debatte um die sogenannte Kollegialität und so vieles mehr – dieses alles insgesamt und oft  sogar schon gesondert läßt die Besorgnis stetig wachsen, daß die Fundamente nicht mehr die Basis bilden, also nicht mehr Re – Form („Zurück zur Form“), sondern Neuerung ansteht, was schon immer und seit ältesten Kirchenzeiten die großen Kirchenväter, Kirchenlehrer, Päpste, Konzilien mit Vehemenz verworfen und mit Schauder missbilligt haben.

Deshalb lassen Sie, liebe Gläubige, uns trotz manchem Gegenwind, mancher Brandmarkung doch auf dem Felsen, der Christus ist – und nur auf diesem Felsen steht als Vertreter Christi, wenn er sich dieses Standes und Auftrages bewußt ist, der Papst – unbeirrt feststehen. Wir sind dabei beileibe nicht allein! Wieviele Heilige, Päpste, Bischöfe, Gelehrte haben denselben Weg gewählt, der ja letztlich Christus selbst ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Unser Patron der Bruderschaft, der heilige Papst Pius X., mahnt uns und in seiner Mahnung tröstet er uns, das Sammelbecken aller Häresien, wie er diese vom kirchlichen Fundament sich ablösende Bewegung des Modernismus nannte, zu verwerfen und zu verabscheuen, um vielmehr dem Herrn Jesus in Seiner Kirche treu zu dienen, bis Er selbst belohnen wird, die treu und fest beim Kreuze Christi, auch bei jenem Kreuz Christi und seiner Kirche in unserer Zeit, ausharren, denn (Lk. 22,28f.) „die ihr in meinen Prüfungen bei mir ausgehalten habt, euch vermache ich das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat.“

Ein reich gesegnetes, frohes und gnadenreiches Pfingstfest wünscht Ihnen, liebe Gläubige, von ganzem Herzen

Ihr P. Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • Juni 2020 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien