Fastenzeit - Ihr müßt fasten!

2018
Quelle: Distrikt Österreich

Aus den Schriftenreihe »Herold Christi« - Nr. 1 Fastenzeit von Prälat Robert Mäder

Ihr müßt fasten!

Man kann natürlich nicht von der Fastenzeit reden, ohne vom Fasten zu reden. Das Fasten ist zwar nicht populär. Man erblickt in ihm etwas Reaktionäres. Etwas Mittelalterliches. Und der moderne Mensch will leben. Ausleben. Fasten gilt als Hemmung des Lebens.

Die Kirche hat eine andere Auffassung. Sie sieht im Fasten nicht etwas Negatives, sondern etwas Positives. Nicht etwas Hemmendes, sondern etwas Aufbauendes. Etwas Gesundes und Gesundendes. Etwas Starkes und Stärkendes. Sie trauert nicht, sondern jubelt, wenn die Fastenzeit kommt. Ihre Präfation wird zum eigentlichen Hohenlied auf Abstinenz und Abbruch.

«Es ist in Wahrheit würdig und recht», singt sie, «billig und heilsam, Dir immer und überall Dank zu sagen, Heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott. Denn durch das Fasten des Leibes unterdrückst Du die Laster, erhebst Du den Geist, spendest Du Tugendkraft und Lohn. Durch Christus, unsern Herrn.» Fastenzeit ist eine Frühlingskur für Leib und Seele. Fastenzeit ist Wiedergeburt und Auferstehung. Fastenzeit ist in tausendjähriger Erfahrung erprobte Hygiene. Wenn wir gesagt haben: der Mensch ist ein Wesen, das Hunger hat und darum essen muß, dann wollen wir heute sofort zur Korrektur hinzufügen: der Mensch ist ein Wesen, das auch fasten muß.

Das erste Fastenmandat kommt von keinem Bischof. Das erste Fastenmandat kommt direkt von Gott. Es steht auf dem ersten Blatt der Bibel. Es gehört zu den ältesten und ehrwürdigsten Urkunden des Menschengeschlechts. «Siehe, ich habe euch gegeben alles Kraut und alle Bäume, daß sie euch zur Speise seien ... Von jedem Baum des Gartens magst du essen ... alles, was sich regt und lebt, sei euch zur Speise.» Aber Gott sprach auch: «Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen. Denn an welchem Tage du davon essest, wirst du des Todes sterben.» Zwei Lebensgesetze stehen also an der Wiege der Menschheit. Man stirbt, wenn man nicht ißt. Aber man stirbt auch, wenn man grundsätzlich nicht fasten will.

Die öffentliche Tätigkeit Jesu beginnt mit der Betonung des Fastengesetzes. Christus fastet im Namen der neuen Menschheit vierzig Tage und Nächte. Und er betont ausdrücklich: «Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.» Neben dem Recht auf Essen gibt es auch eine Pflicht zum Nichtessen, d.h. zum Fasten. Beides ist nötig, um Mensch zu bleiben. Die Fastenmandate von heute verlangen, der menschlichen Schwachheit Rechnung tragend, nur noch ein Minimum vom alten Fasten, aber indem sie dieses Minimum strengstens fordern, betonen sie zugleich, dass ein gewisses Minimum von Fasten zum undispensierbaren Wesen des Christentums gehört.

Das Fasten «erhebt den Geist». Der Mensch besteht aus einem Zweifachen. Aus etwas, das er von der Welt des Geistes hat. Aus etwas, das er von der Welt des Stoffes hat. Aus einer Seele und aus einem Leib. Es ist und bleibt nur Mensch unter der Bedingung, daß man der Seele gibt, was der Seele ist, und dem Leib, was des Leibes ist. Die Seele darf den Leib nicht verhungern lassen. Der Leib darf umgekehrt die Seele nicht vergewaltigen.

Die Gefahr besteht seit dem Sündenfall gewöhnlich nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Die Regel ist, daß der Leib die Seele tyrannisiert, nicht die Seele den Leib. Die Regel ist, daß der Leib den Primat im Menschen beansprucht, das Vorrecht und die Vormacht. Das Fasten will demgegenüber den Primat des Geistes über den Leib betonen, indem es dem vom Glauben erleuchteten Willen das erste und das letzte Wort über die Quantität und die Qualität der Speise überträgt. Über das Wieviel und über das Was der Nahrung.

Fasten ist also vorerst eine grundsätzliche Frage. Es macht das Essen und Trinken mehr zur Gewissensfrage als zur Magenfrage. So wichtig das Essen ist, es ist nie das Erste, sondern das Zweite oder das Dritte. Für die Völker wie für die Einzelpersonen. Wir leben nicht, um zu essen! Wir essen nur, um zu leben und zwar, um zeitlich und ewig zu leben. Wir dürfen darum nie das Mittel zum Zweck machen. Das wäre Götzendienst. Das ist es aber, was bei der modernen Menschheit gewöhnlich der Fall ist. Oben und unten lebt man, um zu essen.

Das ganze Weltgeschehen dreht sich heute um die Wirtschaft. Man politisiert, um zu verdienen und man verdient, um zu essen. «Lasset uns essen und trinken. Denn morgen sind wir tot» (Is 22,13). Panem et circenses, sagten die Alten und sagen die von heute. Brot und Lustbarkeiten! Das Fasten sagt: Gott und Seele vor allem! Zuerst Menschsein und Christsein. Und dann als Mensch und Christ - sub specie divinitatis et aeternitatis, im Lichte der Gottheit und der Ewigkeit - essen und fröhlich sein.

