Altes Testament und Archäologie: 4. Der Zug der Israeliten durch das Meer

10. Februar 2024
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Matthias Gaudron

Das erste Ziel, das die Juden nach ihrem Auszug anstreben mussten, war der Gottesberg Horeb bwz. Sinai, wo sie das Gesetz empfangen sollten. Moses hatte dort früher schon die Erscheinung des brennenden Dornbuschs gesehen. Um die Route der Juden durch das Meer und die Wüste zu rekonstruieren, muss man darum zunächst Klarheit über die Lage des Gottesbergs gewinnen.

Wo lag der Berg Sinai?

Der heute als Moses-Berg verehrte Berg auf der Sinai-Halbinsel zwischen dem Golf von Suez und dem Golf von Akaba ist höchstwahrscheinlich nicht der echte Gottesberg. In vorchristlicher Zeit suchte niemand ihn dort. Im 3. Jh. ließen sich aber christliche Einsiedler auf der Sinai-Halbinsel nieder und glaubten, in dem Berg den Moses-Berg zu erkennen. Es gibt dort aber nicht die geringsten Spuren des Exodus, weder Gräber noch Inschriften oder Tonscherben, was bei einem Aufenthalt von Tausenden von Menschen über ein Jahr hinweg zu erwarten wäre.

Vor allem lag die Sinai-Halbinsel zur Zeit des Moses im ägyptischen Einflussbereich. Weder Moses auf seiner Flucht noch das Volk Israel wären dort sicher gewesen. In Ex 2,15 heißt es dann auch, dass Moses nach Midian floh, das wahrscheinlich östlich des Golfs von Akaba lag, das ist im heutigen Saudi-Arabien. Darum schreibt Paulus in Gal 4,25, der Berg Sinai liege in Arabien, und dort ist also der Gottesberg zu suchen.

Interessant ist die Vermutung, der Gottesberg sei ein Vulkan gewesen. In der Tat erinnert die Beschreibung des Buchs Exodus, der Berg habe gebebt und sei in Rauch gehüllt gewesen, an einen aktiven Vulkan. Sogar die Posaunenstöße, von denen die Rede ist, ließen sich so erklären, denn wenn vulkanische Gase durch Risse im Fels gepresst werden, kann es nach einem Trompeten- oder Posaunenstoß klingen. So berichtete der römische Historiker Cassius Dio von einem Ausbruch des Vesuvs, bei dem der Ton von Trompeten gehört worden sei. Selbstverständlich haben Moses und die Israeliten nicht die Phänomene eines aktiven Vulkans mit einer Gotteserscheinung verwechselt, aber warum sollte Gott nicht dieses Naturphänomen als Hintergrund für seine Erscheinung gewählt haben?

Der wahrscheinlichste Kandidat für den wahren Gottesberg ist der Jebal-al Makla im nordwestlichen Arabien. Er ist mit 2326 Metern einer der höchsten Berge dieser Gegend und hat eine schwarze Spitze aus vulkanischem Basaltgestein. Bei den Beduinen der Umgebung soll er den Namen „Jebal Musa – Mosesberg“ tragen. Zu seinen Füßen gibt es ein 38 Meter langes Gemäuer, das der Aufgang zum Brandopferaltar der Israeliten gewesen sein könnte, denn auf dem Podest, zu dem es führt, fand man Überreste von Asche, Kohle und Knochen, vermischt mit anderem organischem Material. Unterhalb des Gipfels befindet sich eine 7 Meter tiefe Höhle, in der Elias übernachtet haben könnte (vgl. 1 Kg 19,8 f.).

Die Westseite des Bergs grenzt zwar an die trockene Wüste, die Ostseite dagegen an eine fruchtbare Hochebene von 40 Quadratkilometern. Dort gab es genug Gras für die Tiere und ebenfalls genug Wasser. Nach den Angaben der Bibel lagerten die Juden etwa ein Jahr beim Gottesberg und verfertigten hier das heilige Zelt, wofür die Voraussetzungen an diesem Ort da gewesen wären. Man findet sogar noch die Reste von zehn bronzezeitlichen Schmelzöfen für die Metallverarbeitung, obwohl auf den Bergen ringsum nie Erz abgebaut wurde. Aber das Buch Exodus berichtet von den zahlreichen Stangen und Geräten, die die Israeliten für das Zelt und den Kult aus Metall machen mussten.

Nordwestlich des Berges befindet sich noch ein etwa 20 Meter hoher gespaltener Felsen, von dem die Beduinen behaupteten, Moses habe ihn gespalten, als die Israeliten nach Wasser verlangten (vgl. Ex 17,1-6). Man sieht zu Füßen des Felsens tatsächlich noch Furchen, die das herausgesprudelte Wasser gegraben haben könnte.

Wo durchquerten die Israeliten das Meer?

Die Bibel beschreibt zwar in Ex 13,17-14,2 den Weg der Israeliten aus Ägypten, aber leider kann man die dort genannten Ortsnamen heute nicht mehr zuordnen. Man hat daher an ganz verschiedenen Stellen den Durchgang durchs Meer gesucht. In neuerer Zeit haben manche gemeint, im Golf von Akaba die Stelle des Durchzugs gefunden zu haben. Bei Nuweiba gibt es eine Stelle, die gut zu der Beschreibung passt, die Josephus Flavius gibt:

„So hielten sie (die Ägypter) dieselben (Hebräer) zwischen unzugänglichen Abhängen und dem Meer eingeschlossen. Denn an letzteres grenzt ein steiles und unwegsames Gebirge, das einen jeden Ausweg abschneidet. Zwischen diesem und dem Meer saßen also die Hebräer fest und den einzigen Ausweg in die Ebene hatten die Ägypter durch ein hier angelegtes Lager versperrt“ (Altertümer II,15,2).

Dort wurde auch eine Steinsäule gefunden, von der manche meinen, man habe sie zur Markierung der Stelle aufgestellt, an der Gott das Meer teilte. Das bedeutet aber bestenfalls, dass man im 1. Jh. n. Chr. dort den Übergang vermutete. Es gibt hier sogar eine unterseeische Landbrücke in dem ansonsten bis zu 850 Meter tiefen Meer, die die Juden benutzt haben könnten. Auch ganz im Süden des Golfs von Akaba bilden Korallenriffe eine solche Landbrücke in nur 16 Metern Tiefe, weshalb diese Stelle ebenfalls vorgeschlagen wurde.

Gegen den Golf von Akaba spricht aber, dass die Heilige Schrift nicht vom „Roten Meer“ redet, wie wir es gewohnt sind, sondern immer nur vom „Schilfmeer“. An beiden genannten Stellen ist aber sicher nie Schilf gewachsen, denn dieses wächst nur im Süß- oder Brackwasser.

An der nördlichen Spitze des Golfs von Akaba gab es allerdings eine Süßwasserlagune, bevor Eilat zum beliebtesten Badeort Israels ausgebaut wurde. Dort gab es wirklich viel Schilf, und dieser Ort wird in 1 Kg 9,28 tatsächlich „Schilfmeer“ genannt. Dieser Ort wäre also grundsätzlich möglich, jedoch hätten die Israeliten bis dahin bereits ca. 400 Kilometer zurückgelegt haben müssen. Sie wären schon fast am ersten Ziel ihrer Reise, dem Gottesberg, gewesen, während der Bericht der Bibel eher den Eindruck erweckt, als hätte die Durchquerung des Meers kurze Zeit nach dem Auszug aus Ägypten stattgefunden.

