Fest Mariä Reinigung (oder Mariä Lichtmess)

01. Februar 2024
Quelle: Distrikt Österreich
Simeon nimmt das Jesuskind in seine Arme - Kirche Sant' Agostino in Rom

Eines der ältesten christlichen Feste feiern wir am 2. Februar: schon im 5. Jahrhundert wurde es in Jerusalem begangen. Mit diesem Tag endet in der Kirche der weihnachtliche Festkreis und nach der Liturgie dieses Tages werden die Krippen und Christbäume aus unseren Kirchen entfernt.  An diesem Tag feiern wir Mariä Reinigung und die Darstellung unseres Herrn im Tempel vierzig Tage nach Seiner Geburt. Beide Handlungen waren vom Gesetz des Mose vorgeschrieben für eine Frau nach der Geburt eines Kindes und für den Erstgeborenen. Selbstverständlich waren beide Gesetze weder auf Jesus noch auf Maria anzuwenden, jedoch unterwarfen sich beide freiwillig diesem Gesetz. Warum, das erklärt uns der hl. Franz von Sales in einer seiner berühmten Predigten, die uns überliefert sind. Wir geben sie hier, allerdings in gekürzter Version wieder, sie wurde am 2. Februar 1620 in Annecy, Frankreich, gehalten: 

Zum Fest Mariä Reinigung

Gott spricht, wenn Er wirkt, und Er wirkt, indem Er spricht (Ps 33,9; 148,5). Damit zeigt Er uns, dass wir uns nicht damit begnügen dürfen, gut zu sprechen; vielmehr müssen wir unseren Vorsätzen die Wirkungen folgen lassen und unseren Worten die Taten, wenn wir Ihm wohlgefällig sein wollen. Wie Sein Wort Tat ist, ebenso will er, dass unserem Wort unverzüglich die Tat folgt und unserem guten Vorsatz die Ausführung. Wenn man deshalb im Altertum den guten Menschen vorstellen wollte, bediente man sich des Vergleichs mit einem Pfirsich, auf den man ein Blatt des Pfirsichbaums legte, weil der Pfirsich die Form eines Herzens hat und das Blatt des Pfirsichbaums die Form der Zunge. Damit drückte man aus, dass der gute, tugendhafte Mensch nicht nur eine Zunge hat, um viel Gutes zu sagen; da diese Zunge auf seinem Herzen liegt, spricht er vielmehr nur, insofern sein Herz es will. Das heißt: er sagt nur Worte, die zuerst aus seinem Herzen hervorgehen, das ihn zugleich zur Ausführung und zur Verwirklichung seiner Worte führt. Aus dem gleichen Grund hatten die vier Wesen (Ez 1,5-8) nicht nur Flügel, um zu fliegen, sondern unter ihnen auch Hände. Das soll zu verstehen geben, daß wir uns nicht damit begnügen dürfen, Flügel zu haben, um durch heilige Wünsche und Erwägungen zum Himmel zu fliegen, wenn wir nicht zugleich Hände haben, die uns zur Verwirklichung und Ausführung unserer Wünsche bringen. Es ist ja sicher, daß uns gute Vorsätze und heilige Entschlüsse allein nicht in das Paradies führen, wenn sie nicht von Wirkungen begleitet sind, die ihnen entsprechen.

Um diese Wahrheit zu bekräftigen, kommt also Unser Herr heute in den Tempel, um hier Gott, Seinem Vater dargebracht zu werden. Damit unterwarf Er sich dem Gehorsam gegen das Gesetz, das Gott einst dem Mose auf die steinernen Tafeln geschrieben gegeben hat (Ex 24,12; 34,1; 2 Kor 3,7). In diesem Gesetz gab es eine Reihe besonderer Vorschriften, die unseren göttlichen Meister und Unsere liebe Frau in keiner Weise verpflichteten. Der Erlöser ist ja der König und Herrscher aller Welt, der Himmel, der Erde und all dessen, was sie erfüllt; Er konnte daher keinem Gesetz und Gebot unterworfen sein. Weil Er uns aber als erhabenes und unvergleichliches Vorbild vor Augen gestellt werden sollte, dem wir in allem gleichförmig werden müssen, soweit es die Schwachheit unserer Natur zulassen kann, deswegen wollte Er trotzdem das Gesetz beobachten und sich ihm unterwerfen, nach Seinem Beispiel auch seine hochbegnadete Mutter, wie wir im heutigen Evangelium (Lk 2,22-38) sehen. Es berichtet von der Reinigung Unserer lieben Frau und von der Darstellung Unseres Herrn im Tempel. Darüber will ich drei Erwägungen anstellen....  Die erste Erwägung betrifft das Beispiel einer tiefen, echten Demut, das unser göttlicher Heiland und die glorreiche Jungfrau uns geben... 

Welch größere und tiefere Demut könnte man sich vorstellen als jene, die Unser Herr und Unsere liebe Frau üben, indem sie in den Tempel kommen, der eine, um wie alle Kinder der sündigen Menschheit hier dargebracht zu werden, die andere, um gereinigt zu werden? Es ist ganz sicher, daß Unser Herr zu dieser Zeremonie nicht verpflichtet sein konnte, die nur Sünder betraf, da Er die Reinheit selbst war. Und welcher Reinigung konnte Unsere liebe Frau bedürfen, da sie weder befleckt war noch sein konnte? Sie hatte vom Augenblick ihrer Empfängnis an eine so außergewöhnliche Gnade empfangen, dass die der Kerubim und Serafim in keiner Weise damit zu vergleichen ist. Denn obwohl Gott ihnen vom Augenblick ihrer Erschaffung an mit Seiner Gnade zuvorkam, um sie davor zu bewahren, in Sünde zu fallen, waren sie dennoch nicht von diesem Augenblick an so gefestigt, dass sie nicht untreu werden konnten, sondern wurden es erst hernach kraft der Entscheidung, die sie fällten, sich dieser ersten Gabe zu bedienen, und durch die freiwillige Unterwerfung ihres freien Willens. Unserer lieben Frau jedoch kam die Gnade Gottes zuvor und sie wurde im Augenblick ihrer Empfängnis zugleich so gefestigt, daß sie weder fallen noch sündigen konnte. Unbeschadet ihrer Reinheit kamen jedoch das Kind und Seine Mutter an diesem Tag, sich im Tempel darzustellen, als wären sie Sünder wie die übrigen Menschen. O unvergleichlicher Akt der Demut!

Je größer die Würde der Person ist, die sich demütigt, um so höher ist der Akt ihrer Demut zu schätzen. O Gott, welche Größe Unseres Herrn und Unserer lieben Frau, die Seine Mutter ist! Welch schöne Erwägung, zugleich die nützlichste und fruchtbarste, die wir anstellen können, ist die über die Demut, die der Heiland so innig geliebt hat! Es hat den Anschein, daß sie Seine Vielgeliebte war und dass er nur vom Himmel herabstieg, um aus Liebe zu ihr auf die Erde zu kommen. Sie ist die größte der rein sittlichen Tugenden, denn ich will nicht von der Gottesliebe und der heiligen Liebe sprechen; sie sind nicht nur eine besondere Tugend, sondern eine allgemeine Tugend, die alle anderen umfasst und von der sie ihren Glanz empfangen. Was aber die einzelnen Tugenden betrifft, gibt es keine, die so groß und so notwendig ist wie die Demut.

Unser Herr hat sie so sehr geliebt, daß Er lieber sterben wollte, als von ihrer Übung zu lassen. Er hat selbst (Joh 15,13) gesagt: Es gibt keine größere Liebe, als sein Leben einzusetzen für das, was man liebt. Nun, Er hat wahrhaftig sein Leben gegeben für diese Tugend, denn sterbend hat Er den hervorragendsten und erhabensten Akt der Demut gesetzt, den man sich je vorstellen kann. Um uns in etwa die Liebe unseres Erlösers zu dieser heiligen Tugend begreiflich zu machen, sagt der heilige Apostel Paulus (Phil 2,8), dass er sich erniedrigt hat bis zum Tod und bis zum Tod am Kreuz, als wollte er sagen: Mein Meister hat sich nicht nur für einige Zeit oder für einige bestimmte Handlungen verdemütigt, sondern bis zum Tod, d. h. vom Augenblick seiner Empfängnis an und dann Sein ganzes Leben lang bis zum Tod; und nicht nur bis dahin, sondern Er wollte sogar im Sterben die Demut üben. Er überbietet diese Demut und fügt hinzu: zum Tod am Kreuz, zum schimpflichsten und über jede andere Todesart hinaus verächtlichen Tod.

