1. Gibt es eine Kirchenkrise?

07 Juni, 2017
Quelle: Distrikt Österreich

100 Fragen zur aktuellen Lage der Kirche.

1. Gibt es eine Kirchenkrise?

Man müßte die Augen schließen, um nicht zu sehen, daß sich die katholische Kirche in einer schweren Krise befindet. Hatte man in den 60er Jahren, vor allem während des 2. Vatikanischen Konzils, noch auf eine neue Blütezeit für die Kirche gehofft, so ist gerade das Gegenteil eingetreten. Tausende von Priestern haben seither ihr Amt niedergelegt und Tausende von Mönchen und Ordensfrauen sind in das weltliche Leben zurückgekehrt. Neue Berufungen gibt es wenigstens in Europa und Nordamerika nur sehr spärlich, so daß schon unzählige Priesterseminare, Klöster und Ordenshäuser geschlossen werden mußten. Viele Pfarreien können nicht mehr besetzt werden, und die Orden mußten viele ihrer Schulen, Krankenhäuser und Altersheime aufgeben. «Der Rauch Satans ist durch irgendeinen Riß in den Tempel Gottes eingedrungen», klagte darum Papst Paul VI. am 29. Juni 1972. [1]

Diese Krise ist inzwischen so weit gediehen, daß Papst Benedikt XVI. in seinem Brief an die Bischöfe der Welt vom 10. März 2009 den Glauben an den Gott der Bibel in «weiten Teilen der Welt zu verlöschen» sieht, «wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet.»

Jean Guitton, ein Freund Pauls VI. und Mitglied der Académie française, gab das Ausbleiben der ersehnten Früchte des II. Vatikanums ausdrücklich zu: «Ich entsinne mich, daß ich mit meinen Artikeln und meinen Interventionen dartun wollte, daß nach dem Konzil die geistlichen Berufungen an Zahl und Eifer zunehmen würden, daß ferner die Konversionen zunähmen und der Glaube der Katholiken wieder belebt und sich ausweiten würde. Das Gegenteil ist eingetreten, und das in einem solchen Ausmaß, daß ich bei einem Gespräch hierüber mit Paul VI. sah, wie er aus der Fassung geriet.»[2]

Abfall vom Priestertum

Professor Georg May schreibt: «Nach einem Artikel von Fabrizio de Santis im «Corriere della Sera» vom 25. September 1971 haben sich in Italien in den letzten 8 Jahren etwa 7000 bis 8000 Priester vom Priestertum abgewandt. In der gesamten Kirche haben sich in den Jahren zwischen 1962 und 1972 angeblich 21’320 Priester laisieren lassen. In dieser Zahl sind jene nicht enthalten, die auf eine amtliche Laisierung keinen Wert legen.»[3] In der ganzen Kirche sollen zwischen 1967 und 1974 30’000 bis 40’000 Priester ihren heiligen Beruf aufgegeben haben. Diese katastrophalen Vorgänge können höchstens noch mit den Ereignissen während der sog. Reformation im 16. Jahrhundert verglichen werden.

Ordensberufungen

Für die Lage bei den Ordensschwestern sei auf folgenden Sachverhalt hingewiesen, den Kardinal Ratzinger erzählt und den er als «exemplarischen Fall» bezeichnet. Quebec, die französischsprachige Provinz von Kanada, war zu Beginn der sechziger Jahre die Region mit den meisten Ordensfrauen. «Zwischen 1961 und 1981 sind die Ordensfrauen infolge von Austritten, Todesfällen und Stagnation des Nachwuchses von 46’933 auf 26’294 zurückgegangen. Also ein Schwund um 44 %, und es ist noch kein Ende in Sicht. Die neuen Berufungen sind im gleichen Zeitabschnitt um gut 98,5 % zurückgegangen. Es kommt dann noch dazu, daß der Großteil jener verbleibenden 1,5 % sich nicht aus sehr jungen Leuten, sondern aus ‚Spätberufenen’ zusammensetzt, so daß sich aufgrund einer einfachen Hochrechnung alle Soziologen in einer düsteren, aber objektiven Prognose einig sind: In Kürze … werden die Frauenorden, wie wir sie kennen, in Kanada nur mehr eine Erinnerung sein».[4]

