39. Was lehrt die Erklärung über die Religionsfreiheit des II. Vatikanums?

21 März, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

In der Erklärung über die Religionsfreiheit heißt es: «Das Vatikanische Konzil erklärt, daß die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln.»[95]

Hier ist also nicht mehr von bloßer Toleranz die Rede, sondern den Anhängern aller Religionen wird ein wirkliches Recht auf Religionsausübung zugeschrieben, und zwar nicht nur auf die private, sondern ausdrücklich auch auf die öffentliche Religionsausübung. Auf dem II. Vatikanum ist damit eine Lehre verkündet worden, die früher von der Kirche immer verurteilt wurde!

Was genau mit der Einschränkung «innerhalb der gebührenden Grenzen» gemeint ist, geht aus dem Dokument nicht klar hervor. Im selben Abschnitt wird es als die Wahrung der gerechten öffentlichen Ordnung beschrieben und in Nr. 7 sogar als objektive sittliche Ordnung. Nur in diesen Fällen dürfte der Staat also die Religionsausübung behindern, wenn unter dem Vorwand der Religionsfreiheit die öffentliche Ordnung oder die Sittlichkeit gefährdet würde. Streng genommen dürfte damit nur den Gemeinschaften Religionsfreiheit gewährt werden, die eine Moral vertreten, die dem Naturgesetz entspricht. In der Praxis wird sich dies aber kaum aufrechterhalten lassen. So erlaubt z. B. der Islam dem Mann, mehrere Frauen zu haben. Muß die Vielehe also nun erlaubt werden oder gilt die Religionsfreiheit für den Islam nicht? Faktisch läuft es darauf hinaus, daß die Religionsfreiheit nur an der öffentlichen Ordnung ihre Grenzen findet, d. h. solange nicht Mord, Diebstahl und andere Übergriffe auf Personen unter dem Vorwand der Religion vorkommen, muß alles erlaubt werden.

Daß die Religionsfreiheit früher tatsächlich verurteilt wurde, mögen einige Zitate belegen. Pius IX. verurteilte in Quanta cura «jene irrige Ansicht, die der katholischen Kirche und dem Seelenheil höchst verderblich ist und von Unserem Vorgänger Gregor XVI. als Wahnsinn erklärt wurde, nämlich ‚die Freiheit des Gewissens und die Gottesverehrung seien jedes einzelnen Menschen Eigenrecht, was in jedem Staat mit ordentlicher Verfassung gesetzlich verkündet und gewahrt werden müsse’.»[96] Papst Leo XIII. warnte in Libertas præstantissimum nicht nur vor dem gottlosen Staat, sondern auch vor dem Staat, «der, wie man sagt, gegen alle Religionen gleichmäßig wohlwollend gesinnt ist und allen ohne Unterschied die gleichen Rechte zuerkennt», da dies «schließlich auch auf Gottesleugnung hinausläuft». Ein solcher Staat versündige sich «gegen die Gerechtigkeit wie gegen die gesunde Vernunft».[97] Dasselbe betonte noch Pius XII. in seiner Ansprache Ecco che gia un anno vom 6.10.1946: «Die katholische Kirche ist … eine vollkommene Gesellschaft und hat

Die Religionsfreiheit als Fundament die Wahrheit des von Gott geoffenbarten unfehlbaren Glaubens. Was im Gegensatz zu dieser Wahrheit steht, ist zwangsläufig ein Irrtum und dem Irrtum können nicht objektiv dieselben Rechte zuerkannt werden wie der Wahrheit.»[98] Von Pius VI. an, der während der Französischen Revolution die Religionsfreiheit im Brief Quod aliquantulum vom 10. März 1791 an die französischen Bischöfe in der Nationalversammlung als ein «monströses Recht» bezeichnete bis zu Pius XII. haben alle Päpste die Religionsfreiheit ausdrücklich verurteilt bzw. das Gegenteil gelehrt. Wie wir noch sehen werden, ließ sich die Kirche auch früher nie von diesem Prinzip leiten.

