FSSPX Nachrichten & Veranstaltungen

Familientreffen in Jaidhof 2017

01. Juli, 2017

Was ist Reife und wohin erziehen wir eigentlich unsere Kinder? Mit diesen Fragen tauchten die teilnehmenden Eltern des diesjährigen Familientreffens in die faszinierende Welt der Erziehungspsychologie ein. 

Markus Hoffmann B.A. M.Ed. schaffte es binnen kürzester Zeit unser Verständnis über den Begriff der Reife zu sensibilisieren. Uns wurde klar, dass Reife mehr ist als vernünftiges Benehmen, Pünktlichkeit, ein beherrschter Charakter, gute Manieren, Ehrlichkeit, Strebsamkeit und dergleichen. Reife äußert sich zwar im Verhalten, aber vor allem auch in Lebendigkeit, Emotionalität, Kreativität, Spontanität und dem Wunsch in Beziehung zu sein. Dies wurde uns vor allem mit Hilfe des wunderschönen Gebets "Seele Christi, heilige mich" des Hl. Ignatius von Loyola plastisch vor Augen geführt.

Zusammengefasst werden kann Reife auf das Zusammenspiel von Emotion, Bindung, Rationalität und Identität (ERBI), die sich untereinander gegenseitig bedürfen und beeinflussen. Und gerade damit konnte uns Herr Hoffmann einen Baukasten für die eigentliche "Erziehung zur Reife", dem Motto der Vortragsreihe, mitgeben. In der Kindererziehung sollte besonders auf das Gleichgewicht von ERBI geachtet werden. Gewissermaßen ist es sogar das Ziel der Kindererziehung!

Als praktisches Beispiel wurde unter anderem ein Konfliktszenario skizziert, bei dem mittels des Werkzeugs ERBI die Lösungsfindung erleichtert werden kann. Im Konflikt sind die Gefühle (Emotion) häufig zwiespältig, da einerseits die Ich-Verteidigung und andererseits die notwendige Einfühlung zu berücksichtigen sind. Es gibt verschiedene Sichtweisen, zwischen denen vielfach die Lösung liegt (Rationalität). Die Sichtweise auf den anderen lässt uns erkennen, dass er etwas von uns verlangt. Er hat ein eigenes Inneres (Bindung). Auf der anderen Seite haben auch wir Bedürfnisse (Identität), aber auch einen Ethos in dem sich unsere Person erfüllt.

"Psychische Reife ist die Grundlage für die geistige Reife." Gerade deshalb stellt sich besonders die Frage was wir Eltern bei unseren Kindern fördern müssen. Und auch hier gab uns Herr Hoffmann ein klares Bild, das sich aus den Teilen Beziehungsfähigkeit, der Ich-Entwicklung und Identität, dem Ausdruck von und Umgang mit Emotionen, Rationalität, Reflexionsfähigkeit und der Liebe und Ehrfurcht zu Gott zusammensetzt.

Anhand des Lust-Unlust-Prinzips, welches in der Psychoanalyse wurzelt, wurde uns gezeigt, wie ein Kind im Laufe der Jahre Bindung und Selbstsein entwickelt. Im Kleinkindalter ist die "innere Steuerung" noch unmöglich, was bspw. bei Babys erkennbar wird, wenn sie unbarmherzig brüllen, um gestillt zu werden. Im fortgeschrittenen Alter, wenn sich die Balance von Beziehung und Selbstsein eingestellt hat, wird sich die Unlust jedoch nicht so rasch äußern, auch wenn der Magen knurrt. Ein Kind kann jedoch nur dann zur reifen Persönlichkeit heranwachsen, wenn es in der Beziehung ruhen kann. Das heißt, wenn Eltern in der Regulation helfen, die richtige Haltung einnehmen und dem Kind (innere) Ruhe verschaffen, damit es sich entwickeln kann. Als Beispiel wurde hier angeführt, dass Kinder vor dem sechsten Lebensjahr meist nur ein Gefühl auf einmal fühlen können (Äquivalenzmodus). Wenn das Kind dauerhaft und negativ gezwungen wird das Gefühl der Eltern zu fühlen, dann passt es sich auch an das Gefühlserleben an. Entweder durch Abwehr oder durch Anpassung. Deshalb ist es wichtig zu berücksichtigen, dass das Kind, bevor es Selbstsein aufbauen kann, Beziehung braucht. "Eine Beziehung, die im kindlichen Chaos mit Liebe (!) die Form findet."

Die Basis für den Aufbau von Beziehung wird durch "Beziehungskredit" gelegt. Das bedeutet, wir müssen versuchen auf das Kind einzugehen, es verstehen lernen, auf Emotionen und Verhalten achten, dem Kind helfen zu seiner Stärke zu finden. Erst dann können wir das Kind zu Verhaltensänderungen herausfordern. Und ein Blickkontakt mit dem Kind sowie ein Lächeln auf den Lippen wirken dabei Wunder.

Zum Selbstsein durften wir die Definition erfahren, dass es das innere Vertrauen darauf ist, dass wir derselbe bleiben und dass wir die Einheit unseres Selbst vor uns selbst und anderen immer wieder neu herstellen können. Selbstsein trägt demnach die Fähigkeit in sich die Emotion in Balance zu halten (Emotion), sich selbst und das Leben zu verstehen (Rationalität), Hilfe aus Beziehung zu anderen zu holen (Bindung) und ist von Selbstwirksamkeit geprägt, sprich der Überzeugung auch schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können (Identität).

Es gäbe an dieser Stelle noch so vieles zu berichten, was uns Herr Hoffmann auf spannende und humorvolle Weise näher gebracht hat. Das würde jedoch den Rahmen sprengen. Schließlich soll dieser kurze Einblick in die faszinierende Welt der Erziehungspsychologie mit dem enden, was Grundlage und Ziel zugleich ist: Erziehung zur Reife fordert und fördert eine reife Glaubenshaltung!

PS.: Im Namen aller teilnehmenden Eltern und Kinder möchten wir uns vor allem bei unserem geschätzten Distriktoberen Hw. Hrn. Pater Stefan Frey für die wunderbaren Tage auf Schloss Jaidhof bedanken, der sich auch dieses Jahr wieder mit all seinen Kräften für ein gelungenes Familientreffen eingesetzt hat. Die Tage waren umrundet von Kultur, Natur und Spiritualität. Freitagabend konnten wir eine wunderschöne Theateraufführung der "Jaidhofer-Kinder" und mancher spontan angeschlossener Schauspieler, unter der Leitung von Hw. Hrn. Pater Klaus Wilhelm, genießen. Die auf dem Renaissanceschloss Rosenburg dargebotene historische Falknerei, welche seit 2012 zum immateriellen UNESCO Weltkulturerbe zählt, wird uns Eltern und vor allem auch den Kindern lange in Erinnerung bleiben. Besonderer Dank gilt auch Familie Jeindl, die auch dieses Jahr wieder ihre Freizeit für ein tolles und spannendes Kinderprogramm für Groß und Klein gespendet hat. Abgeschlossen wurde das diesjährige Familientreffen mit der Sonntagsmesse für Lebensschutz und der anschließenden feierlichen Fatima-Prozession, sowie einem ausgiebigen Brunch, zubereitet von unserem lieben Koch Ludwig. Vergelt’s Gott!

Michael Felbinger