4. Ist sie auch eine Krise des Klerus?

28 Juni, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche.

4. Ist sie auch eine Krise des Klerus?

Der Mangel an Berufungen zum Priester- und Ordensstand sowie das Ausscheiden vieler aus diesen Ständen zeigen deutlich, daß auch sie von einer tiefen Krise erfaßt sind. Der Klerus selbst hat in vielen seiner Mitglieder den Glauben verloren und ist deshalb auch nicht mehr in der Lage, diesen Glauben zu vermitteln oder gar die Menschen für ihn zu begeistern.

Verlust des Glaubens – Wenn es, wie wir oben festgestellt haben, um den Glauben selbst derjenigen Katholiken, die noch regelmäßig die Sonntagsmesse besuchen, so schlecht steht, so kann das seine Ursache nur in der mangelnden Verkündigung haben. Würden alle Priester regelmäßig den katholischen Glauben verkünden, wäre die Lage eine ganz andere. Die Menschen haben den Glauben nicht von alleine verloren, sondern er ist ihnen von Lehrstuhl und Kanzel aus genommen worden. Wenn in der Predigt jahrelang die Glaubenswahrheiten hinterfragt, relativiert und sogar offen geleugnet werden, so ist es kein Wunder, wenn die einfachen Gläubigen ihren Glauben verlieren. Die Jüngeren haben ihn oft gar nicht erst kennengelernt. So weiß z. B. heute kaum ein Kind, das zur Erstkommunion geht, um die wahrhafte, wirkliche und wesentliche Gegenwart unser Herr Jesus Christus in der Eucharistie, weil sein Pfarrer selbst nicht mehr an dieses Geheimnis glaubt. Im Religionsbuch «Wie wir Menschen leben» kann man lesen: «Wenn die Christen ihr Mahl mit Jesus halten, gehen sie zum Altar. Der Priester gibt ihnen ein Stückchen Brot. Sie essen das Brot».[8] Dieses Religionsbuch erhielt das kirchliche Imprimatur und wurde von den deutschen Bischöfen zugelassen! Über die Auferstehung Jesu Christi schreibt Ernst Kirchgässner: «Niemand hat die Auferstehung Jesu gesehen. Wenn eine Filmkamera vor dem Grab Jesu aufgebaut wäre, sie hätte nichts aufgezeichnet. Die Geschichte vom leeren Grab, von den Männern und Frauen, die zum Grab eilten, von den Erscheinungen will nichts beweisen. … Die Jünger Jesu waren durch den Tod Jesu aufs tiefste verstört. Wie hätten sie das auch seelisch verkraften können: ihr Herr und Meister gescheitert, wie ein Verbrecher am Kreuz ums Leben gekommen? Waren sie einem Betrüger zum Opfer gefallen? ‚Wir aber hatten gehofft’, das war ihre Klage. Trotz der namenlosen Enttäuschung, die sie mit Jesus erlebt hatten, hingen sie wohl im geheimen immer noch an ihm. Niemand weiß es, aber vielleicht war es so: Die wenigen Getreuen fanden sich wieder zusammen, sie kamen immer wieder zu seinem Grab. Da begann der Glaube in ihnen Raum zu gewinnen. Es wurde ihnen die Gewißheit geschenkt, daß Jesus lebt».[9]

Es ist darum nicht erstaunlich, daß das sogenannte «Kirchen-Volks-Begehren» von 1995, in dem u. a. die Morallehre der Kirche abgelehnt und das Frauenpriestertum gefordert worden ist, auch von vielen Priestern unterzeichnet wurde und daß selbst Bischöfe sich mit diesen Forderungen einverstanden erklärten, wenn sie auch vorgaben, mit der Art und Weise des Vorgehens nicht einverstanden zu sein. Man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Kirchenvolk dieses Begehren gar nicht hätte, wenn es nicht jahrelang gegen selbstverständlichste katholische Prinzipien von seinen Priestern und Lehrern aufgehetzt worden wäre.

Moralische Verfehlungen – Natürlich hat ein solcher glaubensschwacher Klerus keine Kraft mehr, den Zölibat zu halten, denn dies kann nur, wer einen lebendigen Glauben und eine große Liebe zu Christus hat. Es ist kein Geheimnis, daß heute viele Priester mehr oder weniger offen mit einer Frau sündhafte Beziehungen haben, und immer wieder erleben wir, wie ein Priester mit dem Geständnis, den Zölibat schon seit Jahren nicht mehr zu halten, sein Amt niederlegt. In den letzten Jahren erschüttern Berichte über Priester, die Kinder und Jugendliche mißbrauchten, die Kirche.

Offensichtlich schreckt der Zölibat auch viele junge Männer vom Priestertum ab; aber anstatt deswegen gegen den Zölibat zu polemisieren, sollte man sich lieber die Frage stellen, wieso es früher zahlreiche Männer gab, die dieses Opfer gerne auf sich nahmen, während dies heute nicht mehr der Fall ist.

[8] Wie wir Menschen leben, Ein Religionsbuch. Herder: 1972, S. 78. Das Imprimatur wurde am 17.1.1972 durch den Generalvikar des Bistums Freiburg, Dr. Schlund, gegeben.
[9] Kirchgässner, Ernst: Jesus – Diener der Menschen. Bd. 51 der «Reihe für Dich». Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm. S. 27 f. 

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage