11. Ist der Glaube nicht vor allem ein Gefühl?

23 August, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche

11. Ist der Glaube nicht vor allem ein Gefühl?

Es ist einer der Irrtümer des sogenannten Modernismus, der vom hl. Papst Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi 1907 verurteilt wurde, daß der Glaube ein aus dem Unterbewußtsein heraufsteigendes Gefühl des Bedürfnisses nach dem Göttlichen sei. In Wahrheit aber ist der Glaube nicht ein Gefühl, sondern die bewußte und willentliche Annahme der Offenbarung Gottes, wie sie dem Menschen in der Heiligen Schrift und Tradition entgegentritt und von der Kirche vorgelegt wird.

Offenbarung geschieht nach den Modernisten, wenn dieses Gefühl aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein aufsteigt. Demnach wäre der Glaube etwas Gefühlsmäßiges und Subjektives. Die Offenbarung würde dem Menschen nicht von außen objektiv zugetragen, sondern stiege aus seinem Inneren empor.

Am Ursprung des Christentums steht für den Modernisten das religiöse Erlebnis Jesu Christi (der hier natürlich nicht als wahrer Gott gedacht wird). Dieser teilte seine Erfahrungen anderen mit, die diese dann nacherlebten und wieder anderen mitteilten. Aus dem Bedürfnis der Gläubigen, ihre religiösen Erlebnisse anderen mitzuteilen und eine Gemeinschaft zu bilden, entstand dann die Kirche. Wegen des Bedürfnisses, im Glauben zu agieren, wurden Sakramente eingesetzt, aus der Notwendigkeit von Führungsämtern ergab sich das Priestertum usw. Die Kirche ist also nicht eine Stiftung Gottes, sondern alles: die Kirche, die Sakramente, das Papsttum, die Dogmen usw. sind nur ein Ausfluß der religiösen Bedürfnisse der Gläubigen.

Offensichtlich hat dies mit dem katholischen Glaubensbegriff nichts zu tun. Sicherlich gibt es im Menschenherzen das Bedürfnis nach Gott, aber wenn diesem Bedürfnis von Gott nicht wahrhaft geantwortet wird, bleibt es ein leeres Gefühl. Es ist auch richtig, daß mit dem Glauben oft eine gefühlsmäßige Sicherheit und Geborgenheit verbunden ist, aber diese macht nicht das Wesen des Glaubens aus. Dieses Gefühl ist nämlich wie alle Gefühle schwankend, einmal stärker, einmal schwächer, und es kann auch zeitweise ganz fehlen. Selbst große Heilige wie Vinzenz von Paul oder Theresia vom Kinde Jesu waren zeitweise der gefühlsmäßigen Glaubenssicherheit beraubt, ohne jedoch dadurch in ihrer Überzeugung von der Richtigkeit und Sicherheit des Glaubens wankend zu werden.

Im Antimodernisteneid des hl. Pius X., den bis 1967 alle Priester vor ihrer Weihe ablegten, heißt es darum: «Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.»[16]

[16] DH 3542.

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage