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Die Letzten Dinge müssen uns im höchsten Grad interessieren

01. November, 2017

Seit die göttliche Barmherzigkeit gekommen ist, sich uns in der Person des fleischgewordenen Wortes zu offenbaren, verbinden sicher unzählige Gnaden die himmlische Welt mit der irdischen; gleichwohl wissen wir aber, daß für jeden von uns trotz der Gnaden aller Sakramente eine Folge der Erbsünde bleibt, der niemand entrinnt: der Tod.

Aber ist denn nicht für die Christen der Tod Unseres Herrn eine Milderung der Härte dieses Schmerzes, dieser Strafe? Mit Ihm werden wir sterben; mit Ihm leben wir; mit Ihm werden wir auch leben und auferstehen.

„Das Irdische verachten und das Himmlische lieben!“

Das gesamte Leben des Glaubens und der Gnade lehrt uns, uns den himmlischen Dingen zuzuwenden: „terrestria contemnere et amare caelestia!“ Wie viele Male wiederholen uns das die liturgischen Gebete: „Das Irdische verachten und das Himmlische lieben!“ Der Hl. Paulus sagt uns den Grund dafür: Das erstere ist vergänglich, das letztere ewig. Der Tod führt uns also von dieser kurzlebigen Welt in die geistige Welt, denn sogar die wiederauferstandenen Leiber werden vergeistigt: „Seminatur corpus animale surget corpus spirituale. – Es wird gesät ein sinnlicher Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib“ (1 Kor 15,44).

Deshalb müssen uns die Letzten Dinge in höchstem Grad interessieren und das um so mehr, als alle unsere Handlungen hier auf Erden diese künftige Ewigkeit vorbereiten. Hinsichtlich dieser Letzten Dinge gleichgültig oder leichtfertig zu bleiben, ist töricht. Das grundlegende Motiv der Menschwerdung, der Erlösung ist die Rückkehr zu Gott durch Jesus Christus; denn es ist das Wesentliche unseres Seinsgrundes: bei Gott zu sein für immer.

Alle inspirierten Schriften des Neuen Testamentes haben keinen anderen Zweck, als unsere Aufmerksamkeit auf das Erlangen des Ewigen Lebens zu lenken und uns die Verdammnis vermeiden zu lassen. Die gesamte Liturgie der Kirche umgibt uns, geleitet uns, nährt uns, um zum wesentlichen Ziel zu gelangen. Die Unterweisung der Kirche über diese Letzten Dinge ist wie jene Unseres Herrn eindeutig und klar, obwohl ihre Art und Weise noch geheimnisvoll bleiben.

Die konziliaren Neuerungen grenzen hier an Häresie

Es ist ja eine [der] hauptsächlichen Pflichten [des Priesters], bei den Gläubigen während ihrer letzten Stunden hier auf Erden zu wachen, sie aufzuklären, sie zu ermutigen, sie durch die Sterbesakramente, durch die Sterbegebete vorzubereiten, dann ihre sterbliche Hülle zum Altar des Heiligen Opfers und schließlich auf den Friedhof zu geleiten. Wie viele kostbare Unterweisungen können bei diesen Gelegenheiten denen erteilt werden, die den Verstorbenen umgeben!

Die konziliaren Neuerungen auf diesem Gebiet sind für den Glauben der Gläubigen skandalös und grenzen an Häresie: Die Zeremonien geben zu verstehen, daß alle Seelen gerettet werden, selbst die ärgsten Feinde des Katholizismus haben Zutritt zur Kirche, die Urnen der Feuerbestatteten werden zugelassen, die Priester begleiten den Leichnam nicht mehr zum Friedhof. Das Fegefeuer wird ignoriert, was die Gebete und die Fürbitten für die Verstorbenen unverständlich macht. Dennoch sind diese immerhin noch eine Kundgebung des Glaubens der Kirche, die die Gläubigen bewegt.

Der Seelen in diesem Fegefeuer in wahrer Andacht gedenken

Es ist also klar, daß alle Gebete, alle Fürbitten, alle Ablässe, alle Almosen, die die Kirche für die Verstorbenen nahelegt und unternimmt, nur die Erleichterung und die Befreiung der Seelen im Fegefeuer zum Ziel haben, die selbst nichts mehr für sich tun können.

Deshalb ist es notwendig, auf die Tatsache Gewicht zu legen, daß die Existenz des Fegefeuers ein Glaubenssatz ist. Wer das Fegefeuer leugnet, ist Häretiker.

Wenn das Fegefeuer nicht existieren würde, wäre alles, was die Kirche seit ihrem Anfang getan oder zu tun verlangt hat, um es den Seelen der Verstorbenen zugute kommen zu lassen, gegenstandslos gewesen.

Sicherlich nähern sich die Seelen im Fegefeuer zunehmend dem Himmel und werden nach ihrer Läuterung befreit sein, aber die Fürbitten der streitenden Kirche können ihnen wirksam helfen, schneller befreit zu werden, vor allem durch die Darbringung des Heiligen Meßopfers.

Wenn wir uns mit dem Geist der katholischen Kirche in Einklang bringen wollen, müssen wir der Seelen in diesem Fegefeuer in wahrer Andacht gedenken, da wir selbst uns ja dort aller Wahrscheinlichkeit nach mehr oder weniger lang aufhalten werden – wünschen wir es uns, es wird das Zeichen unserer Auserwählung sein. Wenn wir die Heiligkeit und die unvergleichliche Reinheit Gottes erkennen könnten, würden wir nicht erstaunt sein, daß Er in uns Unvollkommenheiten entdeckt, die nicht mit der Heiligkeit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit vereinbar sind.

Quelle: Marcel Lefebvre, Geistlicher Wegweiser, Stuttgart 1992, S. 79ff.