Dieses göttliche Vorbild belehrt uns, dass wir uns nicht damit begnügen dürfen, die Demut in einigen besonderen Akten zu üben oder nur für einige Zeit, sondern immer und bei jeder Gelegenheit; nicht nur bis zum Tod, sondern bis zur Abtötung unser selbst, indem wir auf diese Weise die Liebe zu unserer eigenen Hochschätzung und die Hochschätzung unserer Eigenliebe demütigen. Man darf sich nicht mit der Übung einer bestimmten Demut in der Haltung und in Worten abgeben; sie besteht darin, zu sagen, dass wir nichts sind, und so viele äußere Ehrenbezeigungen und Verdemütigungen zu machen, wie ihr wollt, und was weiß ich für Dinge, die nichts weniger als die Demut selbst sind. Nun, damit sie gut ist, muß sie uns nicht nur erkennen, sondern anerkennen lassen, daß wir ein wahres Nichts sind, das nicht zu leben verdient. Sie macht uns biegsam, geschmeidig und gegen jedermann gefügig. Auf diese Weise befolgen wir das Gebot des Heilands, der uns befiehlt, uns selbst zu verleugnen, wenn wir Ihm folgen wollen (Mt 16,24).

Viele täuschen sich darin, dass sie denken, die Demut sei eine nur für Novizen und Anfänger geeignete Übung; sobald sie ein kleines Stück auf dem Weg zu Gott zurückgelegt hätten, könnten sie gut in dieser Übung nachlassen. Gewiß, während sie sich schon für weise halten, werden sie als sehr töricht erfunden (Röm 1,22). Sehen sie denn nicht, daß Unser Herr sich erniedrigte bis zum Tod, d. h. die ganze Zeit Seines Lebens? Wie gut wußte der göttliche Meister unserer Seelen, dass dieses Beispiel für uns notwendig war. Er hatte es ja in keiner Weise nötig, sich zu erniedrigen, und wollte dennoch dabei bleiben, es zu tun, weil die Notwendigkeit dazu in uns lag. Wie notwendig ist die Ausdauer in diesem Punkt, denn wie viele hat man schon gesehen, die sehr gut mit der Übung der Demut begannen, aber aus Mangel an Ausdauer gescheitert sind. Unser Herr hat nicht gesagt: Wer anfängt, sondern wer ausharrt in der Demut, wird gerettet (Mt 10,22; 24,13).

Was ließ die Engel sündigen, wenn nicht der Mangel an Demut? Denn obwohl ihre Sünde Ungehorsam war, ließ sie dennoch der Stolz ungehorsam werden, um alles bei seinem Ursprung zu erfassen. Der elende Luzifer begann damit, sich anzuschauen und zu betrachten, dann ging er dazu über, sich zu bewundern und sich in seiner Schönheit zu gefallen, und aus diesem Wohlgefallen sagte er: Ich will nicht dienen, und warf damit das Joch der heiligen Unterwerfung ab (Jes 14,13f; Jer 2,20). Er hatte wohl recht, sich zu sehen und die Vorzüglichkeit seiner Natur zu betrachten, aber nicht, um sich darin zu gefallen und darüber eingebildet zu werden. Es ist nicht schlecht, sich zu betrachten, um Gott für die Gaben zu preisen, die Er uns geschenkt hat, wenn wir nicht zur Eitelkeit und Selbstgefälligkeit übergehen. Es gibt ein Wort der Philosophen, das aber von den christlichen Lehrern für gut befunden wurde, das heißt: erkenne die Vorzüglichkeit deiner Seele, um sie nicht geringzuschätzen und zu verachten. Indessen muß man immer in den Grenzen und im Rahmen einer heiligen, liebevollen Dankbarkeit gegen Gott bleiben, von Dem wir abhängig sind und Der uns zu dem gemacht hat, was wir sind (Ps 100,3).

Unsere Stammeltern und fast alle anderen, die gesündigt haben, wurden durch den Stolz bewogen. Als guter, liebevoller Arzt fasst Unser Herr das Übel an der Wurzel und beginnt anstelle des Stolzes vor allem die schöne und nützliche Pflanze der hochheiligen Demut einzusetzen; jene Tugend, die uns um so notwendiger ist, als das entgegengesetzte Laster unter den Menschen allgemein verbreitet ist. Wir haben gesehen, wie es bei den Engeln den Stolz gab und wie der Mangel an Demut sie für immer verlorengehen ließ. Sehen wir aber, wie viele Menschen, die gut begonnen haben, aus Mangel an Ausdauer in dieser Tugend gescheitert sind. Was hat König Saul am Beginn seiner Regierung nicht alles getan. Die Heilige Schrift sagt (1 Sam 13,1), dass er unschuldig war wie ein Kind von einem Jahr. Trotzdem änderte er sich durch seinen Stolz derart, dass er verdiente, von Gott verworfen zu werden. Welche Demut bewies doch Judas, solange er in der Gefolgschaft Unseres Herrn lebte; seht indessen, welchen Stolz er im Sterben hatte. Da er sich nicht demütigen und Werke der Buße tun wollte, die eine sehr große, gediegene Demut voraussetzen, verzweifelte er, dass er Vergebung erlangen könnte (Mt 27,4f). Es ist unerträglicher Hochmut, sich vor der göttlichen Barmherzigkeit nicht erniedrigen zu wollen, von der wir alles Gute und all unser Glück erwarten müssen.

