40. Wie wird die Religionsfreiheit vom II. Vatikanum begründet?

28 März, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Das Dekret über die Religionsfreiheit begründet die Religionsfreiheit mit der Würde der menschlichen Person: «Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird.»[104]

Das Konzil beruft sich in DH 11 zudem auf die Sanftmut Jesu und seine Mahnung, das Unkraut nicht auszureißen, sondern bis zur Ernte wachsen zu lassen (Mt 13,29).

Die liberalen Konzilsväter und Theologen sahen ein, daß man die Religionsfreiheit nicht begründen könne, wenn man die Wahrheitsfrage ins Spiel brächte, da dem Irrtum niemals Rechte zugesprochen werden können. Darum suchten sie eine andere Begründung und meinten, sie in der Menschenwürde gefunden zu haben. Aus der Menschenwürde folgt aber nur, daß man Irrende und selbst Verbrecher menschenwürdig behandeln muß, nicht aber, daß man ihnen keine Grenze ziehen darf. Der Mensch ist eben kein kleiner Gott, den man unter allen Umständen machen lassen müßte, was er will.

Es liegt hier auch eine Verwechslung der wurzelhaften Würde des Menschen mit der vollendeten Menschenwürde vor. Die wurzelhafte Würde des Menschen besteht darin, daß er eine Geistseele hat und daher mit Verstand und freiem Willen begabt ist. Sie besteht weiter darin, daß der Mensch von Gott zu einem übernatürlichen Ziel, nämlich der Anschauung Gottes, berufen ist. Diese Würde muß aber entfaltet und vollendet werden, indem der Mensch in seinem Denken und Handeln dem Guten anhängt und nach seiner Verwirklichung strebt. Tut er dies nicht, sondern mißbraucht er seine Freiheit zum Bösen, verliert er auch seine Würde. Erzbischof Lefebvre schreibt daher: «Doch soweit, als der Mensch dem Irrtum anhängt oder sich an das Böse bindet, verliert er seine vollendete Würde oder erreicht sie nicht, und man kann nichts mehr auf dieselbe gründen.»[105] Ein Mörder hat also nicht dieselbe Menschenwürde wie ein Heiliger. In diesem Leben verliert der Mensch seine wurzelhafte Würde zwar nie, da auch der schlimmste Verbrecher sich noch bekehren und sein Leben ändern kann, aber die Verdammten in der Hölle haben ihre Würde vollständig verloren.

In bezug auf das Gleichnis von Unkraut und Weizen ist zu beachten, daß Christus dem Unkraut nicht das Recht zu wachsen gibt, sondern den Rat erteilt, es wachsen zu lassen, damit nicht gleichzeitig der Weizen ausgerissen werde. Es geht hier um die Verwechslungsgefahr. Die Worte sind gegen einen bitteren Eifer gerichtet, der eine Kirche der Reinen herstellen möchte. So legen es schon die Kirchenväter aus. Der hl. Augustinus schreibt: «Dort, wo man nicht fürchten braucht, zugleich das gute Getreide auszureißen, darf die Strenge der Disziplin nicht schlafen»,[106] und der hl. Johannes Chrysostomus erklärt: «Wer weiß übrigens, ob nicht ein gewisser Teil dieses Unkrauts sich in gutes Getreide verwandeln würde? Wenn ihr also jetzt ausrisset, würdet ihr der nächsten Ernte schaden, indem ihr die ausrisset, die sich ändern und besser werden können. Er (der Herr) verbietet sicherlich nicht, die Häretiker zurückzudrängen, ihnen den Mund zu schließen, ihnen die Redefreiheit zu verweigern, ihre Versammlungen zu zerstreuen, ihre Eide zurückzuweisen; was er verbietet, ist ihr Blut zu vergießen und sie zu Tode zu bringen.»[107] Auf jeden Fall folgt aus all dem immer nur, daß es eine Pflicht geben kann, die falschen Kulte zu tolerieren, nicht aber ein Naturrecht der falschen Religionen auf freie Ausübung.

104 Nr. 2; KK 662.
105 Lefebvre, Marcel: Sie haben ihn entthront, S. 193. – Dieses Werk ist die vielleicht beste und gründlichste Studie zum Thema «Religionsfreiheit».
106 Contra Parmenides 3,2.
107 Homilie 46 über Mt.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage