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Vortrag von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre

am 27. Oktober 1985 in Ecône

Meine geliebten Mitbrüder!

Meine geliebten Freunde!

Kurz vor Eröffnung der Synode wurde ich gebeten, eine Stellungnahme zu der gegenwärtigen Situation in der Kirche abzugeben und die derzeitige Orientierung genauer zu beschreiben.

Manche Menschen sagen, daß ich mein Denken geändert habe und nicht mehr wie früher bin. Ich glaube nicht, daß ich meine Einstellung gegenüber den Vorkommnissen in der Kirche seit 1960 in irgendeiner Weise geändert habe. Als Mitglied der Zentralen Vorbereitenden Konzilskommission hatte ich während der Teilnahme an den Arbeiten Gelegenheit, Tendenzen bei einer bestimmt Anzahl von Kardinälen, Erzbischöfen und Generaloberen dieser Kommissionen zu bemerken. Seit diesem Zeitpunkt war ich vorsichtig.

Prior Pater Georg Pfluger hatte mich zu seiner Geburtstagsfeier nach Wien eingeladen. Nach einem kleinen Konzert mit Wiener Musik und der Vorführung eines Films über unsere verschiedenen Kapellen und Meßzentren in Österreich, erhielt ich die Gelegenheit, einige Worte an die Teilnehmer dieses angenehmen Beisammenseins zu richten.

Ich habe drei Weltkriege miterlebt. Den Krieg von 1914 bis 1918. Ich wurde nicht eingezogen. Dennoch erlebte ich diesen Krieg auf eine harte Weise. Nach dem Krieg erlebte ich den Zusammenbruch des katholischen Europas. Das Ergebnis dieses Krieges war die Vernichtung der katholischen Staaten vor allem in Mitteleuropa und die Zerschlagung Österreichs.

Der zweite Krieg von 1939 bis 1945 bestätigte den Weltkommunismus, der seit diesem Zeitpunkt überall öffentlich akzeptiert wurde. Alle Nationen der Welt erkannten die Tatsache an, daß der Kommunismus existiert. Die Welt wurde geteilt und dem Kommunismus zu einem großen Teil ausgeliefert. Dies stellte wiederum den Triumph des Antichristlichen dar. Es war der Sieg der Personen, die gegen die Kirche und gegen Unseren Herrn kämpften.

Der dritte Krieg begann 1962 und endete 1965. Dieser Krieg war der verhängnisvollste und schwerwiegendste Krieg. Er traf den Katholizismus wahrhaft in seinem Innersten und Tiefsten – in der Kirche selbst. Dabei ging es nicht mehr um die katholischen Staaten und um die Herrschaft einer atheistischen und sozialistischen Macht, die die Welt beherrscht. Bei diesem Krieg hat sich der liberale Virus im Inneren der Kirche eingenistet und zersetzt seither die Kirche von innen heraus. Der hl. Papst Pius X. hatte dies bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts in seiner ersten Enzyklika vorausgesehen. Heute sehen wir deutlich die Folgen.

Warum glaubte ich, gegen diese Invasion des Liberalismus im Inneren der katholischen Kirche kämpfen zu müssen? Auf dem Konzil war ich glücklicherweise nicht der einzige, der diese Einstellung vertrat. Immerhin bildeten zweihundertfünfzig Bischöfe die Vereinigung „Coetus internationalis Patrum“, zu deren Vorsitzenden ich gewählt wurde. Diese Bischöfe kämpften gegen die Invasion des von den Päpsten verurteilten Liberalismus und die Infiltration freimaurerischer Ideen in das Innere der Kirche. Diese Invasion fordert die Freiheit, die im weiteren Verlauf zu einem Absolutum wird, gesucht um ihrer selbst willen und durch nichts auf der Welt beschränkt. Das bedeutet den Ruin des Gesetzes Gottes und der Ordnung in der Gesellschaft, der Familie und in der Kirche. Ich empfehle zu diesem Thema das Buch von Pater Roussel über den liberalen Katholizismus. Es handelt sich bei dieser Leküre um eine leicht lesbare Synthese über den Liberalismus. Das Buch von Pater Roussel enthält außerdem eine umfangreiche Bibliographie aller antiliberalen Werke. Wenn Sie das eine oder andere der zitierten Bücher beschaffen können, zum Beispiel das Werk von de Lassus, dann greifen Sie zu. Der Liberalismus ist heute tatsächlich das große Übel, unter dem die Kirche leidet.

Wir haben gekämpft. Ich habe verschiedene Artikel gegen diese abscheulichen Irrlehren verfaßt, in denen ich dem Wunsch zum Kampf Gestalt gab. Diese Artikel sind bereits in den Jahren 1964, 1974 und 1983 entstanden. Zwar war dies nicht von vorneherein meine Absicht, mit der Zeit kam es allerdings dazu.

In meinem Buch „Ein Bischof spricht“ finden Sie ein Kapitel, das ich bereits 1964 verfaßt hatte. Ursprünglich wollte ich dieses Buch nicht herausgeben. Eine tapfere Römerin, die heute nicht mehr lebt, hatte mich dazu gedrängt, einige meiner Reden und Vorträge zu veröffentlichen, so daß ich schließlich einer Veröffentlichung dieses Buches zustimmte.

Das Kapitel, das ich bereits während dem Konzil verfaßt hatte, trägt die Überschrift „Müßten wir, um gute Katholiken zu bleiben, Protestanten werden?“ Dieser Text blieb auf dem Konzil nicht unbemerkt. Man fragte sich, ob wir nicht tatsächlich alle im Begriff waren, Protestanten zu werden, um wahre Katholiken zu sein. Ich verfaßte diesen Text im Oktober 1964, zu einem Zeitpunkt, als erst wenige Konzilsschemata approbiert waren. Aus Beweggründen, die außerhalb des Textes selbst lagen, wurde dieser nicht veröffentlicht. Wahrscheinlich ist dieser Notruf von 1964 heute aktueller denn je. Zumindest beweist dieser Text, daß man bereits damals die Folgen dieses neomodernistischen Geistes, der auf dem Konzil herrschte, voraussehen konnte. Heute stehen wir als niedergeschmetterte Zeugen für diese Folgen. Dieses Kapitel wurde 1970 in meinem Buch veröffentlicht. Wie erwähnt, hatte ich diesen Text bereits 1964 verfaßt.

Ein zweiter Text, der 1974 entstand, ist etwas bekannter. Es handelt sich dabei um eine Erklärung, die ich glaubte, aufgrund der beiden Visitatoren, die aus Rom gesandt wurden, abgeben zu müssen. Einer dieser beiden Visitatoren war ein Bischof. Im Laufe der Unterredungen mit den Seminaristen sagten die beiden Visitatoren unwahrscheinliche und unerhörte Worte. Für sie war die Frage des priesterlichen Zölibats bereits gelöst. Rom plante, den priesterlichen Zölibat unverzüglich abzuschaffen. Über die Auferstehung Unseres Herrn gebrauchten sie die Worte, man wäre sich nicht sicher, ob Unser Herr mit dem Leib auferstanden ist, oder auf eine andere Weise in dieser Art. Eine Möglichkeit würde zumindest bestehen. Ich konnte diese Form einer Visitation nicht ertragen. Die offiziell von Rom entsandten Visitatoren sollten feststellen, ob wir rechtgläubig sind, den wahren Glauben besitzen und die Wahrheit bekennen. Dagegen vertraten sie uns gegenüber öffentlich Irrlehren und zogen fundamentale Wahrheiten des Glaubens in Zweifel. Dieses modernistische und liberale Rom erkennen wir nicht an! Wir anerkennen das Rom aller Zeiten, das die Wahrheit lehrt und die magistra, die Lehrmeisterin, der Wahrheit ist! Das Rom der magistra der Irrlehren anerkennen wir nicht.

Nach dieser Visitation verfaßte ich eine energische Erklärung, die den Herren in Rom nicht gefallen hatte. Ein Grund dafür, warum man mir feindlich gesinnt ist. Man beschäftigte sich nicht mehr mit den Ergebnissen der Visitation. Meine Erklärung war für sie eine ausgezeichnete Gelegenheit, uns verurteilen zu können. In gewisser Hinsicht betraf dieser Text nicht das Seminar. Wenn man das Seminar hätte verurteilen wollen, wäre zuerst eine Untersuchung des Seminars und der Bruderschaft notwendig gewesen, um festzustellen, ob Dinge gelehrt werden, die gegen den Glauben gerichtet sind. Stattdessen wurde mein Protest gegen das Konzil als Vorwand verwendet.

„Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen – am Ewigen Rom, der Lehrmeisterin der Weisheit und der Wahrheit. Dagegen lehnen wir es ab und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenzen zu folgen, die eindeutig während dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den nachfolgenden Reformen zum Durchbruch kamen.“ Diese Worte der Wahrheit bestätigen wir noch heute.

Bei dem dritten Text von 1983 handelt es sich um den „Offenen Brief an den Papst“, den Bischof de Castro Mayer und ich gemeinsam verfaßt haben. Dieser Text bekräftigt die Worte meines ersten Schreibens. Wir wiesen die Irrtümer zurück, die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden sind. Außerdem haben wir die Irrtümer zurückgewiesen, die wiederum aus diesen Irrtümern hervorgingen. Beachten Sie bitte, daß ich nicht das gesamte Zweite Vatikanische Konzil zurückweise. Das habe ich nie gesagt. Trotzdem wird behauptet, daß ich das Konzil zurückweisen würde und gegen den Papst bin.

Wir sind nicht gegen den Papst. Wir treten für die Tradition ein. Gerade deshalb respektieren und anerkennen wir den Papst. Wenn der Papst jedoch liberal ist und die Irrtümer des Konzils begünstigt, dann können wir das nicht billigen. Auf diesem Weg können wir dem Papst nicht folgen. Man könnte es mit einem Familienvater vergleichen, der seine Kinder zum Stehlen anstiftet. Die Kinder müssen ihm in diesem Fall nicht folgen. Wenn nun von uns verlangt wird, unseren Glauben zu mindern, zu vergiften und zu verändern, dann werden wir dieser Anweisung nicht folgen.

Der wesentlichste und gefährlichste Punkt während des Konzils war die Religionsfreiheit. Dieser Punkt war von den Modernisten, wie zum Beispiel von Kardinal Bea und Kardinal Willebrands, gewollt. Das Sekretariat für die Einheit der Christen wurde erst kurz vor dem Konzil gegründet. Dadurch sollten die übrigen römischen Kongregationen gestört werden, die noch traditionell gesinnt waren. Außerdem wurde dieses Sekretariat gegründet, um den Text über die Religionsfreiheit auf einem einfacheren Weg zu genehmigen. Das war der entscheidende Punkt, den die Freimaurer, offiziell vertreten durch B’nai Brith in New York, verlangt hatten. Vergessen wir nicht, daß B’nai Brith den Kommunismus in Rußland eingeleitet hat. Lesen Sie die Bücher von Léon de Poncin. Er schreibt über die letzten Tage des kaiserlichen Rußland im Jahre 1917: „Durch B’nai Brith wurde die sowjetische Revolution finanziert sowie der Zar und alle Vertreter des orthodoxen christlichen Glaubens massakriert, um den vormals zwar christlichen, wenn auch schismatischen Staat aus Haß gegen das Christentum zu beseitigen.“ Das ist das Werk von B’nai Brith, einer jüdischen Freimaurersekte, die nur Juden vorbehalten ist. Léon de Poncin schreibt, daß diese Loge damals 120.000 Mitglieder zählte. Vor kurzem las ich in einer Veröffentlichung, daß die Mitgliederzahl inzwischen auf eine halbe Million Personen angewachsen ist. Diese Freimaurersekte findet man überall. Sie kommandieren auf der ganzen Welt. Diese Juden haben alle Banken in ihrer Hand und sind im Besitz aller bedeutenden Geschäfte der Welt, auch in der UdSSR und in Amerika. Sie verleihen Medaillen und Orden für die Religionsfreiheit. Präsident Alfonsin von Argentinien wurde vor einigen Monaten offiziell im Weißen Haus und von B’nai Brith in New York empfangen. Er wurde durch diese Freimaurer mit dem Orden für die Religionsfreiheit ausgezeichnet, da er ein Regime mit Kult- und Religionsfreiheit eingeführt hatte.

Kardinal Bea hat mit dieser Freimaurersekte offizielle Verbindungen aufgenommen. Das ist kein Geheimnis. In einer New Yorker Zeitung konnte man lesen, daß Kardinal Bea an verschiedenen Orten mit Vertretern von B’nai Brith zusammengetroffen ist.

Warum befürworten diese Freimaurer die Religionsfreiheit? Sie können die Behauptung der katholischen Kirche nicht ertragen, daß sie die einzige Wahrheit und die einzig wahre Religion ist. Diese Worte werden sie nie ertragen können.

Solange die katholische Kirche behauptete, daß sie die einzig wahre Religion ist und sich alle Menschen zur katholischen Religion bekehren müssen, um gerettet zu werden, herrschte Krieg auf Leben und Tod gegen die katholische Kirche. Seitdem die katholische Kirche die Religionsfreiheit anerkannt hat und dadurch alle Religionen ein Mittel zum Heil sind, gibt es keine Probleme mehr. Das hat das Sekretariat für die Einheit der Christen den Freimaurern versprochen. Die Freimaurer hatten dieses Spiel gewonnen. Auf dem Konzil wurde das Schema über die Religionsfreiheit fünfmal zurückgewiesen. Am Ende hatte dieses Schema trotzdem den Sieg davongetragen. Die zweihundertfünfzig Väter von „Cotus internationalis Patrum“ waren gegen die Annahme dieses Schemas. Der Papst war sehr ungehalten darüber. Daher ließ er diesem Text folgende Worte hinzufügen: „Dieser Text widerspricht nicht der katholischen Tradition. Man muß die Wahrheit in der katholischen Kirche suchen. Die Religionsfreiheit steht der traditionellen katholischen Lehre von der sittlichen Pflicht des Menschen und der Vereinigung hinsichtlich der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi nicht im Wege.“ Das war eine Scheinkonzession gegenüber der Wahrhaftigkeit der Kirche. Der Papst ließ diese beiden Sätze hinzufügen, obwohl diese im Widerspruch zu dem gesamten Text über die Religionsfreiheit stehen. Dadurch versuchte er, die Bischöfe zum Nachgeben zu zwingen, die sich diesem Dekret widersetzten. Eine gewisse Anzahl der Bischöfe, die zuerst gegen den Text über die Religionsfreiheit gestimmt hatten, ließen sich umstimmen. Sie waren der Meinung, daß dieses Dekret nun nichts mehr der Tradition gegensätzliches enthält. Sie stimmten für dieses Dekret. Ich wies diese Bischöfe darauf hin, daß man nicht für ein widersprüchliches Dekret stimmen kann. Sie vertrauten jedoch auf die Worte des Papstes. Wenn ich mich richtig erinnere, erhielt dieses Dekret nur noch siebzig oder achtzig Gegenstimmen. Die Zahl der Opponenten war beträchtlich gesunken.

Das schwere Unheil nahm seinen Lauf. Aus der Religionsfreiheit ist schließlich der Ökumenismus hervorgegangen, der das gesamte Leben der Kirche vergiftet. Es wurde der Entschluß gefaßt, alles im Licht des Ökumenismus zu ändern, vor allem die Liturgie und in gewisser Weise auch die Verfassung der Kirche mit den Bischofskonferenzen. Die Kirche wurde demokratisiert. Sogar der Status der Priester wurde geändert. Sie erhielten mehr Freiheit und sogar die Erlaubnis zu heiraten. Diese Änderungen wurden durchgeführt, um sich den Protestanten anzunähern und die Schwierigkeiten mit den Feinden der Kirche zu beseitigen. Wir können in diesem Punkt nicht nachgeben.

Warum sollen die Beziehungen zu Rom weiter aufrecht erhalten werden, wenn es keinen Weg der Verständigung mehr gibt? Trotzdem besteht die Hoffnung, Einfluß auf Rom auszuüben, um die Verantwortlichen zum gesunden Menschenverstand und zum Glaubenssinn zurückzuführen. Daher sagen wir zu ihnen: „Seit dem Konzil gehen Sie den falschen Weg! Kehren Sie zur Tradition zurück. Sie werden erkennen, daß dann die Kirche wieder aufblühen wird. Berufungen werden geweckt, die Seminare werden wieder aufleben und die Ordenskongregationen werden sich entfalten. Dieses Vorhaben gelingt jedoch nicht mit den Reformen, die innerhalb der Ordenskongregationen und aller Konstitutionen im liberalen Sinn einer Verminderung der Autorität, Abschwächung des Ordenslebens und mehr Freiheit durchgeführt wurden. Diese Reformen hatten einen verheerenden Einfluß. Das Ergebnis waren das Ausbleiben der Berufungen und der beträchtliche Rückgang der kontemplativen Orden.“

Die Änderung der Konstitutionen unserer Kongregation der Väter vom Heiligen Geist war der Anlaß für meinen Rücktritt als Generaloberer. Eigentlich hätte ich zwölf Jahre lang Generaloberer bleiben sollen. Die Leitung hätte ich erst im Jahre 1974 abgeben müssen, falls man mich nicht wiedergewählt hätte. Auf Anweisung der römischen Behörden und der Kongregation für die Orden fand ein vollkommener Umsturz unserer Konstitutionen statt. Von dem Geist unserer Konstitutionen blieb sozusagen nichts mehr übrig. Als ich erkannte, auf welche Weise unsere Konstitutionen geändert werden sollten, weigerte ich mich, diese Änderungen zu unterschreiben.

In Rom suchte ich die Kongregation für die Orden auf und fragte um Rat. Ich erhielt die Antwort: „Reisen Sie nach Amerika. Gehen Sie dort spazieren und lassen Sie Ihre Patres in der Zwischenzeit in Ruhe ihre Änderungen der Konstitutionen machen.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich noch Generaloberer. Als ich ins Mutterhaus zurückgekehrte, nahm ich meine Feder und schrieb dem Papst einen langen Brief mit der Erklärung: „Ich reiche meine Demission ein. In der Geschichte der Kongregation der Väter vom Heiligen Geist will ich nicht als Zerstörer dieser Kongregation aufgeführt werden. Meine Unterschrift werde ich nicht unter eine radikale Änderung meiner Gesellschaft setzen.“ Die Demission wurde sofort angenommen. Unsere Kongregation ist heute eigentlich verschwunden. Es gibt keine Berufungen mehr.

Der Einfluß der Religionsfreiheit und des Ökumenismus dauert in allen Bereichen der Kirche an. Der Papst fährt damit fort, seinen Ökumenismus auf unwahrscheinliche Weise zu betreiben. Er spricht sich auch weiterhin für die Religionsfreiheit aus, die in den Menschenrechten festgeschrieben ist. Daher befürwortet der Papst ebenfalls die Menschenrechte. In Bern hielt er vor der Bundesregierung eine Rede über die Erklärung der Menschenrechte und die Notwendigkeit, die Menschenrechte zu verteidigen. Was auf dem Konzil begonnen wurde, wird weitergeführt. Eine Wiederherstellung oder Rückkehr zum Früheren wird nicht ins Auge gefaßt. Es findet tatsächlich eine antikatholische und antichristliche Revolution im Inneren der Kirche statt. Die Verfechter des Liberalismus bestätigen dies. Nach dem Konzil wurde das Buch „Libéralisme catholique“ von Marcel Traineau veröffentlicht. Der Verfasser spricht ausdrücklich von der Ideenströmung durch den Liberalismus.

„Nun finden sich alle Züge des nichtkatholischen Liberalismus im katholischen Liberalismus, der ein vorzügliches Beispiel dafür darstellt. Man entdeckt eine Geistesbewegung im gesamten Laufe ihrer Entwicklung. Im Rundschreiben von 1814 ist er bereits zu finden. Im Aufschwung des „Avenir“ im September 1830 strahlt er bereits auf. Abwechselnd erlebt er Siege und Krisen, bis das Zweite Vatikanische Konzil seine Botschaft ausdrücklich an die Regierungen ausspricht. Sein Ziel, die fundamentalen Forderungen in geprüfter und gereinigter Form anzunehmen, wurden vom Konzil bestätigt. Heute ist es möglich, den katholischen Liberalismus zu betrachten, so wie er sich selbst versteht und ihn erst die Ewigkeit ändern wird.“

Das gesamte Buch zeigt den Triumph des Liberalismus auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Ohne Zweifel kann eine Triumphhymne gesungen werden. Sie haben gewonnen.

Während der Synode haben wir ohne Unterlaß gegen alle liberalen Tendenzen gekämpft, die sich im Inneren der Kirche zeigten. Der Liberalismus ist in die Kirche eingedrungen. Liberale Kirchenmänner sind in den Vatikan eingefallen. Die Konservativen wurden verdrängt, wie Kardinal Ottaviani und alle von Grund auf katholischen Kardinäle. Alle traditionalistischen Bischöfe und Kardinäle wurden gebeten, ihre Demission einzureichen. Auf der ganzen Welt wurden sie auf eine schändliche Weise ausgeschaltet. Ich werde Ihnen ein Beispiel erzählen.

Erzbischof Mac Huet von Dublin war ein guter Freund. Er war Spiritaner, Mitglied der Kongregation der Väter vom Heiligen Geist und ein Mann, der mit der Tradition verbunden war. In Rom wurde er mit einer unglaublichen Verachtung empfangen. Aus Kummer über die Behandlung ist er gestorben. Er hegte eine außerordentliche Verehrung für Rom und für alle Päpste, besonders für Papst Pius XII. Dem Papst, der Kirche und Unserem Herrn in der Kirche zu dienen war sein Leben. Als er nach Rom kam, wurde er wie ein Übeltäter zurückgestoßen, weil er traditionalistisch war und sich nicht mit den neuen Ideen einverstanden erklären konnte. Sehr viele Bischöfe haben ihre Demission eingereicht. Sie konnten mit diesem Klima nicht leben. Dagegen hätten sie Widerstand leisten und das Übel vermindern müssen!

Was wird diese Synode bringen? Wir werden keinen Kampf zwischen den Konservativen und den Liberalen erleben, sondern einen Kampf zwischen den Liberalen. Heute gibt es zwei Lager. Die etwas gemäßigten Liberalen und die absoluten Liberalen, die immer rücksichtsloser vorwärtsschreiten wollen. Vielleicht können wir ihren gegenseitigen Kampf verfolgen. Die Personen, die den Liberalismus in der Kirche eingeführt haben, halten gegenwärtig auch die Macht in Rom in ihren Händen – der Papst, Kardinal Ratzinger und alle Kardinäle, die die gleichen liberalen Gedanken vertreten. Sie sind alle vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils beseelt. Durch sie wurden die Traditionstreuen verbannt und zu ihren Todfeinden erklärt. Diese Personen versteckten unsere Unterschriften gegen den Kommunismus. Sie handelten auf schändliche Art und verwarfen alle Schemata, die vor dem Konzil vorbereitet wurden. Auf skandalöse Art sind sie gegen die Traditionstreuen vorgegangen und haben sie wirklich wie Parias behandelt. Auf diese Weise rissen sie die Macht an sich. Alle wurden verjagt, die für die Tradition der Kirche eingetreten sind. In den Schlüsselpositionen sitzen nun Liberale, die über die Autorität verfügen. Sie versuchen, die verbliebene Autorität zu verteidigen. Der Papst nahm seine Tiara ab und hat beschlossen, daß die Autorität zum dienen da ist. Die Kardinäle sind nun der Meinung, wenn die Autorität zum dienen da ist, dann soll uns der Papst dienen. Diese Meinung vertritt im Moment Kardinal Hume.

Kardinal Hume war der Präsident und Organisator der vor kurzem stattgefundenen europäischen Bischofskonferenz. Er wandte sich mit folgenden Worten an den Papst: „Heiliger Vater! Wir haben diesen Krieg gegen die Vergangenheit der Kirche geführt, um frei zu sein. Dadurch sollen die Bischöfe und die Bischofskonferenzen in ihrem Sektor freier handeln können. Nun stören Sie uns, machen uns Vorhaltungen und beschränken unsere Macht. Das wollen wir nicht mehr.“

Welche Schritte werden der Papst und Kardinal Ratzinger dagegen unternehmen können? Eine Verteidigung wird nicht möglich sein.

Dagegen können wir uns als konservative Traditionalisten, mit der Tradition und der Wahrheit der Kirche an unserer Seite, gegen den Liberalismus verteidigen. Für uns besteht die Möglichkeit, alle Argumente zu benützen, die die Päpste gegen den Liberalismus verwendet haben. Die Kirche hat sich gegen den Liberalismus verteidigt und ihn verurteilt. Die Liberalen können den Liberalismus nicht verurteilen. Die Liberalen der Gegenseite schleudern ihnen ihre eigenen Grundsätze ins Gesicht. Sie wollen an der Autorität teilhaben, da diese nun vermindert werden soll. Auf diese Weise möchte Kardinal Hume in England die Weihe verheirateter Personen zu Priestern erlauben. Der Papst ist dagegen. Kardinal Hume insistiert mit den Argumenten, daß der Papst ihm wenigstens eine Vollmacht für England geben soll. So ist es jetzt auch gekommen. In Deutschland finden wir die gleiche Situation mit den Mischehen und in der Schweiz mit der Zerstörung der Ehe.