Fasten macht willensstark. Der Magen ist infolge des Sündenfalls zum Revolutionär geworden, der alle Rücksichten über den Haufen wirft. Einer der sieben Hauptsünder im Königreich Mensch. Egoist. Unbarmherzig gegen den Armen. Faul. Pflichtvergessen. Der Magen betet nicht gern. Der Magen schreckt im Notfall auch vor dem Verbrechen nicht zurück. Er ist ein Götzendiener. Er ist imstand, um des Essens willen Gott und Gewissen, Glaube und Ewigkeit zu verraten. Und je mehr man ihn machen läßt, desto frecher wird er. Ein rücksichtsloser Tyrann. Und der Wille ihm gegenüber ein feiger, schwacher Sklave.

Es gibt kein Mittel, diesen Sklavenwillen wieder selbstbewußt zu machen, als die Abstinenz und den Abbruch. Vor allem auf dem Gebiete des Alkoholismus. Die Abstinenz und der Abbruch geben den Menschen wieder dem Menschen zurück, indem sie ihn wieder dem Willen zurückgeben. Man spricht von Willenskultur durch Gymnastik und Sport. Man appelliert an Rasse und Blut. Aber wir wissen, daß das alles gewöhnlich versagt, wenn die Bestie Genußsucht im Magen sich regt. Man muß zu alten, erprobten Mitteln greifen. Die Bestie Genußsucht wird nur zahm, wenn man sie hungern läßt. Die beste Willenskur die Fastenkur!

Fasten macht gesund. Soviel ist gewiß: Alle Krankheiten und alle Todesfälle sind verursacht durch die Übertretung des ersten Fastengebotes im Paradiese. Die Beobachtung des ersten Fastengebots durch Adam und Eva hätte die Welt zu einem Paradies gemacht. Allein abgesehen davon wagt Joseph de Maistre, der große Apologet des gesunden Menschenverstandes, zu behaupten: «Wenn man vom Universum die Unmäßigkeit aller Art entfernen könnte, würde man die meisten Krankheiten entfernen. Es sterben mehr Leute vom Tisch als vom Krieg.»

Der alte Seneca schreibt von der neronischen Zeit: «Man wundert sich wegen den unzähligen Krankheiten. Man soll nur die Köche zählen». Und de Maistre meint schließlich sogar: «Jeder, der sich ernstlich prüft, wird zur Überzeugung kommen, daß er vielleicht doppelt so viel ißt, als er sollte.»

So viel ist sicher: Trotz der 6000 Jahre, seit wir Menschen auf Erden wandeln, verstehen wir die große Kunst des Essens noch nicht. Weder in Bezug auf die Quantität noch in Bezug auf die Qualität. Weder in Bezug auf das Wieviel noch in Bezug auf das Was. Zweck des Fastens ist es, uns in diese große Kunst einzuführen. Durch die Abstinenz zur rechten Auswahl der Speise. Durch den Abbruch zum rechten Maß: Und wenn unser erster Fastenentschluß war: Herr, lehre uns denken! Und der andere: Herr, lehre uns beten! Dann sagen wir heute: Herr, lehre uns essen! Herr, lehre uns fasten! Herr, lehre uns fastend essen!

Quelle: Aus den Schriftenreihe »Herold Christi« - Nr. 1 Fastenzeit von Prälat Robert Mäder

Prälat Dr. h. c. Robert Mäder
1875-1945

Er stammte aus dem solothurnischen Dorf Wolfwil (Schweiz). 1899 wurde er zum Priester geweiht. Zuerst wirkte er als Vikar in Biberist und dann als Pfarrer in Mümliswil. Im Jahre 1912 erfolgte seine Wahl zum ersten Pfarrer der Heiliggeistkirche in Basel. Er genoß den Ruf eines ausgezeichneten Kanzelredners. Pfarrer Mäder war Mitbegründer der «Schildwache» und der Schöpfer der Theresien-Mittelschule in Basel. Die Universität Freiburg verlieh ihm den Doktor honoris causa.

Mäder war einer der fruchtbarsten religiösen Schriftsteller in der Schweiz. In einer Reihe von Werken und kleineren Schriften baute er sein markant-katholisches Schrifttum auf. Sowohl sein  gesprochenes wie sein geschriebenes Wort kann als einmalig und einzigartig bezeichnet werden. Mäders Gedanken sind Quadersteine, seine Sprache ist machtvoll-wuchtig.  Ein Original, das niemand kopieren kann. Unter den Schriftstellern steht er wie ein Prophet in einer großen und gefahrvollen Zeit, von Gott berufen und vom Heiligen Geist erfüllt. Sein Schrifttum ist von überzeitlicher Bedeutung. Es wird nicht untergehen, ist heute aktuell und wird es noch in kommenden Jahrhunderten sein.

In all den langen Jahren ist Pfarrer Mäder sich immer treu geblieben, so streng, so hart in der Konsequenz, so großartig, so urchristlich und apostolisch, daß er mit Recht «Donnerer des Heiligen Geistes» genannt wurde. Das Bekenntnis des Glaubens in seiner Totalität, ohne Abschweifung und ohne «zeitgemäße» Abstriche, war sein Lebensprogramm. Er bekannte, weil er glaubte. Er bekannte und arbeitete, weil er liebte. Er liebte aus ganzer Seele und mit allen Kräften seinen Heiland. Er liebte seine Kirche.

Pfarrer Mäder war Künder des Lichtes - Künder der Wahrheit - ein Bekenner