38. Haben nicht alle Religionen ein Recht auf freie Ausübung?

14 März, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

Ein wirkliches Recht auf freie Entfaltung und Ausübung hat nur die wahre Religion, denn kein Mensch darf daran gehindert werden, Gott in der Weise zu dienen, die dieser selbst angeordnet hat. Dies ist eine Forderung des Naturrechts. Die falschen Religionen haben dagegen kein wirkliches Recht auf Ausübung, da sie eben falsche, irrtümliche Religionen sind. Der Irrtum kann niemals Rechte besitzen, dies kommt nur der Wahrheit zu.

Die Toleranz den falschen Religionen gegenüber gründet darum nicht auf einem Naturrecht, sondern auf der Klugheit und der christlichen Nächstenliebe.

So lehrt es beispielsweise Leo XIII.: «Während die Kirche Rechte nur dem gewährt, was wahr und ehrenhaft ist, widersetzt sie sich doch nicht der Toleranz, von welcher die öffentliche Macht mit Rücksicht auf gewisse der Wahrheit und Gerechtigkeit entgegenstehende Dinge Gebrauch machen zu sollen glaubt in Hinblick auf ein größeres Übel, das zu vermeiden, oder ein größeres Gut, das zu erlangen oder zu bewahren ist.»[94]

Diese Toleranz kann allerdings in einem staatlichen Recht ihren Ausdruck finden, also in einem Gesetz, das die Möglichkeit der privaten oder auch einer gewissen öffentlichen Religionsausübung sicherstellt. Dies ist aber etwas wesentlich anderes als ein Naturrecht.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das übrigens maßgeblich von «vorkonziliaren» Katholiken mitgestaltet wurde, entspricht darum den Forderungen der Kirche. Viele der Väter des Grundgesetzes waren gläubige und praktizierende Katholiken wie der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer. Schon vor dem Konzil leisteten die Bischöfe den Treueid auf die Verfassung. Auch von einem traditionellen katholischen Standpunkt aus entspricht Art. 4 des deutschen Grundgesetzes der kirchlichen Auffassung von der notwendigen Toleranz. Die Bundesrepublik ist im übrigen auch (noch) kein vollkommen laizistischer Staat, was man beispielsweise am Schutz des Sonntags und der Familie oder in der Zusammenarbeit von Kirche und Staat in der Frage der Kirchensteuer sieht. In der Präambel des Grundgesetzes bekennt sich unser Staat zu seiner Verantwortung vor Gott. Nach Art. 2,1 GG ist alles staatliche Handeln an das – doch wohl christlich geprägte – «Sittengesetz» gebunden; dadurch sollte nachweislich eine vom Zeitgeist abhängige Werteveränderung im Sinne eines reinen Rechtspositivismus verhindert werden. Das Grundgesetz hat also christliche Elemente, auch wenn das durch die Politik und teilweise auch durch die Rechtssprechung leider immer mehr ausgehöhlt wird.

[94] Enzyklika Libertas praestantissimum; MG 125

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage