Erzbischof Marcel Lefebvre: Die freie Zustimmung Marias

12. Oktober 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Es ist für uns immer gut, den so einfachen Bericht des Evangeliums über die Mutterschaft Marias wieder zu lesen, dieses Ereignis, um dessentwillen die Welt erschaffen wurde. Sei es beim heiligen Lukas oder beim heiligen Matthäus – die Erzählung ist von ergreifender Einfachheit und Größe zugleich.

„Der Engel Gabriel ward von Gott gesandt in eine Stadt Galiläas, mit Namen Nazareth, zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann aus dem Hause Davids namens Josef, und der Name der Jungfrau war Maria. Und er trat bei ihr ein und sprach: ‚Sei gegrüßt, Gnadenvolle, der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen‘“ (Lk 1, 26–28). Auf diese Worte wird sich die Kirche stützen, um die Unbefleckte Empfängnis und die Heiligkeit der allerseligsten Jungfrau Maria zu lehren. Maria ist voll der Gnade. Man kann sich also keine größere Gnadenfülle für ein Geschöpf vorstellen als die ihre, mit Ausnahme jener unseres Herrn. Sie verdankt diese Fülle ihrer göttlichen Mutterschaft.

„Sie aber erschrak bei dem Wort und dachte nach, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Der Engel sagte zu ihr: ‚Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott‘“ (Lk 1, 29–30). Maria ist das einzige Geschöpf, das Gnade gefunden hat bei Gott.

„Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden; Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird herrschen über das Haus Jakob ewiglich, und seines Reiches wird kein Ende sein.“ Ich denke, dass die allerseligste Jungfrau Maria, die sicherlich die Schriften betrachtet hatte und die vom Heiligen Geist erfüllt war, von diesem Augenblick an sofort begriffen hat, dass es sich um den Messias handelte, dass es sich um den handelte, der jahrhundertelang von der Menschheit erwartet wurde.

„Maria sprach zum Engel: ‚Wie wird dies geschehen, da ich einen Mann nicht erkenne?‘ Der Engel antwortete ihr: ‚Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Kind, das geboren wird, heilig, Sohn Gottes genannt werden. Siehe, Elisabeth, deine Verwandte, auch sie empfing einen Sohn in ihrem Alter, und dies ist der sechste Monat für sie, die als unfruchtbar galt; denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.‘ Da sprach Maria: ‚Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort!‘ Und der Engel schied von ihr“ (Lk 1, 34–38).

In diesen wenigen, so einfachen Worten findet sich das ganze Geheimnis der Ankunft Gottes selbst, des menschgewordenen Wortes auf Erden. Das Evangelium beschreibt es uns in einigen Zeilen mit einer solchen Einfachheit, aber gleichzeitig mit einer solchen Größe, einem solchen Adel, dass wir dadurch beschämt sind. Wie sind überrascht, zu sehen, wie all das gleichzeitig so groß und einfach zugleich ist, für alle fassbar. Jedermann kann diesen Bericht lesen und in dieses große Geheimnis der allerseligsten Jungfrau Maria eindringen.[1]

Das Geheimnis

Beim heiligen Lukas sagt der Engel Gabriel zur allerseligsten Jungfrau Maria: „Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären und du wirst ihm den Namen Jesus geben; er wird groß sein, Filius Altissimi vocabitur, man wird ihn den Sohn des Allerhöchsten nennen“ (Lk 1, 31–32), das heißt Sohn Gottes. Die heilige Elisabeth bestätigt das, als die allerseligste Jungfrau zu ihr zu Besuch kommt: „Woher kommt mir diese Ehre, dass die Mutter meines Herrn [das heißt die Mutter meines Gottes] zu mir kommt.“ Und die Kirche wird diese Wahrheit auf dem Konzil von Ephesus*[2] bestätigen mit den Worten: „Wenn jemand sagt, dass die allerseligste Jungfrau nicht die Mutter Gottes ist, der sei im Bann.“[3] Wir müssen bekennen, dass die allerseligste Jungfrau wirklich Mutter Gottes ist, weil sie die Mutter einer Person ist. Es gibt nur eine Person in Jesus, es gibt deren nicht zwei. Sie ist nicht einfach die Mutter des Leibes, sie ist die Mutter einer Person. Das Kind, das aus ihrem Schoß hervorgegangen ist und das sie in der Krippe von Bethlehem zur Welt gebracht hat, ist eine Person, und das ist ihr Sohn. Darum ist es schwer, die Würde der allerseligsten Jungfrau Maria zu ermessen.[4]

Das größte, das schönste Vorrecht der allerseligsten Jungfrau ist ihre göttliche Mutterschaft. Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr staunt man angesichts dieses wirklich unglaublichen Geheimnisses. Wie es der selige Grignion de Montfort sagt, hätte die menschgewordene Weisheit „in Herrlichkeit und triumphierend“ kommen können, „begleitet von Millionen von Engeln oder wenigstens von Millionen von auserwählten Menschen“[5], von einem außerordentlichen Heer, von Reichtümern, von Vermögen usw. Man hätte sich alles vorstellen können, aber dass er im Schoß der allerseligsten Jungfrau Maria kommt, dass er solcherweise auf unsere Erde herabsteigt und sich eine Mutter gibt, und dass er sie jedem von uns gibt, das ist etwas absolut Unerhörtes. Was für ein Vorrecht für Maria, erwählt worden zu sein, ein unglaubliches Vorrecht![6]

 

Anmerkungen

[1] Summa theologiae, III, q. 30, a. 4.

[2] DH 252.

[3] Si quis non confitetur Dei Genetricem sanctam Virginem, anathema sit.

[4] Exerzitien für die Schwestern der Bruderschaft, Saint-Michel-en-Brenne, 27. September 1984, 12. Vortrag.

[5] Die Liebe zur Ewigen Weisheit, Feldkirch, o. J., S. 103.

[6] Priesterexerzitien, Ecône, 10. September 1982, 12. Vortrag.