Hirtensorge in Zeiten schwerer Infektionskrankheiten

01. April 2020
Quelle: Distrikt Österreich
Der hl. Karl Borromäus bei den Pestkranken.

In älteren Handbüchern der Pastoraltheologie wurde ausführlich auch die Seelsorge in Zeiten der Infektionen, vor allem der Pest, dargelegt.

Einerseits wird gesagt, dass „zur Zeit der Pest die Pfarrer, mehreren Erklärungen des Heiligen Stuhles zufolge, nur verpflichtet sind, die beiden zum Heile notwendigen Sakramente der Taufe und der Buße auszuspenden, und zwar aus Rücksicht für das Beste ihrer Gemeinde; und sie können selbst das Sakrament der Buße für Pestkranke durch andere geeignete Priester ausspenden lassen. … Die Pfarreiangehörigen sollen oftmals ermahnt werden, schwere Krankheitsfälle in den Häusern und Familien frühzeitig zur Anzeige zu bringen. Wo es Not tut, soll man besonders gegen jene eifern, welche aus falscher Liebe den armen Kranken dieses letzte Trost- und Heilmittel vorenthalten.“ [1]

Andererseits wurden die Priester in früherer Zeit regelmäßig ermahnt, dass sie „vor allem Ärzte der Seele sein sollen und nicht zuerst den Leib kurieren wollen. … Bei ansteckenden Krankheiten soll er sich vor allem mit einem heiligen Gottvertrauen waffnen, dann aber auch die gewöhnlichen Präservativmittel selbst gebrauchen und Anderen anraten. Wird die Ruhr, Cholera Pest etc. herrschend, muss er wiederum zuerst mit Opfergeist seinem Berufe obliegen, die Gesunden zu Buße, zu öffentlichen Gebeten, Prozessionen, Gelübden ermuntern, dann auch auf Beobachtung der weltlichen Verordnungen und der Vorschriften der Ärzte dringen.“ [2]

Seit dem 16. Jahrhundert erließen die Fürsten und Regenten der Staaten immer wieder ausführliche Infektionsordnungen, in Österreich sind zahlreiche Zeugnisse mit genauen Vorschriften erhalten, etwa die große Infektionsordnung von Kaiser Ferdinand I. von 1562.  In Salzburg gab es bereits in der fürsterzbischöflichen Infektionsordnung, Mitte des 16. Jahrhundert, die erste Anweisung für eine Quarantäne, auch „Kontumaz“ genannt: Bürger, die sich in von der Pest befallenen Gebieten aufgehalten hatten, sollten die Stadt 14 Tage lang nicht betreten dürfen. Den Gesunden wurde damals befohlen, einen Monat lang Straßen, Märkte und Bäder zu meiden. Auch Kirchen, bemerkenswerterweise. [3] Das Wort Quarantäne stammt ja auch aus der Pestzeit. Das französische Wort quarantaine wurde von galloromanisch quarranta abgeleitet, das vom lateinischen quadraginta („vierzig“) stammt. Eine um 1400 aufgekommene Reisesperre für seuchenverdächtige Ankömmlinge – Venedig verbot bereits 1374 die Hafeneinfahrt für pestverdächtige Schiffe – bezeichnete man in Italien als quaranta giorni (vierzig Tage).

Es gibt ganz wunderbare Zeugnisse, dass die Kirche die Kranken und Sterbenden nie alleine gelassen hat, die Sakramente immer ausgespendet hat. Hier seien zwei Zeugnisse aus den großen Pestzeiten in Wien erwähnt. Nach der großen Pest von 1349 in Wien berichtet das Kalendarium des Klosters Zwettl, dass „in Wien alle Einwohner, die der Pest erlagen, auch die letzte Ölung erhielten.“ [4] Über die Pest von 1679 kann man lesen: „Am 18. Mai 1680 gab der Wiener Magistrat den Franziskanern das Zeugnis, daß sie in der Pestzeit mehr als 30.000 Menschen mit den Sakramenten versehen haben." [5]  Selbstverständlich haben sich die Priester gut geschützt. Man darf die Letzte Ölung mit einem hölzernen oder silbernen Stäbchen spenden. Die Krankenkommunion bzw. das Viatikum wurde mittels langer Löffel (Pestlöffel) gespendet, die dann desinfiziert wurden. Niemals hätte die Kirche hier die direkte Handkommunion erlaubt.

Für die Pestkranken gab es normalerweise eigene Kirchen (etwa die Spittals- und Bruderhauskirchen), wo selbstverständlich auch die Heilige Messe zelebriert wurde. Klugerweise hat man aber immer die Kranken von den Gesunden getrennt. Aus der Lebensbeschreibung zahlreicher Heiliger (Karl Borromäus, Aloisius von Gonzaga etc.) erfahren wir, wie sehr die Kirche mit den geistlichen Mitteln die Krankheiten besiegt hat, vor allem aber es nie unterlassen hat, sich um die Krankheiten der Seelen zu sorgen.

Am 22. Oktober 1713, als zum letzten Mal die Pest in Wien wütete und über 12.000 Einwohner der Stadt verstarben, gelobte Kaiser Karl VI. im Stephansdom eine Kirche zu Ehren des großen Pestheiligen der Neuzeit Karl Borromäus zu erbauen. Kurze Zeit später war die Pest erloschen und der Kaiser ordnete 1714 den Kirchenbau nun an. Noch heute lesen wir an der Fassade die Worte des Psalmisten: „Vota mea reddam in conspectu timentium deum." Und auf einer Votivtafel können wir lesen: „Zur Ehren Gottes des Allmächtigen hat dem ehrwürdigen Karl Borromäus, dem Fürbitter, der erhabene Kaiser Karl VI, katholischer und apostolischer König, das Gelübde erfüllt, dessen er für die Gesundheit des Volkes im Jahr 1713 schuldig und der er im selben Jahr teilhaftig geworden ist.“  So hat man in einem katholischen Land gehandelt. Die politischen Umstände haben sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verwandelt, es gibt keine katholischen Staaten mehr, auch kaum noch eine wirklich christliche Gesellschaft. Wir leben heute in anderen Verhältnissen.  Die Kirche, ihre Priester, können aber auch heute Ihrer Aufgabe nachkommen, sich um das Heil der Seelen zu sorgen. Sancta Maria, Salus Infirmorum – Ora Pro Nobis! Heilige Maria, Heil der Kranken – Bitte für uns!

Quelle: Pater Johannes Regele

[1] Dr. Michael Benger CSSR., Compendium der Pastoraltheologie, Regensburg 1868,  S. 358.
[2] Dr. Michael Benger CSSR., Compendium der Pastoraltheologie, Regensburg 1868,  S. 397 f.
[3] Leopold Öhler: Die Pest in Salzburg. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2013.
[4] Klaus Bergdolt, Der Schwarze Tod in Europa, 4. Auflage, 2017, S. 164.
[5] Ernst Tomek, Kirchengeschichte Österreichs, 1935, Bd 3. S.25.