46. Wie sieht das neue Verständnis des Ökumenismus aus?

09 Mai, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Mit dem II. Vatikanum hat die Kirche eine neue Position in bezug auf den Ökumenismus eingenommen. Diese neue Position läuft mehr oder weniger darauf hinaus, daß man den Absolutheitsanspruch der katholischen Religion aufgibt und die anderen christlichen Bekenntnisse, ja selbst die nichtchristlichen Religionen, als gleichberechtigte oder wenigstens fast gleichberechtigte Wege zu Gott und zur Erlangung des ewigen Heils betrachtet. Es geht nicht mehr um die Bekehrung der anderen Religionen zur katholischen Kirche, sondern um ein gemeinsames Miteinander.

Dies kommt z. B. dadurch zum Ausdruck, daß man den Begriff «Kirche» im Ökumenismus-Dekret im Plural gebraucht und damit auch den anderen christlichen Gemeinschaften zuerkennt. Dies wurde früher immer vermieden. Wenn man von «Kirchen» sprach, dann meinte man damit die einzelnen Ortskirchen, also z. B. die Kirche von Köln oder von Mailand. Höchstens wendete man ihn noch im uneigentlichen Sinn auf die schismatische Orthodoxie an, da diese ein Weihepriestertum und alle Sakramente besitzt. Streng hielt man aber daran fest, daß es nur eine Kirche und nicht viele gibt, denn unser Herr Jesus Christus hat nur eine Braut. Die häretischen Abspaltungen von dieser Braut Christi nannte man daher «Konfessionen» oder «religiöse Gemeinschaften», den Titel «Kirche» erkannte man ihnen jedoch nicht zu. Dies ist aber heute vollkommen üblich. Die theologische Begründung dafür haben wir schon gesehen: Das subsistit in von Lumen gentium eröffnet den Weg für die Vorstellung, die anderen Bekenntnisse seien auch wahre Verwirklichungen der Kirche Christi, vielleicht nur Teilverwirklichungen, aber eben doch Verwirklichungen. So liest man tatsächlich in Unitatis redintegratio Nr. 15 in bezug auf die schismatischen Ostkirchen: «So baut sich auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes (!), und durch die Konzelebration wird ihre Gemeinschaft offenbar.»[114] Hier wird also eine Gemeinschaft, die sich von der wahren Kirche getrennt hat, «Kirche Gottes» genannt. Der junge Ratzinger hatte 1966 selbst von der «Reduktion des Absolutheitsanspruchs, die in der neuen Formel [subsistit in] artikuliert ist» gesprochen.[115]

Auch den nichtchristlichen Religionen gegenüber bemüht man sich um eine möglichst positive Sicht. In Nostra ætate werden Lobeshymnen auf den Hinduismus, den Buddhismus, den Islam und das Judentum angestimmt. Im MISEREOR-Hungertuch 1984 wurden die Gläubigen belehrt, daß sich Gott nicht nur im Christentum, sondern auch im Buddhismus, im Hinduismus und im Islam geoffenbart habe. Im Kommentar zu diesem Hungertuch hieß es: «Die vier Lichtströme stehen für vier Weisen der Offenbarung Gottes.»[116] Für den Sonntag der Weltmission 1989 wurde folgende «Kommunionmeditation» vorgeschlagen:

«Sei gepriesen Herr, du Gott Israels! Du führst durch unwegsames Gelände, Du befreist aus Knechtschaft und Unterdrückung, Du verheißt eine neue Welt.

Sei gepriesen Herr, du Gott Mohammeds! Du bist groß und erhaben, Du bist unbegreiflich und unnahbar, Du bist groß in deinen Propheten.

Sei gepriesen Herr, du Gott Buddhas! Du wohnst in den Tiefen der Welt, Du lebst in jedem Menschen, Du bist die Fülle des Schweigens.

Sei gepriesen Herr, du Gott Afrikas! Du bist das Leben in den Bäumen, Du bist die Kraft in Vater und Mutter, Du bist die Seele in der Welt.

Sei gepriesen Herr, du Gott Jesu Christi! Du verströmst dich in Liebe, Du gibst dich hin in Güte, Du überwindest den Tod.»[117]

Während die Kirche sich früher bemühte, die Menschen dieser und anderer heidnischer Religionen zu missionieren, führt die nachkonziliare Kirche einen «Dialog» mit ihnen. Aufschlußreich dafür ist das Dokument Dialog und Mission des päpstlichen Sekretariats für die Nichtchristen vom 10. Juni 1984.[118] Hier heißt es in Nr. 1, mit dem 2. Vatikanischen Konzil habe «ein neuer Abschnitt» in den Beziehungen der Kirche zu den Anhängern der anderen Religionen begonnen. Diese neue Haltung habe den Namen «Dialog» erhalten (Nr. 3). Der Dialog bezeichne «nicht nur das Gespräch, sondern auch das Ganze der positiven und konstruktiven Beziehungen zwischen den Religionen, mit Personen und Gemeinschaften anderen Glaubens, um sich gegenseitig kennenzulernen und einander zu bereichern». In Nr. 13 heißt es: «Dann ist da der Dialog, bei dem die Christen den Anhängern anderer religiöser Überlieferungen begegnen, um gemeinsam auf die Wahrheit zuzustreben(!) und bei Werken von gemeinsamem Interesse zusammenzuarbeiten.» Wenn sich Gott also auch in anderen Religionen geoffenbart hat, wenn die Katholiken mit den Nichtchristen gemeinsam auf die Wahrheit zustreben und wenn es hier eine gegenseitige Bereicherung gibt, dann hat die Kirche offenbar ihren Absolutheitsanspruch aufgegeben!

Im ökumenischen Katechismus, zu dem Erzbischof Degenhardt ein Geleitwort schrieb und der auch von anderen katholischen Bischöfen hohes Lob erhielt, heißt es darum: «Ziel ist nicht Rückkehr, vielmehr Gemeinschaft von Schwesterkirchen; Einheit in versöhnter Verschiedenheit; Einheit der Kirchen – die Kirchen bleiben und eine Kirche werden.»[119] Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller bezeichnete ebenfalls die sog. «Rückkehrökumene» als «abwegig».[120] Das, was für Pius XI. die einzige Möglichkeit war, ist für diesen Bischof und ehemaligen Dogmatikprofessor heute ad acta gelegt.

[114] KK 243.

[115] Vgl. J. Ratzinger: Das neue Volk Gottes, Düsseldorf 1969, S. 236.

[116]  Zitiert in: Dörmann, Johannes: Die eine Wahrheit und die vielen Religionen. Bd. 8 der Schriftenreihe Respondeo. Abensberg 1988. S. 40.

[117]  Nach Anton Rotzetter; Handreichungen für Gottesdienste zum Sonntag der Weltmission 1989. Missio Aachen und Missio München.

[118]  AAS 76/1984, 812-828; deutsch: Der Apostolische Stuhl, Köln: J.P. Bachem 1984. S. 1864-1878.

[119]  Schütte, Heinz: Glaube im ökumenischen Verständnis. Ökumenischer Katechismus. Verlag Paderborn 51994. S. 33. Hervorhebung im Original.

[120]  Laudatio für den protestantischen Landesbischof Dr. Johannes Friedrich am 11. Oktober 2011 anläßlich der Verleihung des Ökumenischen Preises der Katholischen Akademie Bayern.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage