54. Ist der Ökumenismus nicht eine Forderung der christlichen Liebe?

01 August, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Der Ökumenismus ist nicht eine Forderung der christlichen Nächstenliebe, sondern ein Verbrechen an ihr. Die wahre Liebe fordert nämlich, dem Nächsten Gutes zu wünschen und Gutes zu tun. In bezug auf die Religion bedeutet dies, daß man den Nächsten zur Wahrheit führen möchte und ihn nicht einem Irrtum überläßt, mit dem die Gefahr des Verlustes des ewigen Heils verbunden ist.

Es war daher ein Zeichen wahrer Liebe, wenn früher die Missionare Heimat und Freunde verließen, um in fremden Ländern unter oft unsagbaren Gefahren und Strapazen Christus zu predigen. Viele verloren dabei durch Krankheit oder Gewaltanwendung ihr Leben. Der Ökumenismus dagegen läßt die Menschen in ihren falschen Religionen, ja er bestärkt sie noch darin. Er überläßt sie darum dem Irrtum und den großen Gefahren für das ewige Heil. Dies ist freilich viel angenehmer als die Mission, aber eben kein Zeichen von Liebe, sondern eher von Trägheit, Gleichgültigkeit und Menschenfurcht. Die ökumenischen Theologen handeln wie Ärzte, die einen Schwerkranken in Illusionen wiegen, anstatt ihn über seinen gefahrvollen Zustand aufzuklären und ihn zu heilen.

Pius XI. führt in Mortalium animos das Zeugnis des hl. Apostels Johannes an, um das Argument der angeblichen Liebe zu entkräften: «Es hat zwar den Anschein, als ob die Panchristen, die sich um die Wiedervereinigung der Kirche bemühen, das erhabene Ziel verfolgten, die Liebe unter allen Christen zu verbreiten. Wie könnte aber die Liebe zu einer Schädigung des Glaubens führen? Wir wissen doch alle, daß selbst Johannes, der Apostel der Liebe, der in seinem Evangelium wohl die innersten Geheimnisse des heiligsten Herzens Jesu geoffenbart hat, und der den Seinen das neue Gebot Liebet einander immer wieder in Erinnerung brachte, streng jeden Verkehr mit denen verboten hat, die Christi Lehre nicht rein und unverfälscht bekennen: Kommt einer zu euch und bringt diese Lehre nicht mit, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und bietet ihm keinen Gruß. Weil also die Liebe nur auf der Grundlage eines reinen und unverfälschten Glaubens aufbauen kann, müssen die Jünger Christ durch die Einheit des Glaubens als dem vorzüglichsten Band miteinander verbunden werden.»[143]

Er widerlegt auch das Argument, daß immer wieder aus den Worten Christi «ut unum sint – auf daß sie eins seien» (Joh 17,21) und «Es wird ein Hirt und eine Herde sein» (Joh 10,16) gezogen wird. Zwar wünsche der Herr die Einheit derer, die seinen Namen bekennen, aber dieses Wort ist nicht so zu verstehen, als würde die Einheit der Kirche bisher noch fehlen. Die Ökumeniker tun nämlich so, als wäre die Kirche Christi selbst gespalten, da sie jede getrennte christliche Gemeinschaft als Kirche Christi anerkennen. Nach ihnen ist keine der christlichen Konfessionen allein die Kirche Christi, sondern nur alle zusammen. Solange sie also nicht in Glaube und Leitung geeint sind, sei die Einheit der Kirche nicht verwirklicht. Dies wäre erst bei dem allgemeinen Kirchenbund der Zukunft der Fall.

Dagegen ist nach katholischer Lehre die Einheit gerade ein Kennzeichen der wahren, d. h. der katholischen Kirche: Sie ist eins im Bekenntnis des Glaubens, der Sakramente und der Leitung. Die anderen christlichen Konfessionen sind von dieser Einheit abgefallen und gehören daher nicht zur Kirche Christi. Sie konnten darum die Einheit der Kirche auch nicht zerstören, sondern sind aus dieser herausgefallen.[144]

[143] HK 681.
[144] Vgl. HK 677.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage