25. Sind die nachkonziliaren Päpste häretisch?

13 Dezember, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Im eigentlichen Sinn häretisch ist nur derjenige, der ausdrücklich ein Dogma leugnet. Nun haben zwar besonders die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Franziskus manches gesagt und getan, was der Kirche und dem Glauben schwer geschadet hat und die Irrlehrer in ihrem Tun bestärken mußte, aber die wirkliche Leugnung eines Dogmas kann man ihnen wohl nicht nachweisen. Man muß sie eher zu jenen liberalen Katholiken rechnen, die zwar einerseits katholisch sein und bleiben wollen, aber andererseits auch der Welt gefallen und ihr möglichst entgegenkommen wollen.

Zu den Eigenheiten solcher Katholiken gehört es, daß sie sich nie festlegen wollen, so daß sie allein schon deswegen normalerweise nicht ausdrücklich an einer Häresie festhalten. Von diesen liberalen Katholiken sagt Pius IX.: «Nun aber sind diese bestimmt gefährlicher und schädlicher als offene Feinde …, und weil sie sich an der äußersten Grenze der formell verurteilten Meinungen halten, geben sie sich einen gewissen Schein von Integrität und tadelloser Lehre, ziehen die unvorsichtigen Liebhaber der Verständigung an und täuschen die ehrlichen Leute, die gegen einen offenen Irrtum aufbegehren würden.»[55]

Die Kennzeichen des liberalen Katholiken sind: a) Er ist schnell bereit, die Fehler der Kirche in der Vergangenheit zu kritisieren, besonders wo sie sich nicht genug für die Freiheit des Menschen eingesetzt hat. b) Er meint, sich immerfort dafür entschuldigen zu müssen, katholisch zu sein, d. h. einer Gemeinschaft anzugehören, die so viel Sturheit und mangelnde Fortschrittlichkeit mit sich herumschleppt. c) Er ist sehr schüchtern im Beanspruchen der Rechte Christi und seiner Kirche, ja es ist ihm unangenehm, daß Christus und die Kirche überhaupt Rechte gegenüber der Gesellschaft haben, ausgenommen das Recht auf Freiheit. d) Er ist immer dafür, daß die Kirche sich dem konkreten Milieu anpaßt, indem sie die Glaubensinhalte, die nicht in das Milieu passen, möglichst verschweigt und beiseite läßt. Man dürfe die Leute nicht vor den Kopf stoßen.

Die Natur dieses liberalen Katholizismus besteht nach P. Humbert Clérissac O.P. in einem «Fehlen der Integrität des Geistes». Man hat nicht genug Vertrauen in die Kraft der Wahrheit und zuviel Respekt oder sogar Angst vor der modernen Welt. Im Grunde ist es ein Mangel an Glauben. Man glaubt nicht mehr, daß es auch heute noch möglich ist, alles in Christus zu erneuern, daß Gott auch heute noch allmächtig und seine Gnade alles vermögend ist. Man resigniert, ohne den Kampf überhaupt versucht zu haben. Statt dessen möchte man mit menschlichen Mitteln der Kirche noch irgendeinen Platz in der Gesellschaft retten.[56]

[55] Breve an den kath. Zirkel von Mailand. Zitiert in: A. Roussel: Libéralisme et Catholicisme, o. J., S. 142 f.
[56] Vgl. zum Ganzen: Marcel Lefebvre: Sie haben ihn entthront, Stuttgart 1988, S. 111 ff.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage