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„Und das Wort ist Fleisch geworden“

17. Dezember, 2017

von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre

Das beste Mittel, um unserem Herrn Jesus Christus in unserem geistlichen Leben, unseren Gedanken, unserem Verstand, unserem Herzen und in unserer ganzen Seele den rechten Platz anzuweisen, besteht darin, die schönsten und anregendsten Seiten der Heiligen Schrift immer wieder zu lesen. Unser Leben hier auf Erden wie im Himmel besteht darin, daß wir mit unserem Herrn Jesus Christus verbunden sind, daß wir an Seinem göttlichen Leben teilhaben.

Der schönste Abschnitt beim heiligen Johannes ist der, den wir täglich am Ende der heiligen Messe als Danksagung lesen. Es ist der Prolog seines Evangeliums. Wir müssen ihn aufmerksam und still erneut lesen, um uns tief von dem durchdringen zu lassen, was der heilige Johannes über unseren Herrn schreibt, denn das ist wirklich die Offenbarung unseres Herrn.

Die ersten fünf Verse behandeln die Person des Wortes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (Vers 1). – „Im Anfang war das Wort“. Wie die Kommentatoren darauf aufmerksam machen, bedeuten jene wenigen Worte, daß das Wort bereits war, bevor es einen Anfang gab. Es existierte. Und der Gebrauch dieses Imperfekts verdeutlicht es am besten. Man hätte nicht sagen können: „Das Wort ist gewesen“. Nein, es ist nicht gewesen, es war. So wird die immerwährende Dauer, die Ewigkeit des Wortes ausgedrückt, bevor alle Dinge ihren Anfang nahmen.

„Und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. An diesem Vers läßt sich die Konsubstantialität (die Gleichwesenheit) von Wort und Vater bereits erkennen. Durch die schlichte Tatsache, daß das Wort in Gott war, war es bei Gott und gleichzeitig war es Gott; so gibt es gleichzeitig eine Unterscheidung und eine Einheit. – Das Evangelium drückt sich auf sehr bestimmte, glasklare Weise aus; man kann mit Bezug auf die allerheiligsten Dreifaltigkeit zu keiner anderen Schlußfolgerung kommen als zur Konsubstantialität: Gott war das Wort“.

„In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Vers 4). Mit dem Leben, von dem hier die Rede ist, ist eindeutig vor allem das geistliche Leben gemeint. Der heilige Johannes bekräftigt, daß das ganze intellektuelle und geistliche Leben, das in uns ist, vom Wort kommt. Es ist wie eine ständige Mitteilung des Lichtes, das in Gott ist. Dieses Licht verbreitet sich und kommt zu uns durch die Vermittlung des Wortes. Ohne das Licht des Wortes wären wir unfähig, den geringsten intellektuellen Begriff zu bilden, die kleinste Idee und die geringste Überlegung zu äußern. – Alles, was unser Geist studiert, erfaßt und hervorbringt, geschieht durch die Erleuchtung des Wortes. Wie wunderbar ist das!

„Das Licht leuchtet in der Finsternis; allein die Finsternis hat es nicht ergriffen“ (Vers 5). Was will der heilige Johannes uns damit sagen? Was eröffnet er uns hier über unseren Herrn? Dieses Licht, das unser Herr ist, das das Wort ist, das in uns erleuchten soll, um uns verstehen zu lassen, dieses Licht leuchtete in der Finsternis – natürlich in der geistigen Finsternis –, aber die Finsternis hat es nicht begriffen. Der heilige Johannes macht uns hier die ganze Blindheit der Menschen offenbar. Während dieses Licht den Menschen zunächst gegeben wurde, um sie Gott erkennen zu lassen, um sie das Wort erkennen zu lassen, hat die Finsternis es nicht begriffen. Die Blindheit der Menschen hat dieses Licht in gewisser Hinsicht beeinträchtigt, da es nicht zu dem gedient hat, wofür der liebe Gott es ihnen gegeben hat. Da haben wir diese Finsternis, diese freiwillige Blindheit der Menschen, die jenes Licht nicht erkennen wollen, das der liebe Gott ihnen gesandt hat. Es handelt sich nicht nur um das rein intellektuelle Licht, sondern auch um das Licht des gesamten geistlichen Lebens, das sich im Menschen findet. Alles, was dieses geistliche Leben im Menschen beeinträchtigt – alle Sünden – machen das aus, was der heilige Johannes die Finsternis nennt.

Man kann sich vorstellen, daß der heilige Johannes wie kein anderer Apostel unserem Herrn nahegekommen ist. Er wurde auf besondere Weise erwählt, denn ihm hat der Herr Seine Mutter anvertraut. Man nennt den heiligen Johannes „der, den Jesus liebte“ (Joh 13,23; 19,26). Unser Herr hatte also eine Vorliebe für ihn, und sicherlich hat Er ihm ganz besondere Gnaden geschenkt, damit er Ihn tiefer und besser als die anderen kennenlernen kann. Dringen wir deshalb immer tiefer in den Sinn seiner Worte ein, um uns eine Vorstellung von unserem Herrn machen zu können, die der des heiligen Johannes nahekommt.

