35. Hat also der Staat auch Pflichten gegenüber der Religion?

21 Februar, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Wie alle Menschen die Pflicht haben, den wahren Glauben anzunehmen, sobald sie ihn erkennen, und ihr persönliches Heil davon abhängig ist, ob sie Christus annehmen oder ablehnen, so verhält es sich auch mit dem Staat. «Das Glück des Staates fließt nicht aus einer anderen Quelle als das des Einzelmenschen, denn der Staat ist nichts anderes als eine Vielheit von Menschen, die in Eintracht zusammenlebt.»[92]

Der Staat hat also nicht nur für das zeitliche Wohl der Bürger Sorge zu tragen, sondern indirekt auch für das ewige Wohl. Ein Staat, der sich nur um die zeitlichen Angelegenheiten kümmern wollte und das ewige Heil seiner Bürger völlig außer acht ließe, würde sich nicht wirklich um das Allgemeinwohl sorgen, da seine Bürger nicht nur ein zeitliches, sondern auch ein ewiges Ziel haben.

Die strikte Trennung von Kirche und Staat ist darum unnatürlich und verkehrt. Der Mensch ist nicht in einen Christen und einen Bürger aufgespaltet. Er soll nicht nur im Privatleben Christ sein, sondern der Glaube muß alle Bereiche seines Lebens durchdringen. Daher soll der christliche Politiker eine christliche Politik machen, indem er sich bemüht, die Gesetze des Staates mit den Geboten Gottes in Einklang zu bringen.

Es stimmt in einem christlichen Staat also nicht, was es im Programm des L’Avenir, der Zeitung des liberalen Priesters Lamennais, hieß: «Alle Freunde der Religion müssen begreifen, daß sie nur eines Dinges bedarf: der Freiheit.» Lamennais wurde für seine liberalen Thesen von Gregor XVI. verurteilt und starb als von der Kirche Abgefallener, da er sich nicht unterwarf. Genau seine These kehrt aber in der von Maritain verfaßten und von Kardinal Liénart verlesenen Schlußbotschaft des Konzils an die Regierenden wieder: «Was verlangt sie von euch, diese Kirche, nach bald zweitausend Jahren Wechselfällen aller Art in ihrer Beziehung zu euch, den Mächten der Erde – was verlangt sie heute von euch? Sie hat es euch in einem der Haupttexte des Konzils gesagt: Sie verlangt von euch nur die Freiheit

[92] Augustinus, Epist. 155 ad Macedonium, c. 3,9. PL 33,670.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage