Eine gegenwärtige Weihnachtsgeschichte

24. Dezember 2019
Quelle: Distrikt Österreich

Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt; auf seinen Schultern ruhet die Weltherrschaft. (Isaias 9,6)

David liebte es, die klirrend kalte Winterluft bedächtig und tief einzuatmen. Sein Blick glitt dabei ebenso bedächtig über die in nächtlichem Schweigen weiß schimmernden Felder bis hin zu den dunklen Bergen im Hintergrund und - mit einem tiefen, erhebenden Atemzug - weiter zum strahlenden Himmelsheer, das sich majestätisch über ihm wölbte. Die Weihnachtsnacht hatte etwas Besonderes an sich. Was war es nur? Wussten die Elemente der Natur wie Luft, Schnee, Berge und Sterne um das, was sich zu Bethlehem begeben hatte? Oder war es die göttliche Gnade, die den Blick der betrachtenden Seele verklärte? Schwebte der Friede wie einst in Bethlehem über dem ganzen Erdkreis?

Wiederum sog David langsam und tief die Luft in sich hinein. „Wie groß ist die Seele“, dachte er, „wie hochheilig die Nacht und wie klein dagegen die materielle Welt trotz ihrer weiten Ausdehnung ins All.“

„Unvorstellbar“, ging es David durch den Kopf, „ist die Größe Gottes, die sich in der Schöpfung widerspiegelt, unfassbar, unauslotbar, grenzenlos; andererseits das kleine Kind im Stall von Bethlehem, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe im Heu liegend, Menschenhänden scheinbar hilflos ausgeliefert. Kann man da noch an der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes zweifeln? Wie sehr muss das Gesichtchen des Jesukindes geleuchtet haben, und wie sehr das Gesicht der Muttergottes und das Antlitz des hl. Joseph!“

Der Schnee knirschte unter den Sohlen der Winterstiefel, als David langsam auf das Haus zuschritt und in dessen wärmenden Schutz eintauchte. Der Friede der stillen Nacht erfüllte sein Herz, und er musste sich wieder fassen, um den erwartungsvollen Gesichtern ein freundliches Lächeln zuzuwerfen. Und bald begann der Heilige Abend,  und das Weihnachtsevangelium erklang in der schön geschmückten, nach Tannenzweigen duftenden Stube:

In jener Zeit erging vom Kaiser Augustus der Befehl, das ganze Reich aufzuzeichnen. Es war das die erste Aufzeichnung, die unter Cyrinus, dem Statthalter von Syrien, stattfand. Alle gingen hin, sich aufschreiben zu lassen, ein jeder in seine Vaterstadt. Auch Joseph begab sich von Nazareth in Galiläa nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt — denn er war aus dem Hause und Geschlechte Davids —, um sich mit Maria, seinem Weibe, die empfangen hatte, aufschreiben zu lassen. Als sie aber dort waren, kam für sie die Zeit der Geburt, und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte Ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

In jener Gegend aber waren Hirten auf dem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da stand plötzlich ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit Gottes umstrahlte sie, und sie fürchteten sich sehr. Der Engel aber sprach zu ihnen: «Fürchtet euch nicht. Denn seht, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volke zuteil wird: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, Christus, der Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt ist und in einer Krippe liegt.» Und plötzlich war bei dem Engel eine große himmlische Heerschar, die Gott lobte und sang: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.»

„Auch an den Menschen guten Willens, bonae voluntatis, ist die Gnade heute sichtbar“, dachte er. „Der Heiland beschenkt uns, er wohnt in unserer Mitte, zusammen mit Maria und Joseph. Und die Kinder sind die Engel, die mit glockenhellen Stimmen das Stille Nacht, heilige Nacht singen.“ Die Sterne sprühten am Christbaum, und aus dem weihevollen Dunkel leuchteten andächtige Kindergesichter.

Das Christkind war denn auch gar nicht geizig, und jeder bekam etwas Schönes, damit keiner vergäße: der Heiland wurde arm, um uns reich zu machen. David musste verstohlen auf seinen Vater und seine Mutter blicken. Sie hatten ihre Lebenskräfte ganz der Familie hingegeben. Der Vater musste zeitlebens schwer arbeiten. Viele Menschen der Kriegsgeneration mussten für den Erwerb des täglichen Brotes und eines sicheren Heimes für die Familie über Jahre und sogar Jahrzehnte bis an die Grenzen ihrer Kräfte gehen. An Urlaub und Luxus war gar nicht zu denken. Nun aber strahlten Vater und Mutter glücklich im Kreis ihrer Kinder, trotz aller Ärmlichkeit und Bescheidenheit. Teilten sie ihnen nicht gerade durch ihre Armut einen Reichtum mit, der nicht zu vergleichen war mit den Gütern dieser Welt? Das leuchtete David auf, als er vor der Krippe stand, und er dachte an die Worte aus dem Evangelium: „Gott hat es den Klugen dieser Welt verborgen, den Kleinen aber geoffenbart.“

Unter dem mit brennenden Wachskerzlein verzierten Christbaum beglückte David die Erkenntnis: „Weder Brüssel noch New York, nein, Bethlehem birgt die ewige Weisheit.“ Hoffentlich haben viele junge Väter und Mütter diese Einsicht und freuen sich über ihre Kinder mehr als über die nichtigen Reichtümer dieser Welt, die doch die Menschen in Wirklichkeit so leer und unglücklich machen.

