22. Warum gelten diese Päpste trotzdem als konservativ?

22 November, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

Die konziliaren Päpste gelten als konservativ, weil sie in den Fragen der Moral im allgemeinen der Lehre der Kirche treu geblieben sind und manchmal auch in dogmatischen Fragen die wahre Lehre verteidigt haben.

Man muß aber bedenken, daß in der katholischen Kirche heute ein solches Durcheinander an Meinungen und Anschauungen herrscht, daß jeder, der noch die eine oder andere katholische Position retten will und nicht offen Häresien verkündet, schon als konservativ gilt. Dieser Ausdruck besagt also nicht sehr viel.

Ein Beispiel für das Festhalten der Päpste an den katholischen Moralprinzipien ist die berühmte Enzyklika Humanæ vitæ von Paul VI. Hier vertrat der Papst eindeutig die katholische Lehre zur Empfängnisverhütung und machte sich dadurch bei vielen verhaßt, die die empfängnisverhütenden Mittel gerne freigegeben hätten. Bekanntlich stellten sich die deutschen Bischöfe in der «Königsteiner Erklärung» indirekt gegen die päpstliche Enzyklika, indem sie den Eheleuten die Möglichkeit offen ließen, nach einer freien Gewissensentscheidung andere Wege zu gehen.[45]

Auch Johannes Paul II. war wegen seiner klaren Haltung in den Fragen der Ehemoral und des Zölibats in der Welt als «stockkonservativ» verschrien. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es auch hier einige Aufweichungen der Lehre gab. So erwecken die Aussagen des Papstes z. B. den Eindruck, daß zwar die künstliche Empfängnisverhütung verboten, die natürliche Verhütung dagegen ohne weiteres erlaubt sei, wohingegen dies nach der katholischen Lehre nur dann der Fall ist, wenn ein Ehepaar aus schwerwiegenden Gründen zeitweise oder grundsätzlich keine weiteren Kinder mehr haben kann. Auch in den Begründungen für die christliche Moral zeigt sich eine deutliche Akzentverschiebung, da hier vor allem immer wieder mit der Menschenwürde argumentiert wird. So heißt es beispielsweise im Katechismus der katholischen Kirche: «Der Mord an einem Menschen verstößt schwer gegen die Menschenwürde und gegen die Heiligkeit des Schöpfers.»[46] Eine solche Umkehrung der Ordnung zeigt, wie weit der Humanismus der Kirche heute geht. Erinnern wir uns an das Wort von Paul VI., auch die Kirche habe ihren «Kult des Menschen».

Beispiele für die Verteidigung der traditionellen Lehre auf dogmatischem Gebiet sind das Credo des Gottesvolkes von Paul VI. und das Apostolische Schreiben Ordinatio Sacerdotalis vom 22. Mai 1994, in dem Johannes Paul II. eindeutig erklärte, daß die Priesterweihe der Frau grundsätzlich ausgeschlossen ist.

Dies alles ändert aber nichts an der Tatsache, daß diese Päpste in vielen Fällen den Modernismus unterstützt haben und die Verfechter der katholischen Sache im Stich gelassen oder sogar verurteilt haben. Um zu den oben bereits erwähnten Fakten noch einige Beispiele hinzuzufügen, sei darauf hingewiesen, daß Johannes Paul II. Henri de Lubac zum Kardinal ernannte, einen Mann, der die grundlegende Unterscheidung von Natur und Übernatur leugnete, was Pius XII. in seiner Enzyklika Humani generis nicht ohne impliziten Bezug auf de Lubac verurteilte. Ebenfalls zum Kardinal kreierte er den französischen Dominikaner Yves Congar, der sich zu folgenden Aussagen verstieg: «Luther ist eines der größten religiösen Genies der gesamten Geschichte. Ich stelle ihn in dieser Hinsicht auf eine Stufe mit dem heiligen Augustinus, dem heiligen Thomas von 

Aquin oder mit Pascal. In gewisser Weise steht er noch höher. … Luther war ein Mann der Kirche.»[47] Auch Hans Urs von Balthasar, der lehrte, die Hölle sei höchstwahrscheinlich leer, sollte Kardinal werden. Wegen des plötzlichen Todes von Balthasars kam es dann allerdings nicht mehr zur Verleihung des Kardinalshutes. Schließlich darf man auch nicht vergessen, daß das Religionstreffen von Assisi sowie die ganze ökumenische Bewegung ein Grundanliegen Johannes Pauls II. darstellte.

Wie wenig dieser Papst die wirklich Konservativen unterstützte, sieht man daran, daß der Benediktinerabt Dom Gérard Calvet, als er im April 1995 mit 75’000 Unterschriften für die Freigabe der tridentinischen Messe nach Rom kam, dazu eingeladen wurde, mit dem Papst die neue Messe zu zelebrieren, um «ein Zeichen zu setzen». Eine Freigabe der alten Messe erfolgte natürlich nicht. Ebenso wurden dem wirklich konservativen Bischof Haas von Chur in der Schweiz zwei progressive Weihbischöfe an die Seite gegeben, anstatt ihn in dem schweren Stand, den er in seiner Diözese hat, tatkräftig zu unterstützen. Schließlich gab Rom dem Drängen der Modernisten sogar vollkommen nach und rief Bischof Hass von Chur ab. Am 2.12.1997 wurde die Entscheidung des Vatikans bekannt, ihn zum Oberhirten des erst zu schaffenden Erzbistums Liechtenstein zu machen. Liechtenstein mit seinen rund 25’000 Einwohnern war bis dahin ein Teil der Diözese Chur. Bis zu seiner «Beförderung» zum Erzbischof war Bischof Haas der Oberhirte von etwa 700’000 Seelen gewesen.

[44]  Dörmann, Johannes: Der theologische Weg Johannes Pauls II. zum Weltgebetstag der Religionen in Assisi. Band II/2. Senden/Westfalen 1994, S. 14
[45] Vgl. hierzu auch das Urteil von Prof. Dr. Georg May: unten Frage 97.
[46] Katechismus der katholischen Kirche. München: Oldenbourg 1993. Nr. 2320.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage