St. Josephs-Blatt • Dezember 2019

29 November, 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Aus dem Vorwort des St. Josephs-Blattes / Priorat Wien, von Pater Waldemar Schulz.

Liebe Gläubige,

zu Weihnachten feiern wir es gerade und mit großer Freude und Seligkeit, dass nämlich uns der Heiland geschenkt ist als wahrer Mensch. Durch die Geburt aus der allerseligsten Jungfrau Maria ist Er wirklich und wesentlich ein Glied des Menschengeschlechtes geworden, hat Anteil an unserer Natur, ist eingetreten in die Geschlechterfolge des menschlichen Daseins, da Er „in allem uns gleich geworden ist außer der Sünde.“ (Hebr. 4,15) Der hl. Augustinus fügt hinzu, dass der Mensch nicht könnte erlöst sein, wenn Dieser (Jesus) nicht Mensch wäre. Immer wieder hat die Kirche im Laufe der Jahrhunderte Stellung bezogen und betont, der Erlöser sei wahrhafter, leibhaftiger und vollkommener Mensch, der menschlichen Natur in jeder Beziehung vollständig teilhaftig. Das alles birgt also eigentlich nichts Neues in sich. Trotzdem betont die Theologie heute, insbesondere sogar die modernen Autoren, ebenso die kirchlichen Würdenträger und Hierarchen bis zum Papst hinauf, die menschliche Natur und die menschlichen Eigenschaften und Eigenarten des Heilands. Das ist alles schön und gut und richtig – wenn die andere Seite der Person Christi nicht fehlt! Momentan gewinnt man allerdings eher den Eindruck, im Sinne des emanzipierten Menschen und den verbreiteten Anschauungen der Moderne über das Universum, über den Menschen und über Gott werde hier Tribut, etwas einseitiger Tribut gezollt. Dieser Tribut nimmt mitunter beinahe die Gestalt des Zu-Munde-Redens und des Zeitgeistes an.

Wir wären nämlich auch nicht erlöst, gäbe es in Christus nur allein die menschliche Natur! Die Wahrhaftigkeit Seiner menschlichen Natur bedeutet heutzutage eine viel geringere Glaubensschwierigkeit für so viele Menschen, insbesondere den aufgeklärten, modernen Menschen mit diesseitigem Lebens- und Geistesbezug, als vielmehr das unbedingte Festhalten und die geistige Glaubensunterwerfung unter die Wahrheit der wahren göttlichen Natur des Meisters. Bei der jetzigen theologischen Ausrichtung vermehrt sich das Empfinden, dass das Eine betont wird, um vom Anderen nicht reden oder schreiben zu müssen. Aber genau dies muß gesagt, davon Zeugnis abgelegt und im Glauben beschworen werden, was wir doch im Credo bekennen, dass wir nämlich glauben „an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn. Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit. Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott; gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch Ihn ist alles geschaffen; für uns Menschen und um unsres Heiles willen ist Er vom Himmel herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden.“ Hier erst beginnt das Christentum, denn die Mitte unserer heiligen Religion ist Christus und wir sind Christen, weil wir Ihm glauben, Ihm folgen und zu Ihm gehören. Das Herz des Glaubens besteht also in den Geheimnissen Christi: Seiner Gottheit und Seiner Menschheit, Seiner Menschwerdung nach dem Willen der allerheiligsten Dreifaltigkeit durch Überschattung des Heiligen Geistes aus Maria, der Jungfrau, Sein Evangelium, Sein Leben, vor allem aber Sein Erlösungswerk, Sein Kreuz, Leiden und Sterben, Seine Auferstehung und Rückkehr zum Vater, um uns als Beistand den Heiligen Geist zu senden. Und dies alles, weil Er uns mitnehmen will zum Vater!

Darum ergibt sich für uns Christen, speziell das Geburtsfest Unseres lieben Herrn lädt uns noch besonders dazu ein, dem für uns vom Himmel herabkommenden Heiland unsere Aufwartung zu machen, denn nur „in Ihm haben wir die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Sünden. Er ist das Ebenbild Gottes, des Unsichtbaren, der Erstgeborene vor aller Schöpfung: denn in Ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne, Fürstentümer, Herrschaften oder Gewalten: alles ist durch Ihn und für Ihn geschaffen. Er ist vor allen, und alles hat in Ihm Bestand… So sollte Er in allem den Vorrang haben…“ (Kol. 1,14ff.) Deshalb erweist es sich heute notwendiger und wichtiger denn je, die überlieferten heiligen Texte des Konzils von Chalcedon (451) zu lesen, zu meditieren, zu lieben und zu beten, in denen es ja – wie im ganzen Altertum der Kirche, ja in der ganzen Kirchengeschichte – letztlich immer um Christus geht, den „ganzen Christus“ – mit Gottheit und Menschheit, mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, um den leiblichen und den mystischen Christus, um das Haupt und die Glieder, um den Gottmenschen und Sein Werk:

„Folgend also den heiligen Vätern, lehren wir alle einstimmig, dass der Sohn, unser Herr Jesus Christus, ein und derselbe sei. Der eine und selbe ist vollkommen der Gottheit und vollkommen der Menschheit nach, wahrer Gott und wahrer Mensch, bestehend aus einer vernünftigen Seele und dem Leibe. Der eine und selbe ist wesensgleich dem Vater der Gottheit nach und wesensgleich auch uns seiner Menschheit nach, »er ist uns in allem ähnlich geworden, die Sünde ausgenommen« (Hebr. 4,15). Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater gezeugt seiner Gottheit nach, in den letzten Tagen aber wurde derselbe für uns und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der Gottesgebärerin, der Menschheit nach geboren: Wir bekennen einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert besteht. Niemals wird der Unterschied der Naturen wegen der Einigung aufgehoben, es wird vielmehr die Eigentümlichkeit einer jeden Natur bewahrt, indem beide in eine Person und Hypostase zusammenkommen. Wir bekennen nicht einen in zwei Personen getrennten und zerrissenen, sondern e i n e n und denselben einziggeborenen Sohn, das göttlich Wort, den Herrn Jesus Christus, wie schon die Propheten es vor ihm verkündet und der Herr Jesus Christus selbst es uns gelehrt und das Glaubensbekenntnis der Väter es uns überliefert hat. Da wir nun diese Entscheidung mit großer, allseitiger Umsicht und Genauigkeit verfasst haben, so beschloss die heilige und Allgemeine Kirchenversammlung, dass niemand einen anderen Glauben vortragen oder niederschreiben, verfassen, hegen oder andere lehren dürfe.“

Eine recht gesegnete vorweihnachtliche Zeit in Erwartung des herrlichen Geburtsfestes dieses Unseres göttlichen Meisters wünscht Ihnen, liebe Gläubige, von Herzen

Ihr

P. Waldemar Schulz

Quelle: Gottesdienstordnung • Dezember 2019 • Priorat St. Klemens Maria Hofbauer • Wien