Mit einem Wort, das ist ein allen Menschen gemeinsames Übel. Deshalb kann man nie genug darüber predigen und ihrem Geist die Notwendigkeit der Ausdauer in der Übung der hochheiligen und überaus liebenswürdigen Tugend der Demut einprägen. In dieser Absicht kamen Unser Herr und Unsere liebe Frau heute, um das Brandmal der Sünder anzunehmen, sie, die es nicht sein konnten, und um sich dem Gesetz zu unterwerfen, das für keinen von beiden erlassen war. Welch große Demut, sich so zu erniedrigen! Die Erniedrigung der Kleinen ist nichts Großes und nichts sehr Bedeutendes im Vergleich mit der von Riesen. Die Katzen, die Ratten und ähnliche Tiere, deren Bauch fast die Erde berührt, haben keine große Schwierigkeit, sich wieder zu erheben, wenn sie einmal gefallen oder zusammengebrochen sind; wenn aber die Elefanten einmal gefallen oder gestürzt sind, haben sie die größte Mühe und Schwierigkeit, sich wieder zu erheben und auf die Beine zu kommen. Ebenso ist es nichts Großes zu sehen, dass wir uns erniedrigen und demütigen, denn wir sind nur ein kleines Nichts und verdienen nur Verachtung und Erniedrigung; unser lieber Heiland dagegen und die heilige Jungfrau sind wie Riesen von unvergleichlicher Größe und Erhabenheit; ihre Demütigungen sind von unschätzbarem Wert. Seit sie sich einmal gedemütigt hatten, blieben sie es die ganze Zeit ihres Lebens und wollten sich nicht mehr erheben. Vielmehr hat Unser Herr, und Seine hochgebenedeite Mutter nach Ihm, sich erniedrigt bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Wir Elenden aber kriechen und schleichen wie Ratten, Katzen oder ähnliche Tiere nur über die Erde; doch wenn wir uns bei einer günstigen Gelegenheit erniedrigt haben, erheben wir uns sogleich wieder, werden hochmütig und streben danach, für etwas Besonderes gehalten zu werden.

Wir sind die Unlauterkeit selbst und wollen, dass man uns für rein und heilig halte; wahrhaftig eine größere Torheit, als man sagen kann. Unsere liebe Frau hat nicht gesündigt, wollte aber dennoch für eine Sünderin gehalten werden. Nehmt doch eine Tochter Evas: wofür erwartet sie nicht geehrt und geachtet zu werden? Gewiß, wenn dieses Übel auch allgemein unter den Menschen verbreitet ist, so scheint es dennoch, dass dieses Geschlecht mehr dazu neigt als jedes andere. Unsere glorreiche Herrin war in keiner Weise ein Tochter Evas dem Geist, sondern nur dem Blute nach, denn sie war stets nur äußerst demütig und bescheiden, wie sie selbst in ihrem heiligen Lobgesang (Lk 1,48) sagt: Der Herr hat auf die Demut seiner Magd geschaut; deswegen werden mich alle Geschlechter seligpreisen. Ich weiß wohl, sie hat es so verstanden, daß Gott auf ihr Kleinsein und ihre Niedrigkeit geschaut hat; aber gerade darin erkennen wir ihre tiefe und aufrichtige Demut besser. Hört sie bitte, wie sie sich stets geringschätzte, vor allem, als der Engel ihr verkündete, dass sie die Mutter des Gottessohnes werden sollte: Ich bin Seine Magd, sagte sie.  Unser göttlicher Meister lehrt uns, welche Hochschätzung wir für die hochheilige Demut haben müssen, der stets Seine Liebe gehörte. Sie ist auch der Boden und das Fundament des ganzen Gebäudes der Vollkommenheit. Dieses kann nur beruhen und sich erheben auf der Übung einer tiefen, aufrichtigen und wahrhaftigen Anerkennung unserer Niedrigkeit und Schwachheit, die uns zu echter Erniedrigung und Selbstverachtung führt....

Was bleibt uns jetzt noch zu sagen? Wenn wir in diesem vergänglichen und sterblichen Leben den Heiligen Geist in uns haben und uns in großer Achtung und Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät halten, ergeben das Erreichen unserer Vollkommenheit erwarten und, soviel wir können, unseren Willen dem Willen Gottes angleichen, dann werden wir das Glück haben, den Heiland in unseren Armen zu halten, und durch diese Gnade werden wir ewig selig sein. Amen.