Viel spricht dafür, dass die Israeliten zwar zuerst in südwestliche Richtung wanderten, wie es gemäß der Lage des Gottesberges zu erwarten war, dann aber umdrehten, denn es heißt: „Der Herr gebot dem Mose: ‚Befiehl den Israeliten, umzukehren und sich vor Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer zu lagern. Gegenüber von Baal-Zefon sollt ihr am Meer das Lager beziehen‘“ (Ex 14,1 f.). Die Israeliten gingen also wieder nordwärts in Richtung des Mittelmeers. Dort gab es eine Brackwasserlagune, deren Rest der heutige Manzala-See ist, der früher Tanis-See genannt wurde. Dort gab es reichlich Schilf. Die Bibel beschreibt das Wunder nun auf folgende Weise:

„Moses streckte nun seine Hand über das Meer aus. Da ließ der Herr die ganze Nacht hindurch das Meer vor einem starken Ostwind zurückweichen und legte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Die Israeliten schritten trockenen Fußes mitten durch das Meer, während die Wasser wie eine Mauer zu ihrer Rechten und Linken dastanden“ (Ex 14,21 f.).

Wind kann Wasser aufwühlen und Sturmfluten verursachen. Er kann aber auch Wasser zurückdrängen. Das hat sich im Februar 1882 n. Chr. wirklich ereignet. Der britische Generalmajor Alexander Bruce Tulloch, der die Randgebiete des neu eröffneten Suez-Kanals inspizierte, berichtet, dass er aufgrund eines starken Ostwinds damals seine Arbeit unterbrechen musste:

„Als ich am nächsten Morgen zurückkehrte, stelle ich fest, dass der Manzala-See, der westlich vom Kanal liegt, gänzlich verschwunden war. Durch die Einwirkung des starken Windes auf das seichte Wasser war dieses bis zum Horizont fortgetrieben worden und die Einheimischen gingen durch Schlamm, wo am Tag zuvor noch ihre jetzt gestrandeten Fischerboote geschwommen hatten. Als ich so Zeuge der außergewöhnlich dynamischen Auswirkung des Windes auf seichtes Wasser wurde, kam es mir blitzartig in den Sinn, dass ich einen ähnlichen Vorgang beobachtete, wie er sich vor drei bis viertausend Jahren ereignet hat, als die Israeliten das sogenannte Rote Meer durchzogen.“[1]

In unseren Tagen hat der amerikanische Physiker Carl Drews versucht, diese Begebenheit mit Hilfe des Computers der Stanford Universität nachzurechnen. Ein Problem besteht allerdings darin, dass die Gegend sich dort seit der Antike sehr verändert hat, und zwar schon bevor der Suez-Kanal gebaut wurde. Aufgrund der Angaben von Herodot und modernen Rekonstruktionen des Küstenverlaufs zur Zeit der Pharaonen nimmt er an, dass sich im Manzala-See damals zwei Landzungen befanden und der Übergang von der Spitze der westlichen zur Spitze der östlichen Landzunge stattfand. Die Berechnungen zeigten jedenfalls, dass ein zwölfstündiger Ostwind der Windstärke 10 das Wasser dort tatsächlich zurückdrängen und eine etwa drei Kilometer lange und fünf Kilometer breite Landzunge freimachen konnte.[2] Als der Wind nachließ oder drehte, kam die Flut zurück und begrub die Ägypter in den Massen von Wasser, Sand und Schlamm. Der Manzala-See ist mit bis zu 9 Metern Tiefe sowohl tief genug, um den Durchmarsch einer Menschenmenge einerseits zu verhindern, als auch ein Heer unter seinen zurückströmenden Wassermassen zu begraben. Das Wunder hätte dann darin bestanden, dass der Wind gerade dann kam, als die Israeliten ihn brauchten. Durch diese weitere Katastrophe waren die Ägypter dann auch nicht mehr in der Lage, das Volk Israel weiter zu verfolgen.

Anmerkungen

[1] Zitiert nach: Michael Hesemann: Die Bibel hat recht. Archäologen auf den Spuren des Alten Testaments, München: Langen Müller 2022, S. 154.

[2] Diese Rekonstruktion kann in einem Video angeschaut werden. Drews‘ Schilderung findet sich etwa ab der 25. Minute: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/rotesmeer-106.html