Predigt von P. Andreas Steiner anläßlich der Beerdigung seiner Mutter

29 Januar, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

Predigt von Pater Andreas Steiner anläßlich der Beerdigung seiner Mutter in der Pfarrkirche St. Laurentius in Piesendorf am 11. Jänner 2018.

Liebe Trauergemeinde,

es ist für einen Priester der schmerzlichste Augenblick seines Lebens, wenn er die eigene Mutter zu Grabe trägt. Es gibt auch nur einen einzigen Grund, warum ich überhaupt heute hier vor Ihnen stehe. Weil ich mit Sicherheit weiß: Die Mutter hätte es so gewollt. Sie hätte gewollt, dass ihr Priestersohn die letzten Worte spricht.

Aber was für Worte soll man sagen, wenn die Mutter stirbt?

Am ergreifendsten war das, was mich unsere jüngste Nichte gefragt hat, das kleinste Enkerl, die Emma.

"Wo ist denn die Oma?“

„Sie ist im Himmel, Emma. Beim lieben Gott“

„So wia die Nala“ – „Ja, so wia die Nala“, habe ich gesagt. – Die Nala ist die verunglückte kleine Katze von der Emma.

„Und wann kommt sie wieder zurück, vom Himmel?“

„Sie kommt nimmer mehr zurück“

Und weil Kinder immer auf alles eine Antwort haben wollen, hat Emma weiter gefragt:

„Warum?“

„Weil es im Himmel so wunderschön ist, Emma. Dort ist es viel tausendmal schöner als die schönsten Almwiesen und die Sunnseiten und die Berggipfel!“

Schön ist der Himmel, schöner als die irdische Heimat.

Unsere Mutter ist 73 Jahre durch diese irdische Heimat gepilgert. Am Herz-Jesu-Freitag in der Weihnachtszeit hat sie der Heiland im Krankenhaus der Barmherzigen Vinzentinerinnen von Schwarzach heimgeholt, nach zweimonatiger, schwerer Krankheit.

Geboren wurde sie am 25. März 1944 als das älteste Mädchen beim Soderbauern in Walchen. Mit ihr aufgewachsen sind Elfriede, Elisabeth und Franz.

Nach der Schulausbildung hat sie an verschiedenen Orten gearbeitet, beim Elektro Aberger in Zell am See, bei der Pension Dutzler und auch im alten Tauernhaus der Familie Bernsteiner in Ferleiten. Das Geld, das sie verdiente, hat sie alles heimgetragen zu ihrer Mutter, jeden Groschen. Mit dem Rad ist sie von Walchen nach Ferleiten gefahren.

Damals war in Piesendorf vieles anders: Messen waren auf Latein am Laurentius-Hochaltar, so wie heute ihre Sterbemesse; und die Ordensschwestern haben die herrlichen Flügelhauben getragen: die Vinzentinerinnen von Piesendorf.

Eine von diesen Schwestern hat unsere Mutter am meisten geprägt, Schwester Seraphin. Eigentlich hatte unsere Mutter schon den Entschluss gefasst, Vinzentinerin zu werden, aber es kam alles anders:

Am 25. März 1965, an ihrem eigenen Geburtstag, ist ihre geliebte Muttter gestorben.

Damit waren die Weichen ihres Lebens gestellt, sie wurde zur Mutter für ihren Bruder Franz, der erst acht Jahre alt war.

1967 heiratet sie Walter Steiner, den Kleinstallenbauer, und widmet fortan ihre ganze Kraft und Energie ihren sechs Kindern, der Familie und der Hoamat.

Hier kommen wir zur ersten Eigenschaft unserer geliebten Muata: Ein eiserner Wille, eine unglaubliche Schaffenskraft: Sie war a fleißige Bäuerin.

Hausbau, Stallbau, vierzig Jahre lang Vermieten für Gäste in der Pension Steiner. Dass sie beliebt war beweist, dass heute Trauergäste da sind aus Holland, aus Bayern, aus der Schweiz.

Dazu der Bauernhof, am Ende hat sie nur noch zwoa Kia besessen, aber ihre Liebe zur Hoamat war unverrückbar, sie hat ihren kleinen Bauernhof mit fester Entschlossenheit weitergeführt, natürlich mit Hilfe ihrer beiden Töchter.

Als die Kinder groß waren, ging ihre Fürsorge unverändert weiter. Sie hat jedem einzelnen zur Gründung einer Existenz geholfen, ja sie hat die Familien ihrer Töchter versorgt, als wäre es ihre eigene Familie.

Und als ob die Familie, der Bauernhof und das Vermieten nicht genug wären, hat sie noch viele Jahre lang Nachtdienst im Altersheim Piesendorf versehen.

Ihr eiserner Wille hat sich aber auch noch in anderen Bereiche gezeigt: Was ihr am meisten am Herzen lag, war der Kampf für das von der Gesellschaft Verstoßene, Verachtete, für die ungerecht Behandelten. So hat sie in den 80er Jahren den Steinbruch verhindert und den Fraustoan auf der Schattseite bewahrt, sie hat sich identifiziert mit den Opfern der Gletscherbahnkatastrophe, von je her hat sie sich mit Vehemenz für den Umweltschutz eingesetzt, zuletzt gegen die Liftanalage auf den Sonnberg. Man mag zu diesen Projekten eine andere Einstellung haben, aber man muss doch respektieren, mit welchem Mut und welcher Entschlossenheit sie gekämpft hat. Sie war eine herausragende Frau.

Damit kommen wir zur zweiten, wichtigen Eigenschaft unserer Mutter: Ihr katholischer Glaube. Vielleicht haben gerade ihr Mut und ihre Zivilcourage ihr die Kraft gegeben für die große Entscheidung ihres Lebens: Die Herz-Jesu-Kapelle zu bauen. Seit über dreißig Jahren wird in der kleinen Kapelle am Ortsende von Walchen die überlieferte, lateinisch-katholische Messe zelebriert. Deswegen haben wir sie auch in ihrer lieben Kapelle aufgebahrt, und sie heute mit der Kutsche von dort abgeholt.

Dafür hat sie aber auch vieles einstecken müssen. Viele haben sich gefragt: „Mariel, warum tuast da denn des an?“ Von vielen wurde sie nur belächelt oder als bigot bezeichnet. Man muss es doch so machen, wie alle anderen, hieß es oft. Man muss doch mit der Zeit gehen, mit dem modernen deutschen Gottesdienst. Warum Latein, warum am Hochaltar, warum dieses „katholisch so wie es früher war“?

Im Namen unserer Mutter möchte ich heute, ihnen liebe Trauergemeinde von Piesendorf, diese Frage beantworten. Im Namen meiner Mutter, damit Sie nachher sagen können: Jetzt verstehe ich doch auch ein bisschen, was das Anliegen der Soder Maria war.

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, sie steht im heutigen Evangelium: Martha. Eine echte, fleißige Hausfrau, sie hat gekocht und gebacken und den Aposteln die braunsten Kuchen zugeschoben. Ein besseres Beispiel für unserer Mutter hätte uns das Evangelium nicht schenken können. Aber es kommt noch etwas ganz Entscheidendes hinzu.

Martha, die einfache, brave Hausfrau, steht in ein einer Linie mit Petrus, dem ersten Papst und mit Nathanael, dem Schriftgelehrten und mit dem Soldaten Longinus: Sie alle haben etwas gemeinsam. Sie bekennen in einem einzigen Satz das Wesen und Geheimnis Jesu Christi: „Du bist Jesus, der Sohn Gottes.“

Die Hohepriester, Leviten, Schriftgelehrten, Ratsmitglieder haben eben nicht geglaubt. Ja, noch mehr, sie haben Jesus dafür ans Kreuz geschlagen. „Wenn Du der Sohn Gottes bist, dann steig herab vom Kreuz“, spotteten noch die Pharisäer. Martha, die einfache Hausfrau bekennt: „Du bist Christus, der Sohn Gottes!“

Was für ein Parallele! Auch heute gibt es nicht wenige katholische Gelehrte und Professoren, welche anfangen, die Lehren der Kirche zu bezweifeln. Dass Jesus von der Jungfrau geboren wurde, wird heute unter den Gelehrten allenfalls belächelt. 2016 schreibt eine Professorin für praktische Theologie an der Uni Wien im Pfarrblatt des Stephansdomes: „Weder im Alten noch im Neuen Testament ist davon die Rede, dass Gott Mensch geworden ist.“ „Die Menschwerdung ist eine Häresie.“

In dieser Zeit, da manch kluger und gelehrter Theologe an den Hochschulen sagt: Das sind doch alles Märchen, stellt sich eine einfache Bauersfrau auf die Seite der heiligen Martha und sagt: „Herr ich glaube. Du bist Jesus, der Sohn Gottes.“

Aber da werden viele Anwesende einwenden: Aber das glaubt man heute doch auch noch.

Stimmt: Man glaubt es. Aber niemand denkt diesen einfachen Satz von Martha zu Ende, erfasst die ganze Tragweite und Bedeutung.

Das ist das Anliegen der Herz-Jesu-Kapelle und unserer Mutter: dass der katholische Glaube zu Ende gedacht wird, dass er ganz und vollständig verkündet wird. Ohne etwas auszulassen oder weg zu kürzen.

Ich möchte ihnen das an zwei Punkten zeigen.

Sehen Sie, die moderne Verkündigung des Evangeliums spricht oft, sehr oft von Jesus, unserem Bruder. Jesu Botschaft wird beinahe vollständig reduziert auf die Mitmenschlichkeit. Auf das Miteinander. Auf das Zusammenleben. Auf die Gemeinschaft. Auf das für einander da sein. Jesus unser Bruder hilft uns, brüderlich zu sein.

Das ist an sich ja richtig. Jesus selber sagt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“

Aber es fehlt etwas. Man muss die ganze Botschaft Jesu verkünden.

Man muss die Frage stellen, die Jesus an Martha stellt: „Und was ist mit dem Glauben?“ Da lautet die landauf, landab verbreitete Überzeugung aller und jedes einzelnen: Der Glaube ist doch egal, der ist Privatsache, das soll jeder für sich selbst entscheiden. Hauptsache man ist ein guter Mensch.

Und jetzt sage ich im Sinne der Verstorbenen, die oft belächelt wurde wegen ihrer Kapelle und wegen ihrer Liebe zur Tradition der katholischen Kirche: Der Glaube ist eben nicht egal! Es gilt das Bekenntnis der Martha: „Du bist Jesus Christus, der Sohn Gottes.“

Und jetzt denken wir diesen Satz von Martha einmal zu Ende: Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, dann gibt es eben doch eine wahre Religion. Dann hat nämlich derjenige die Wahrheit, der an den Sohn Gottes glaubt. Dann sind die anderen Weltanschauungen von Menschenhand gebildet und nur eine einzige stammt vom Sohn Gottes. Erst dann versteht man die Worte des Heilandes: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich“ (Joh 14,7)

Der zweite Punkt ist die Messe, die sie heute in der überlieferten Form erleben:

Auch hier wird leider oftmals nur ein Teil der Wahrheit verkündet: Man spricht gern von der Mahlfeier, vom Symbol der Tischgemeinschaft und des Miteinanders.

Wir müssen auch hier das Bekenntnis der Martha zu Ende denken: Wenn Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, dann kommt ein Wort ins Spiel, das heute vollständig in Vergessenheit geraten ist: Die Anbetung.