Es ist daher unredlich, wenn die Befürworter der Religionsfreiheit und das 2. Vatikanische Konzil sich auf die Enzyklika Libertas præstantissimum von Leo XIII. berufen, so als hätte schon er die Religionsfreiheit gutgeheißen. Dieser meint nämlich mit «diese der Söhne Gottes würdige Freiheit» eindeutig das Recht, die wahre Religion ausüben zu dürfen. Der entsprechende Abschnitt lautet: «Auch jene (Freiheit) wird hoch gepriesen, die man die Gewissensfreiheit nennt; wenn sie so aufgefaßt wird, daß es jedem nach seinem Gutdünken gleichermaßen erlaubt ist, Gott zu verehren oder ihn nicht zu verehren (= Religionsfreiheit im Sinne des Liberalismus. Anm. des Verf.), so wird sie durch die oben angeführten Beweise zur Genüge widerlegt. Sie kann aber auch in dem Sinne aufgefaßt werden, daß es dem Menschen im Staate erlaubt ist, ohne jede Behinderung aus Pflichtbewußtsein dem Willen Gottes zu folgen und seine Gebote zu erfüllen. Diese wahre, diese der Söhne Gottes würdige Freiheit nun, die die Würde der menschlichen Person auf ehrenvollste Weise schützt, ist größer als alle Gewalt und alles Unrecht: und sie ist der Kirche immer erwünscht und besonders teuer.»[99]

Die Verfechter der Religionsfreiheit haben zum Teil selber zugegeben, daß Dignitatis humanæ im Gegensatz zur früheren Lehre der Kirche steht. So schreibt z. B. Yves Congar: «Man kann nicht leugnen, daß die Erklärung über die Religionsfreiheit materiell anderes sagt als der Syllabus von 1864 und sogar ungefähr das Gegenteil der Sätze 16, 17 und 19!»[100] Und an einer anderen Stelle: «Auf Bitten des Papstes hin habe

ich bei den letzten Abschnitten der Erklärung über die Religionsfreiheit mitgearbeitet; es handelte sich darum zu zeigen, daß das Thema der Religionsfreiheit schon in der Heiligen Schrift enthalten ist; aber es findet sich dort nicht.»[101] Pater Courtnay Murray, der einer der Periti des Konzils war und ohne Zweifel am meisten an der Erklärung über die Religionsfreiheit gearbeitet hat, schreibt: «Fast genau ein Jahrhundert später scheint die Erklärung über die Religionsfreiheit genau das als katholische Lehre zu verkünden, was Gregor XVI. als Wahnsinn, als eine verrückte Idee bezeichnet hat.»[102]

In jüngster Zeit hat der Opus-Dei Priester Dr. Martin Rhonheimer, Professor an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, – selbst ein Befürworter der Religionsfreiheit – die Unhaltbarkeit aller Harmonisierungsversuche zwischen dem II. Vatikanum und der früheren Lehre dargelegt und unter anderem geschrieben: «Wie man es auch wendet und dreht, man kommt nicht darum herum: Präzis diese Lehre des zweiten Vatikanums ist es, die von Pius IX. in der Enzyklika Quanta cura verurteilt worden ist.»[103]

95 Dignitatis humanæ 2; KK 662.
96 MG 28 b.
97 MG 111.
98 Utz, A.F./Groener, J.F.: Soziale Summe Pius XII. Freiburg (CH) 1954. Nr. 2734.
99 DH 3250.
100 P. Congar, La crise dans l‘Église et Mgr. Lefebvre, S. 50.101 Eric Vatré, A la droite du père, S. 118.
102  Courtnay-Murray, zitiert durch Abbé de Nantes, La Contrereforme catholique, No. 57, S. 5.
103 «Die Tagespost» vom 27. September 2009. Vgl. auch das Buch Rhonheimers Verwandlung der Welt. Zur Aktualität des Opus Dei (2006).

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage