Der erste Ordensbruder der Priesterbruderschaft St. Pius X: Wer war Bruder Gabriel?

15. Januar 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

Bruder Gabriel Le Nhu (1941–2020) verstorben

Gabriel Le Nhu wurde am 10. November 1941, inmitten des II. Weltkrieges, in Paris geboren. Schon sein vietnamesischer Vater lebte in Frankreich. Seine französische Mutter konnte sich nicht angemessen um ihn kümmern. So kam er in den 1950er Jahren in die Obhut der Schwestern von Pontcallec.

Diese Schwesterngemeinschaft war von Abbé Victor-Alain Berto (1900–1968) ins Leben gerufen und 1943 dem Dominikanerorden affiliiert worden. Der Sitz befindet sich im bretonischen Pontcallec. Diese Tertiarinnen des Predigerordens unterstützten in der Anfangszeit das Seminar von Ecône mit der Entsendung einiger Schwestern für die Hauswirtschaft. Später trennten sich allerdings die Wege, und 1990 wurden die Schwestern ein Institut päpstlichen Rechts unter dem Namen Dominikanerinnen vom Heiligen Geist.

Wie Msgr. Marcel Lefebvre war Abbé Victor-Alain Berto Alumne des französischen Seminars. Er wurde 1925 für die Diözese Vannes geweiht und war seit seiner Studienzeit ein Tertiar des Dominikanerordens. Abbé Berto war der private Theologe von Erzbischof Lefebvre auf dem II. Vatikanischen Konzil und später auch Schriftleiter der Zeitschrift La Pensée catholique. Er starb 1968 und wurde im Mutterhaus der Schwestern begraben.

Als der junge Gabriel Le Nhu bei den Schwestern Aufnahme fand, waren diese als Kongregation noch im Entstehen begriffen. Begonnen hatte alles nämlich mit jungen katholischen Damen, die Kinder aus unterprivilegierten Familien aufnahmen und sie in christlichem Geist erzogen. Erst später wurde daraus eine Schwesternkongregation mit mehreren Schulen.

Etwa zehn Jahre blieb Gabriel Le Nhu in der Obhut der guten Schwestern und von Abbé Berto. Dieser nahm bei dem jungen Mann die Zeichen einer Ordensberufung wahr und schlug ihm deshalb vor, als Ordensbruder bei den Vätern vom Heiligen Geist einzutreten, deren Generaloberer damals noch Erzbischof Marcel Lefebvre war.

Gabriel Le Nhu hatte eine Ausbildung zum Konditor machen können. In dieser Zeit konnte er mit seinem Geschäftsleiter sogar eine Reise ins damals noch kommunistische Rumänien unternehmen.

Eintritt bei den Spiritanern

Tatsächlich trat er nach der Ausbildung und Berufstätigkeit 1968 bei den Spiritanern ein. In seiner Postulatszeit kam es allerdings zu tumultartigen Zuständen in dem Missionsorden. So weigerten sich z.B. die niederländischen Novizen aus progressistischen Motiven heraus, die Ordensgelübde abzulegen. Erzbischof Lefebvre reagierte und schloss diesen Unruheherd. Aber es war schon zu spät. Die Kongregation erlebte schlimme Jahre.

Nachdem das Generalkapitel der Spiritaner im Jahr 1968 den „Geist des Konzils“ in vorgebliche „Reformen“ gießen wollte, trat der Msgr. Lefebvre aus Protest als Generaloberer zurück, obwohl sein Mandat noch sechs Jahre gedauert hätte. Er zog sich in das litauische Kolleg in Rom zurück. Sein aktives Leben als Missionar schien beendet. Doch Gottes Vorsehung hatte anderes vor. ...

Gabriel Le Nhu hatte diese Zeit auf dem Château des Vaux in der Normandie „überwintert“, auf dem sich eine Komturei der „Ritter Unserer Lieben Frau“ befand, die 1945 in der Kathedrale von Chartres durch den Abt von Saint-Wandrille gegründet wurden. Die kanonische Anerkennung erfolgte 1964 durch den Bischof von Chartres.

Auf dem Château des Vaux traf Gabriel Le Nhu auf Monsieur de Roquefeuil und andere Mitglieder dieser katholischen Laienbruderschaft. Einige dieser vom Geist der mittelalterlichen Ritterschaft erfüllten Persönlichkeiten der Chevaliers gehörten 1968 zu den Käufern der Gebäude von Ecône. So schließt sich ein Kreis.

Da Gabriel Le Nhu sich daran erinnerte, dass Abbé Berto ein Freund von Erzbischof Lefebvre gewesen war, folgte er der Vorsehung und dem Rat, den ihm die guten Schwestern von Pontcallec gaben, um sich als Postulant in der jungen Priesterbruderschaft St. Pius X. vorzustellen. Er kam am 2. Oktober 1972 in Ecône an, kurz nach der Einweihung des neuen Refektoriums und der neuen Küche. Erzbischof Lefebvre akzeptierte sein Gesuch und bat ihn zuerst, in der Küche zu helfen. Er wurde bald nach Fribourg geschickt, um für Seminaristen, die an der katholischen Universität Theologie studierten, zu kochen.

47 Jahre in Ecône

Am 8. Dezember 1973 legte Gabriel Le Nhu seine erste Verpflichtung gegenüber der Bruderschaft ab. Er wurde am 3. Februar 1974 sogar tonsuriert, da Bischof Lefebvre meinte, es wäre gut für die Brüder, die Tonsur und sogar die Niederen Weihen zu erhalten, eine Praxis, die bald danach aufgegeben wurde.

Am 22. Dezember 1974, also vor 46 Jahren, legte Gabriel Le Nhu seine ersten Versprechen der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams ab. Diesen Versprechen, die er immer wieder erneuern durfte, blieb er treu, bis er am 29. September 1985 zur Ewigen Profess zugelassen wurde. All die Jahre hat er das Priesterseminar von Ecône nicht verlassen, sondern in der Hauswirtschaft und Küche der Gemeinschaft seine treuen Dienste geleistet. Er war der erste Ordensbruder der Priesterbruderschaft St. Pius X. und Zeuge des Wachstums einer kleinen Schar von Seminaristen zu einer weltweit tätigen Kongregation von über tausend Mitgliedern (Seminaristen, Priester und Ordensleute).

Am Freitag, dem 18. Dezember 2020, hat er im Alter von 79 Jahren seine Seele Gott zurückgegeben. Am 22. Dezember zelebrierte Weihbischof Bernard Tissier de Mallerais ein Pontifikalrequiem. Seine letzte Ruhe fand Bruder Gabriel Le Nhu in der Gruft des Priesterseminars.

Zwei Motive

In seiner Predigt nannte Msgr. Tissier den Gläubigen zwei „übernatürliche Motive“, warum man hoffen dürfe, dass der Verstorbene im Gericht Gottes Bestand gehabt habe. Das erste sei die treue Erfüllung der Ordensgelübde und das zweite die vollkommene Hingabe des verstorbenen Bruders an Jesus durch Maria im Sinne des hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort.

Auf dem Sterbebett im Krankenhaus von Sion habe Bruder Gabriel mehrfach alle seine Leiden für die Seminaristen aufgeopfert. Das sei ein Akt der vollkommenen Liebe. „Niemand hat eine größere Liebe als die, dass er sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes 15,13). Requiescat in pace.