„Die Größeren dürfen noch in die Christmette gehen“, sagte der Vater. - Der romantisch verschneite Kirchweg im Schein der Straßenlaternen, der feierliche Klang der Fanfaren vom Kirchturm vor Beginn der Mette, die feierlich das Heil kündenden  Lichter im hohen, gotischen Kirchenraum, der sakramentale Empfang des Heilandes in der Christnacht – all das prägte sich unauslöschlich in Davids Herz. „Gloria in excelsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis“, sangen die Engel auf den Fluren Bethlehems, und sie meinten es ernst, wenn sie bonae voluntatis sangen.

In dieser Nacht, als die Stunden sich schon dem Morgengrauen zuneigten, trat David  noch einmal in die klirrende Kälte der Nacht, nochmals erwog er die hohen Gedanken, die ihn bewegten: „War nicht die Geburtsnacht des Herrn die Geburtsnacht Europas, das dem Christentum seine geistige und kulturelle Höhe verdankte? Doch nun sollte Jesus Christus von der Tür gewiesen werden wie einst bei der Herbergssuche in Betlehem, Europa sollte ein Europa sein ohne Gott …?! Ein unglaubliches Unterfangen! Wo war die energisch sich erhebende, wegweisende Stimme des Stellvertreters Christi auf Erden? Wo waren die Hirten, die um ihre Herden kämpften? Es gibt Feinde“, dachte David, „auch wenn sich die nachkonziliare Kirche nur mehr Freunde und händeschüttelnde Dialoge wünscht und ihr Augenmerk lieber auf den Klimawandel als auf die Frohbotschaft des Evangeliums legt. Ja, tatsächlich, es gibt viele Feinde. Im Alten Bund waren es die Ägypter, die Philister, die Assyrer, die Babylonier, die Perser und die Griechen, im Neuen Bund die Häretiker, die heidnischen Römer und Germanen, dann die Hunnen, die Awaren und Slawen, die Magyaren, die Tartaren und die Türken, solange sie eben noch Heiden waren.“

„Und wer sind gegenwärtig die Feinde? Es sind die Modernisten in der Kirche, die die katholische Glaubens- und Sittenlehre zersetzen, es sind die Liberalen, die Linken, der Islam und die Freimaurer, die das neue Europa bauen und Jesus Christus keinen Platz mehr in der Verfassung der Europäischen Union gewähren. Der Psalm 118, der längste unter den 150 Psalmen, ist ein fortgesetzter Lobpreis des Gesetzes Gottes“, schoss es David durch den Kopf. „Das Gesetz hat ein schweres Gewicht, weil es Denken und Tun der Menschen auf ein bestimmtes Ziel hin ordnet. Schlechte Gesetze führen die Gesellschaft auf Abwege, wir erleben es zurzeit in aller Dramatik“, folgerte David weiter. „Die christlichen Werte und Sitten werden ins Gegenteil verkehrt. Das Gesetz Gottes hingegen steht mit der Schöpfungs- und Erlösungsordnung im Einklang, dient dem Gemeinwohl und führt zu Gott, dem höchsten und letzten Ziel des Menschen. Armes, kleines Jesuskind, nun musst Du wieder frieren und Dich begnügen mit dem bescheidenen Plätzchen, das Dir gute Seelen anbieten. Die Großen der Welt haben für Dich, den Schöpfer der Welt, keinen Platz.“

David wusste, dass es in diesem Kampf um alles ging: um Gott, um die allerheiligste Dreifaltigkeit, um das Wort, das Fleisch geworden ist, um die Muttergottes, um die katholische Kirche auf dem ganzen Erdkreis, um die europäische Christenheit, um die liebe Heimat Österreich, um die Treue zum Glauben und zu den Sitten unserer lieben Väter und Mütter und um das Frieden stiftende, christliche Heim der Familie - um all das ging es in diesem Ringen. Ein erbitterter, ein mörderischer Geisteskampf war im Gange.

David wandte seinen Blick zum Herrn empor, zum Herrn, den er zuvor im Stall von Bethlehem angebetet hatte, und er bat IHN um seine Hilfe.

Der dunkle Hintergrund des Nachthimmels hatte sich in ein tiefes Blau verwandelt und verkündete das Fest der Geburt des Herrn. In Davids Herz war eine neue Hoffnung erwacht, ja, die Gewissheit um eine neue christliche Zukunft Europas und der Welt aus jenen majestätischen Worten der Mutter des Herrn in Fatima: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“

Quelle: Pater Klaus Wilhelm