Die Aussichten sind seither keineswegs besser geworden. Das Jahr 2004 stellte z. B. einen neuen Minusrekord bei den Priesteramtskandidaten in Deutschland dar. Die deutschen Priesterseminare und Ordensniederlassungen verzeichneten damals lediglich 210 Neueintritte. In den Jahren 1995 bis 2008 lag die Zahl immer um die 240, 1986 waren es noch 727 gewesen.[5] Dabei verlassen natürlich viele das Seminar wieder, und viele Priester geben ihr Priestertum oft nach kurzer Zeit wieder auf.

Sonntäglicher Meßbesuch

Nur noch eine Minderheit der Katholiken erfüllt das Gebot des sonntäglichen Gottesdienstbesuches. In Deutschland waren es 2008 13,4 % (1990 z. B. 21,9 %). Da in den meisten Gemeinden fast nur noch ältere Menschen zu finden sind, kann man sich ausrechnen, daß die katholische Kirche in Deutschland in etwa 20 Jahren praktisch nicht mehr vorhanden sein wird. Noch verheerender sind die Verhältnisse in Frankreich. Nach einer Studie über die Entwicklung der Kirche Frankreichs in den letzten Jahrzehnten, welche die katholische Tageszeitung «La Croix» bei dem Meinungsforschungsinstitut ‘IFOP’ in Auftrag gab, gingen 2006 gerade einmal 4,5 % der Katholiken regelmäßig in die Messe. Dabei waren 65 % der praktizierenden Katholiken über 50 Jahre alt. Jährlich treten Tausende aus der Kirche aus. Besonders beunruhigend ist, daß es vor allem jüngere Menschen sind, die der Kirche den Rücken zuwenden. Von den 93’000 Katholiken, die 1989 in Deutsch-land aus der Kirche austraten, waren 70 % unter 35 Jahren. Von 1990 (dem Jahr der Wiedervereinigung) bis 2004 lag die Zahl der Kirchenaustritte jedes Jahr bei über 100’000 (Höhepunkt 1992 mit 192’766). Von 2005 bis 2007 sank sie zwar vorübergehend etwas, was wahrscheinlich mit der Wahl des deutschen Papstes zusammenhing, aber 2008 waren es wieder 121’155. Dabei sind meistens nicht Haß oder Zorn die Motive des Austritts, sondern einfach Gleichgültigkeit. Die Kirche sagt den Menschen nichts mehr, sie hat keine Bedeutung mehr in ihrem Leben und darum verläßt man sie, um z. B. die Kirchensteuer zu sparen. Nach einer groß angelegten Studie der Bertelsmann-Stiftung «Religionsmonitor 2008» hatte jedes sechste Kirchenmitglied so schwach ausgeprägte religiöse Überzeugungen, daß es von den Autoren der Studie als atheistisch eingestuft wurde. Die katholische Religion ist auf dem direkten Weg, die Religion einer kleinen Minderheit zu werden. Deutschland ist nach einem Wort von Karl Rahner in der Gefahr, ein «heidnisches Land mit christlicher Vergangenheit und christlichen Restbeständen» zu werden. Dasselbe gilt für die meisten einst christlichen Länder.

[1] Der Fels 1972, Nr. 10, S. 313.
[2] Interview in Il Tempo vom 1.6.1980. Übersetzung nach UVK 1980, 368.
[3] May, Georg: Die Krise der nachkonziliaren Kirche und wir. Wien 1979, S. 50 f.
[4] Ratzinger, Joseph Kardinal: Zur Lage des Glaubens. München, Zürich, Wien 1985, S. 102.
[5] Die Angaben zu den Verhältnissen der deutschen Kirche sind – wenn nicht anders vermerkt – der Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz www.dbk.de entnommen. 

Quelle: Katechismus zur kichlichen Krise, Pater Matthias Gaudron, Sarto-Verlag, 2017, 4. Auflage