27. Was unterscheidet das II. Vatikanum von früheren Konzilien?

27 Dezember, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Das 2. Vatikanische Konzil war das 21. allgemeine Konzil und in bezug auf die Teilnehmerzahl das größte, da hier über 2000 Bischöfe versammelt waren. Es dauerte mit Unterbrechungen vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 und wollte ausdrücklich nur ein Pastoralkonzil sein, also ein Konzil, das keine Glaubensfragen entscheidet, sondern pastorale Richtlinien für das Leben der Kirche gibt. Es verzichtete daher auf die Definition von Dogmen und damit auf die einem Konzil an sich zukommende Unfehlbarkeit. Seine Dokumente sind also nicht unfehlbar.

Alle früheren Konzilien waren dagegen dogmatische Konzilien und haben unfehlbare Entscheidungen in Glaubensfragen getroffen. Natürlich waren sie damit auch pastoral. Sie waren pastoral, insofern sie den katholischen Glauben verteidigten, die Irrtümer brandmarkten und gegen eingerissene Mißstände kämpften. Das II. Vatikanum wollte dagegen auf eine neue Weise nur pastoral sein, indem es sich weigerte, die Irrtümer zu verurteilen und die Glaubenslehren in eindeutiger Weise darzulegen. Damit die sowjetischen Machthaber einigen orthodoxen Würdenträger die Erlaubnis gaben, als Beobachter zum Konzil zu reisen, hatte der Vatikan sogar versprochen, den Kommunismus nicht zu verurteilen, das menschenverachtendste System, das je auf dieser Erde geherrscht hat. Das war der Inhalt eines Vertrags, der im August 1962 in Paris und kurz darauf in Metz zwischen dem Metropoliten Nikodim und Mgr. Willebrands bzw. Kardinal Tisserant abgeschlossen worden war.[60] Verschiedene französische Zeitschriften berichteten darüber. So kam es, daß «jedesmal, wenn ein Bischof die Frage des Kommunismus anschneiden wollte, der Kardinal [Tisserant] vom Tisch des Präsidialrates her eingriff, um auf den Schweigebefehlt hinzuweisen, der vom Papst ergangen war.» Erzbischof Lefebvre kommentiert diesen Vorgang wie folgt: «Das Konzil, das sich als Aufgabe gestellt hatte, die ‚Zeichen der Zeit’ zu beschreiben, wurde von Moskau dazu verurteilt, über das sichtbarste und ungeheuerlichste Zeichen dieser Zeit Stillschweigen zu bewahren.»[61]

Zwei Dokumente des Konzils tragen zwar den Titel «Dogmatische Konstitution», nämlich Lumen gentium (über die Kirche) und Dei Verbum (über die Offenbarung), aber das bedeutet nur, daß sie Themen behandeln, welche die Glaubenslehre betreffen.

In bezug auf die Frage nach der Verbindlichkeit der Konstitution über die Kirche verwies der Generalsekretär des Konzils am 16. November 1964 ausdrücklich auf eine Erklärung vom 6. März desselben Jahres, in der es heißt: «Unter Berücksichtigung des konziliaren Verfahrens und des pastoralen Ziels des gegenwärtigen Konzils definiert das heilige Konzil nur das im Bereich des Glaubens oder der Sitten als für die Kirche verbindlich, was es selbst offen als solches erklärten sollte.»[62] Das Konzil hat aber nichts in dieser Weise definiert.

Im übrigen sind auch nicht alle Texte der früheren Konzilien unfehlbar. Unfehlbarkeit beanspruchen nur die feierlichen Definitionen und Verurteilungen, nicht aber sämtliche Lehrtexte. So erklärte beispielsweise das Konzil von Florenz im Armenierdekret, die Materie der Priesterweihe bestehe in der Übergabe von Kelch und Patene.[63] Trotzdem waren viele Theologen auch danach noch der Meinung, es sei in Wirklichkeit die Handauflegung des Bischofs, und diese Meinung wurde dann von Pius XII. sogar festgelegt.[64] Es ging beim Armenierdekret nur um die Herbeiführung einer größtmöglichen Gleichheit des armenischen mit dem römischen Ritus. Pius XII. betonte dann auch, daß die römische Kirche die Weihe der Griechen (die immer nur die Handauflegung kannten) stets als gültig betrachtet habe und ihnen selbst auf dem Konzil von Florenz nicht auferlegt wurde, ihren Ritus zu ändern. Rom hat die abweichenden Ansichten mancher Theologen in dieser Frage auch nie zensuriert, was der Fall gewesen sein müßte, wenn man das Dekret als verbindlich betrachtet hätte.

[60]  Brief von Mgr. Roche an Jean Madiran vom 14. Mai 1984. Zitiert in: Bernard Tissier de Mallerais: Marcel Lefebvre – die Biographie, Stuttgart 2008, S. 324.
[61] Marcel Lefebvre: Sie haben ihn entthront, Stuttgart 1988, S. 215.
[62] DH 4351.
[63] Vgl. DS 1326.
[64] Apostolische Konstitution Sacramentum Ordinis vom 30. November 1947; DH 3857 ff.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage