Reimmichls Volkskalender - Jänner

2019
Quelle: Distrikt Österreich

Jänner

Es schreibt der Hausvater C + M + B + mit geweihter Kreide über die Tür und dazu die Jahreszahl 1952. Das ist das Morgengebetlein des neuen Jahres und heißt mit Worten: „In Kraft des heiligen Kreuzes und unter Fürsprache der heiligen drei Könige steh’ ich auf und trete meine Reise an.“ – Früher nämlich begann das neue Jahr am Dreikönigentag – weshalb dieser Tag „Großneujahr“ genannt wurde. Damm ist er auch zur Grundlage für das Titelbild unseres Kalenders geworden. - Vielen Leuten, die allerdings nicht zu den Vernünftigsten zählen, gilt der schneewollige, frostklirrende, kristallblitzende, rodelreitende, skiflitzende, eisschleifende Jänner als der wahre und eigentliche Wonnemonat des Jahres. Sie halten den Schnee für lebensnotwendiger als Heu und Korn im Sommer. Voriges Jahr haben sie hoffentlich von diesem weißen Wintergetreide mehr als genug bekommen. Ist es ihnen doch drei bis zwölf Meter hoch über den Giebel gewachsen, und sie konnten mit Rodel und Schlitten und Ski viel weniger ausrichten als der Bauer im Juli mit Sense und Sichel, Rechen und Gabel. – Andere Menschen, die den Jänner als einen griesgrämigen, finsteren, Leib und Seele durchkältenden Unhold bezeichnen, tun ihm doch unrecht. Er bringt doch viel Schönes und Gutes. Er liefert das würzige Bergheu von der Alm, schmückt die Zäune und Sträucher mit seinem wundewollen Zierat, zaubert farblose Blumen an die Fensterscheiben, hält drinnen in den warmen Stuben lange, gemütliche Heimgarten mit dem Gesinde, weiß gar viel zu erzählen von Ihm und Ihr, die nächsten Sonntag von der Kanzel fallen, läßt noch einmal den ganzen Weihnachtshimmel erstrahlen und hält den Weihnachtszauber fest, solange er kann; erst nach Sebastiani bricht er die Weihnachtskrippen ab. Da quillt aber schon die erste leise Frühjahrsahnung auf. An St. Vinzenzi (22. Jänner) ist Hochzeit der Vöglein, die am anderen Morgen offen und heimlich als Gäste zu „Unser Frauen Vermählung“ sich einstellen. Nach diesem Tag erfriert kein Vöglein mehr. Pauli Bekehr (25. Jänner) bläst dem Winter schon halb den Hobel aus. Es geht langsam, sehr langsam, aber sicher dem Frühling entgegen.

Bauernregel

Ist der Jänner hell und weiß.
Wird der Sommer sicher heiß.

Soviel Regentropfen im Jänner,
Soviel Schneeflocken im Mai.

Sind im Jänner die Flüsse klein,
Gibt's viel Frucht und guten Wein.

Quelle: Reimmichls Volkskalender, 1952