32. Ist das II. Vatikanum nicht als Träger des ordentlichen Lehramtes unfehlbar?

31 Januar, 2018
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Zuweilen wird behauptet, das II. Vatikanum sei unfehlbar, auch wenn es nur ein Pastoralkonzil war. Wenn es nämlich auch keine Akte des außerordentlichen Lehramtes gesetzt habe, so käme ihm doch als Träger des ordentlichen Lehramtes Unfehlbarkeit zu, da auf dem Konzil fast alle Bischöfe der Welt gegenwärtig waren. Zudem würden der Ökumenismus und die Religionsfreiheit heute vom Weltepiskopat einmütig gelehrt, was wiederum eine Ausübung des unfehlbaren ordentlichen Lehramtes sei.

Indes hat das II. Vatikanum den Ökumenismus und die Religionsfreiheit nicht als zur Offenbarung gehörige Glaubenslehre verkündet, was Bedingung für die Unfehlbarkeit wäre. Zudem kann eine Lehre, die über lange Zeit überall in der Kirche als glaubenswidrig und unkirchlich galt, auf diese Weise niemals plötzlich unfehlbare Glaubensnorm werden, selbst wenn fast alle Bischöfe ihr anhangen würden. Die Religionsfreiheit und der Ökumenismus waren der Kirche immer vollkommen fremd und wurden in den letzten zwei Jahrhunderten wiederholt verurteilt. Mit mehr Recht könnte man daher behaupten, die Verurteilungen von Religionsfreiheit und Ökumenismus seien aufgrund des ordentlichen Lehramtes unfehlbar.

Pius IX. schloß z. B. die Aufzählung einiger moderner Irrtümer, darunter die Religions- und Gewissensfreiheit, in seiner Enzyklika Quanta cura mit einer feierlichen Verurteilung: «Alle verkehrten Meinungen und Lehren also, die Wir in diesem Schreiben einzeln angeführt haben, weisen Wir kraft unserer apostolischen Vollmacht zurück, verbieten sie und verdammen sie und wollen, daß alle Söhne der katholischen Kirche sie durchaus als zurückgewiesen, verboten und verdammt ansehen.»[85] Viele Theologen hielten Quanta cura wegen dieser starken Worte für unfehlbar. Aber selbst wenn Pius IX. hier nicht im eigentlichen Sinn eine unfehlbare Entscheidung fällen wollte, so ließ er doch keinen Zweifel daran, daß die verurteilten Lehren mindestens wegen der allgemeinen ordentlichen Lehrverkündigung als mit der katholischen Lehre unvereinbar anzusehen seien. Gerade in bezug auf die Religionsfreiheit schrieb er ausdrücklich, diese sei «entgegen der Lehre der Heiligen Schrift, der Kirche und der heiligen Väter».[86]

Daß dem 2. Vatikanischen Konzil dagegen keine Unfehlbarkeit zukommt, hat 1988 auch Kardinal Ratzinger ausdrücklich betont. Er sagte: «Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem Vaticanum II jetzt alles anders ist und das Frühere keine Gültigkeit mehr haben kann oder … diese nur noch im Lichte des Vaticanum II hat. … Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.»[87] Dies ist genau das unehrliche Spiel, das man mit dem II. Vatikanum gespielt hat. Während des Konzils betonte man seinen rein pastoralen Charakter, um sich nicht theologisch präzise ausdrücken zu müssen, und nach dem Konzil spielt man es so hoch, als wäre es das einzige Konzil in der Kirchengeschichte, dem wahre Bedeutung zukommt. Darum schrieb Erzbischof Lefebvre: «Es ist also unerläßlich, diesem Konzil seinen Mythos zu nehmen, dem Konzil, das sie als ein pastorales aufgefaßt haben wollten. Sie wollten das aus ihrem instinktiven Abscheu vor dem Dogma und um die offizielle Einführung liberaler Ideen in kirchliche Texte zu erleichtern. Jetzt aber, nachträglich, dogmatisieren sie das ganze Konzil, vergleichen es mit jenem von Nicäa und behaupten sogar, es sei von gleicher Bedeutung wie die anderen, wenn nicht gar diesen übergeordnet!»[88]

Tatsächlich zitiert man heute in amtlichen und nichtamtlichen Verlautbarungen fast immer nur das 2. Vatikanische Konzil und die nachkonziliaren Päpste und läßt die früheren Konzilien und päpstlichen Verlautbarungen der Vergessenheit anheim fallen. Dies galt besonders für das Lehramt von Johannes Paul II. und den Weltkatechismus, in dem das II. Vatikanum mehr als doppelt so oft zitiert wird als alle früheren zusammengenommen. Bei Papst Benedikts Enzyklika über die Hoffnung Spe salvi hat man dagegen bemerkt, daß sie das Konzil gar nicht erwähne. In der Tat hat sich Benedikt mehrfach dagegen ausgesprochen, so zu tun, als habe die Kirche erst mit dem II. Vatikanum begonnen.

[85] MG 31; DH 2896.
[86] MG 28 a. DH läßt diese ganze Passage aus!
[87] Nach den tieferen Ursachen fragen. Aus der Rede Kardinal Ratzingers vor den chilenischen Bischöfen. In: Der Fels 1988 Nr. 12. S. 343.
[88] Marcel Lefebvre, Bemerkung zum Buch «Ich klage das Konzil an» vom 27. August 1976. Zitiert nach: Damit die Kirche fortbestehe, Stuttgart 1992, S. 168. Es war Paul VI., der in seinem ersten Brief an Erzbischof Lefebvre vom 29. Juni 1975 diesen fragte, wie er es wagen könne, «ein Konzil wie das Zweite Vatikanische Konzil zu bekämpfen, das keine geringere Autorität hat, das unter gewissen Aspekten sogar bedeutender ist als das von Nicäa» (Damit die Kirche fortbestehe, S. 109).

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage