Ein Brief einer einfachen Gläubigen an Hw. Pius Parsch aus dem Jahr 1929

2019
Quelle: Distrikt Österreich

 

nach seiner Forderung der Einführung der Volkssprache in die Liturgie

Gestatten Sie einer eifrigen Leserin von Bibel und Liturgie zu dem aufgeworfenen Problem Stellung zu nehmen: Als Ziel der liturgischen Bewegung wird nunmehr bezeichnet „das Volk zur aktiven Teilnahme beim Gottesdienst zu bringen“, eine Formulierung, der gewiss im allgemeinen zuzustimmen ist. Aber kann es nicht verschiedene Ansichten darüber geben, was unter aktiver Teilnahme zu verstehen ist? Im Artikel (Nr. 23/24) wird sie als gemeinsames, im Anschluss an das Messbuch gesprochenes bzw. gesungenes Gebet definiert, wobei anschließend bemerkt wird, dass die lateinische Kirchensprache für diese Bestrebungen eine große Schwierigkeit bedeutet. Ich möchte nun als wünschenswerte aktive Teilnahme lieber ein Mitdenken, Mitleben, Mitopfern sehen und weniger Gewicht auf das Beten und Singen legen. Denn man kann sehr gut mit ganzem Herzen beim Gottesdienst sein und dabei sehr schlecht sprechen bzw. singen.

Die Liturgie ist ein Kunstwerk, das jeder genießen soll, aber nicht alle Menschen sind berufen, ausübende Künstler zu sein. Die Masse der Kirchenbesucher kann eben nicht rezitieren und singen - deutsch ebensowenig wie lateinisch – wenigstens nicht so wie es der Würde des Gottesdienstes entspricht, und sie wird es auch nicht erlernen, da mögen sich Geistliche oder Chordirigenten noch so große Mühe geben und ihre Zeit opfern. Es müssen also Chorgesang und Gebet einer eigenen, geschulten Gruppe vorbehalten bleiben. Welcher Sprache soll sich diese nun bedienen? Es gibt für jeden Inhalt eine ihm vollkommen angepasste und am meisten entsprechende Form und so gibt es für das Kirchengebet eine ideale Sprache: das Latein und für den Kirchengesang eine ideale Melodie den gregorianischen Choral. Sicher hat der Heilige Geist, der eigentliche Schöpfer der Liturgie, auch hierbei mitgewirkt. Freuen wir uns dieses kostbaren Gutes und erhalten wir es nach Möglichkeit. Das bisschen Latein, das die Sänger am Chore brauchen, werden sie wohl noch lernen können, so wie es auch die kleinsten Ministrantenbüblein erlernen.

Nun, wie kommt aber dabei das Volk zur aktiven Teilnahme? Da gibt es nur ein Mittel: Die Herrn Geistlichen, Pfarrer und Katecheten, müssen liturgischer werden! Sie sind die Lehrer des Volkes in diesem Gegenstand und wo der Katechet es versteht, seine Schüler, der Pfarrer seine Gemeinde für die Liturgie zu interessieren, da werden die Gläubigen mit der Zeit verstehen lernen, was bei der Hl. Messe geschieht, werden die Texte kennen und den Gesang bei der heiligen Handlung verfolgen, mit ihrem Gedanken- und Gefühlsleben daran beteiligt sein und die praktischen Konsequenzen für ihr Leben daraus ziehen. Wir brauchen eine liturgisch gerichtete Frömmigkeit, um dem übertriebenen Individualismus und Subjektivismus unserer Zeit entgegenzuwirken. Eine so geförderte liturgische Bewegung hätte meiner unmaßgeblichen Meinung nach am meisten Aussicht, möglichst viele Menschen dahin zu bringen, dass sie der Messe mit Verständnis folgen, die Feste der Kirche mitfeiern, ihre Kirche immer besser kennenlernen und erkennen, welchen Schatz sie an ihr besitzen – gerade deswegen, weil sie keine Nationalkirche, sondern die Zeiten und Zonen überspannende Universalkirche ist! Wer einmal im Ausland weilte und dort in der Kirche die gleichen Worte vernahm, der er gewöhnt war, in seinem heimatlichen Gotteshaus zu hören, der weiß welch einigendes Band die Sprache bedeutet und die wird sie so recht zum Symbol der einen, heilige, katholischen Kirche – unser aller Heimat.

Alice Horacek (von ihrer Tochter Univ. Prof. Dr. Blanka Horacek publik gemacht, in: P. Severin Grill OCist., Mysterium tremendum, Heiligenkreuz 1966.)