Im Laufe der Synode wird es Konflikte geben. Dabei wird es sich um keinen Kampf handeln, der zur Tradition zurückführt. Kardinal Ratzinger drückt dies in seinem Buch eindeutig aus: „Das Konzil ist die Kirche von heute. Die Zeit der Vergangenheit ist abgelaufen. Es kommt nicht in Frage, zu den früheren Traditionen zurückzukehren.“ Kardinal Ratzinger gilt als Traditionalist. Trotzdem erschrecken manche über seine Kritiken. Dabei müßten sie allerdings bedenken, daß er genauso liberal ist, wie sie. Sie brauchen sich also keine Sorgen machen. Kardinal Ratzinger hält die Macht in Rom in seinen Händen. Er ist daher verpflichtet, immer irgendetwas in Rom zu verteidigen. Trotz allem kann er nicht immer den Wünschen der Bischöfe zustimmen. Offensichtlich gibt es dadurch Oppositionen und Schwierigkeiten.

Die Lage ist äußerst ernst. Wir haben nun beschlossen, unsere Opposition öffentlich zu vertreten. Dadurch können wir zwar nicht sehr viel erreichen, dennoch besteht die Möglichkeit, unsere Meinung gegen diese Beschlüsse zu äußern, die eventuell gefaßt werden. Bei diesen Beschlüssen wird es sich um die Fortsetzung des Konzils, der Religionsfreiheit und des Ökumenismus sowie um die Aufrechterhaltung aller Reformen handeln. Außerdem werden vielleicht noch weitere Reformen folgen, die den Vatikanstaat betreffen könnten. Wenn die Protestanten beim Papst mit ihren Argumenten Erfolg haben, könnte es sein, daß der Vatikanstaat bald kein politischer Staat mehr ist. Die Protestanten fordern vom Papst: „Solange Sie kein politisches Staatsoberhaupt sind, können sie auch nicht das Staatsoberhaupt aller Religionen sein. Sie können erst als Oberhaupt aller Religionen anerkannt werden, wenn der Vatikanstaat nur noch einen religiösen Charakter hat.“ Auch die Freimaurer vertreten diesen Standpunkt. Dadurch wollen sie die politische Macht des Vatikans vollständig vernichten. Ihnen sind die Nuntien in den verschiedenen Ländern und deren Botschafter in Rom ein Dorn im Auge. Es war die Rede davon, daß der Papst den Vatikanstaat in irgendetwas umwandeln wollte. Die Zeitungen haben in der letzten Zeit darüber berichtet. Diesen Änderungen werden wir uns widersetzen. Eine öffentliche Neubekräftigung der Irrtümer des Konzils muß katastrophale Folgen haben.

Seit zwanzig Jahren fördert man diese Irrtümer, die zu Häresien führen. Wenn sie auch keine formellen Häresien darstellen, so begünstigen sie doch eindeutig die Häresie. Eine solche Ausrichtung können wir nicht zulassen. Gegenüber der Kirche werden wir uns bald in einer noch verhängnisvolleren Lage wiederfinden. Nach meiner Überzeugung sind wir daher verpflichtet, uns von diesen Personen zu trennen. Uns ergeht es dabei wie den Katholiken, als England die anglikanische Religion annahm. Eines Tages waren diese Katholiken gezwungen, einen Schlußstrich ziehen. Die englischen Katholiken wurden fast alle zu Anglikanern. Zu einem bestimmten Zeitpunkt mußten die wenigen übriggebliebenen Katholiken erkennen, daß diese Personen nicht mehr katholisch sind. Werden wir uns ebenfalls bald in einer solchen Situation befinden? Personen, die zum Beispiel Erklärungen über die Mischehen veröffentlichen, wie die Deutschen, sind nicht mehr katholisch. Ein Katholik kann nicht in der Lage sein, eine Erklärung zu unterschreiben, die besagt, daß der Glaube ebenso protestantisch wie katholisch sein kann und die Kinder ebenso auf diese Weise erzogen werden können. Im alten Kirchenrecht stellte dies eine Exkommunikation dar. Der Glaube ist das kostbarste Gut, ein göttliches Gesetz. Niemand kann erlauben, den katholischen Glauben zu wechseln. Er ist göttlichen, nicht kirchlichen Rechts. Weder der Papst, noch irgendein Bischof können eine derartige Änderung bestimmen. Jeder protestantische Teil mußte sich daher früher verpflichten, alle Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. Heute erlauben die deutschen Bischöfe, von der einen zur anderen Religion überzugehen.

Rom hatte diese Erklärung über die Juden veröffentlicht. Man muß sich fragen, ob man diesen Text richtig gelesen hat. „Genauso wie die gegenwärtigen Juden den Messias erwarten, erwarten auch wir den Messias!“ Eine unwahrscheinliche Aussage.

Durch den Liberalismus wurde die feststehende Wahrheit im Inneren der Kirche verdrängt. Dogmen und Definitionen wurden entfernt. Man will die Wahrheit nicht mehr definieren. Es ist daher geradezu unmöglich, mit diesen Menschen zu diskutieren. Sie argumentieren mit der Idee der lebendigen Wahrheit, die sich immer weiter entwickelt. Auf dieser Grundlage beruhen auch die Worte von Kardinal Ratzinger, wenn er sagt, daß das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche von heute ist. Eigentlich kann der Geist dieses Konzils nicht mehr die Kirche von heute sein, da das Zweite Vatikanische Konzil bereits der Vergangenheit angehört. Für diese Personen handelt es sich jedoch um eine fortwährende Entwicklung. Ich versuchte, ihn mit der Frage nach der Vereinbarkeit der Religionsfreiheit mit der Enzyklika „Quanta cura“ in die Enge zu treiben. Kardinal Ratzinger antwortete daraufhin: „Monseigneur, die Zeit der Enzyklika Quanta cura ist abgelaufen.“ Wahrscheinlich wird man auch bald nicht mehr in der Zeit seiner Aussagen leben. Diese Absurditäten machen jede Diskussion nutzlos.

Vor meiner Abreise nach Amerika werde ich mich in Rom aufhalten. Ich werde mich darauf beschränken, alle „dubia“ vorzulegen, die wir bezüglich der Religionsfreiheit verfaßt haben. Die Glaubenskongregation wird eine Weile damit beschäftigt sein. Ich bin mir nicht sicher, ob wir eine Antwort erhalten werden. Sollten wir doch eine Antwort erhalten, werden es zweifellos nur vage, nichtssagende und zweideutige Worte sein.

Während meiner Predigt in Genf hatte ich es bereits deutlich ausgedrückt. Wir sind dazu verpflichtet, uns gegen alles abzusichern, was außerhalb der Bruderschaft und den Personen liegt, die mit uns arbeiten und mit uns den gleichen Glauben verteidigen. Natürlich gibt es nicht nur die Bruderschaft. Zum Glück leisten viele Ordensfrauen und Priester Widerstand. Wir werden umso mehr dazu verpflichtet sein, uns von den abseitsstehenden Personen zu trennen und den Gläubigen nach dem alten Kirchenrecht das zu geben, was sie von uns erwarten. Sie können alle Sakramente in unseren Pfarren empfangen, auch das Sakrament der Ehe. Für die Verlobten, die sich katholisch verheiraten wollen, gibt es einen eigenen Canon außerhalb der kanonischen Formen. Schließlich haben die Verlobten das Recht, sich katholisch zu verheiraten. Die modernen Trauungen sind protestantisiert und enthalten nicht mehr den katholischen Geist. Von den jungen Verlobten kann man nicht verlangen, daß sie in modernistische und progressistische Pfarren gehen müssen. Ich bin daher der Meinung, daß wir zukünftig auch Trauungen in unseren Prioraten abhalten sollten. Alle Sakramente sollen zukünftig in den Bruderschaftsprioraten gespendet werden.

Ich werde oft gefragt, ob ich einen Bischof weihen werde. Ich weiß keine Antwort darauf. Mir ist bekannt, daß ich alt bin. Ich folge der Vorsehung und werde ihr nicht vorgreifen. Der liebe Gott wird uns noch deutlichere Zeichen über unsere Pflicht geben, die wir zu erfüllen haben. Wenn der liebe Gott es will, werde ich einen Bischof weihen. Eine Bischofsweihe werde ich allerdings nur dann vornehmen, wenn der liebe Gott eindeutige Zeichen seines Willens sendet. Ich werde nicht mehr tun, als der liebe Gott will. Was in der Zukunft geschehen wird, weiß ich nicht. Ich bin kein Prophet. Warten wir darauf, bis der liebe Gott durch Ereignisse zu uns spricht, die uns zeigen, wie wir handeln sollen. Verlangen Sie nicht von mir, daß ich Ereignisse voraussehen kann, die in ein oder zwei Monaten geschehen werden. Darüber weiß ich nicht mehr, als jeder andere. Wenn solche Ereignisse eintreten, wird es sich um deutliche Hinweise handeln. Dann werden wir das ausführen, was der liebe Gott von uns verlangt.