Jeden Tag ist unsere Mutter in die Kapelle und hat dort gebetet, unseren Herrn verehrt im Tabernakel. Und als sie schon die schweren Rückenschmerzen hatte, sagte sie noch zu unserer Schwester: „Heidi, is des woi nit schlimm, wonn i heit neama aufikimm a die Kapelln za da Ånbetung?“

Nur so können Sie, liebe Trauergemeinde, den lateinischen Ritus verstehen, wenn sie die Anbetung Gottes begreifen. „Zum Altare Gottes will ich treten!“ Der Priester tritt an den Altar, nicht weil er den Menschen den Rücken zuwenden will. Sondern weil er das Allerheiligste betritt, um Gott das vollkommenste Opfer darzubringen, den Leib und das Blut Jesu Christi.

Das Volk blickt mit ihm empor und es geht um viel mehr als nur um Gemeinschaft und Miteinander, denn wo immer ein geweihter Priester der römisch-katholischen Kirche das hochheilige Messopfer darbringt, ist Golgotha, das ist das Kreuzesopfer des Gottessohnes zur Erlösung der Welt, und wir, liebe Trauergemeinde, stehen mit der Gottesmutter unter dem Kreuz und opfern mit ihr die höchste Opfergabe.

All das steckt in diesem einen Satz der Hausfrau Martha: „Ja, Herr ich glaube. Du bist Christus, der Sohn Gottes.“

Und jetzt verstehen Sie, warum unsere Mutter die Herz-Jesu-Kapelle gebaut hat, warum ihr das Gerede gleichgültig war und warum sie dreißig Jahr lang die Priester beherbergt hat und für sie gesorgt und sie aufgenommen hat. Am schönsten hat das unser jetziger Seelsorger formuliert, Pater Joseph Stannus aus Kanada: „She was like a mother for us. We were like her sons“ – „Sie war wie eine Mutter für uns. Wir waren wie ihre Söhne.“

Ich möchte zum Abschluss kommen, zum letzten Gedanken.

Ich möchte ihnen allen danken, dass sie heute gekommen sind: Allen Verwandten, den Priestern und Brüdern aus dem Distrikt, vom Priesterseminar, den Gläubigen der Priesterbruderschaft, allen Bekannten aus dem Dorf und von weit her! Vergelt’s Gott für ihr Kommen und ihr Gebet.

Sie alle haben unsere Mutter gekannt und geliebt. Danke auch dem Generalvikar, dass wir heute hier in der Pfarrkirche das überlieferte Requiem feiern dürfen. Danke auch dem Herrn Diakon, Wolfgang Bartl, auch wenn das, was er vor der Zeremonie verlesen hat, leider falsch war. Meine Mutter war nie Mitglied der Priesterbruderschaft. Schön wäre es! Der Priesterbruderschaft gehören nur Priester, Brüder und Ordensschwestern an. Sie hat aber bei der Bruderschaft die Sakramente der katholischen Kirche im überlieferten Ritus empfangen. Sie war eine einfache Gläubige, aber das ist ja auch in gewisser Weise ein Ehrentitel.

Sicher hat unsere Mutter auch ihre Fehler und Schwächen gehabt hat, und ihre Kanten und Ecken. Wer wüsste das besser, als diejenigen, die mit ihr zusammen waren.

Aber ich weiß hundertprozentig sicher, dass der liebe Gott ihr gnädig und barmherzig sein wird. Nicht nur, weil sie einen Priestersohn hat und sie bestens vorbereitet mit den Sterbesakramenten, der heiligen Beichte, der heiligen Wegzehrung, der letzten Ölung, den Weg vor das persönliche Gericht gegangen ist.

Unsere Mame ist gestorben am Herz-Jesu-Freitag in der Weihnachtszeit.

Deswegen weiß ich, was der Heiland sagen wird. Er wird zu ihr sagen: Komm, meine Tochter. Du hast mich einst aufgenommen bei dir zu Hause, beim kleinen Stall vom Soderbauern in Walchen in der Herz-Jesu Kapelle. Jetzt nehme ich dich auf in meine Heimat, die ewige und himmlische Heimat. Und die ist so schön, tausendmal schöner als die Almwiesen und die Sunnseiten und die Berggipfel des Pinzgaus!

Herr, gib unsere Mutter die ewige Ruhe. Amen.