Es ist ein schrecklicher Gedanke, daß alles, was unser Herr für uns getan hat, vergeblich gewesen sein könnte. Es ist ein furchtbarer Gedanke, daß es trotz allem, was Gott getan hat, keine Antwort auf Seine Liebe geben könnte. Deshalb verstehen wir, daß die Gerechtigkeit Gottes es erlaubt und es auch will, daß diejenigen, die Seine Liebe zurückweisen, sich ihrer in der Ewigkeit nicht erfreuen werden. Das ist eine entsetzliche Aussicht, für die Gott nichts kann, weil es ja der Mensch selbst ist, der der Liebe Gottes zu ihm den Weg versperrt, der sich weigert, unseren Herrn Jesus Christus, den Gott und Schöpfer aller Dinge, zu erkennen; es ist der Mensch selbst, der sich in seinem Egoismus, seinem Hochmut einschließt, indem er alles Licht zurückweist.

Und so schreibt der heilige Johannes: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht ergriffen“ (Vers 5). Gott ist in Seine eigene Familie gekommen und die Seinigen haben Ihn abgelehnt, außer diejenigen, denen der liebe Gott die Gnade erwiesen hat, Kinder Gottes zu sein (vgl. Vers 11f).

„Er war in der Welt, und die Welt ist durch Ihn geworden. Allein die Welt hat Ihn nicht erkannt“ (Vers 10). Der heilige Evangelist Johannes gebraucht das Stilmittel der Wiederholung. Er erzählt noch einmal, daß die Welt durch das Wort geschaffen wurde, aber daß die Welt Ihn nicht erkannt hat. Er hatte bereits von der Finsternis gesprochen, die das Licht nicht ergriffen und die sich dem Licht widersetzt hat.

„Er kam in Sein Eigentum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf“ (Vers 11). Man kann sich denken, daß er vor allem von den Juden spricht. Doch kann man das auch auf die Welt anwenden. Er ist es, der die Menschen erschaffen hat, doch sie haben Ihn nicht aufgenommen. Anhand dieser Worte läßt sich das Dogma der Erbsünde und die Spaltung zwischen Licht und Finsternis in der Welt erahnen. Das Wort kommt in Sein Eigentum; doch die Seinen nehmen Ihn nicht auf. Das ist bereits die Vorausschau auf den Kampf zwischen den beiden Reichen: dem Reich Satans und dem Reiche Gottes.

„Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Vers 12). Indessen haben manche Ihn aufgenommen: all denen, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Söhne Gottes zu werden. Zählen wir uns zu jenen, „die Ihn aufnahmen“, um Seine Kinder zu sein. – „Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Vers 12). Diese wenigen Worte wiegen schwer in der Geschichte der Seelen. Sie sind ewig wirksam und werden die Gerechten von den Bösen scheiden. Jesus Christus ist nicht in das freie Belieben gestellt. „Qui non est Mecum, contra Me est. – Wer nicht mit Mir ist, der ist wider Mich“ (Mt 12,30). Gerade darin liegt der fundamentale Irrtum der Religionsfreiheit, des Ökumenismus.

„Denen, die da glauben an Seinen Namen“ (Vers 12). Also die, die an unseren Herrn, der vom heiligen Johannes dem Täufer bezeichnet wurde, geglaubt haben, haben die Macht empfangen, Söhne Gottes zu werden. Das ist eine höchst bedeutsame Aussage für uns. Söhne Gottes: es könnte scheinen, daß wir das durch die Tatsache wären, daß wir Geschöpfe sind. Wenn Gott uns geschaffen hat, dann sind wir bereits in gewisser Hinsicht Seine geistlichen Kinder, denn das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt, kommt von Gott. Doch dem ist nicht so. Es gibt eine weitere, eine höhere Form der Abstammung. Eine Sache ist es, Geschöpf zu sein, eine andere Sache ist es, Sohn zu sein. Dieser Unterschied wird bereits an dieser Stelle bekräftigt. Das Dogma der Gnade, das Dogma der göttlichen Abstammung erhebt uns unendlich viel höher als die natürliche Abstammung des Geschöpfes.

„Die nicht aus dem Geblüt, nicht aus dem Wollen des Fleisches, und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Vers 13). Der heilige Johannes unterstreicht die Tatsache, daß die göttliche Abstammung sich nicht aus dem Willen eines Menschen herleiten läßt; sie kommt nicht aus dem Blute, sie kommt nicht aus dem Fleische; sie kommt von Gott: „ex Deo nati sunt – die aus Gott boren sind“.

„Und das Wort ist Fleisch ge­worden“ (Vers 14). Die hyposta­tische Union des göttlichen Wortes, Gottes selbst – mit einer menschli­chen Seele und einem menschlichen Leib – führt dazu, daß sie aus diesem menschlichen Geschöpf eine in ihrer Art wahrhaft einzig dastehende Per­son macht, die mehr göttlich als menschlich, mehr geistig als körperlich ist. Das ganze Leben unseres Herrn beweist es. Er lebt mehr im Himmel als auf der Erde, weil Er der Himmel ist. Seine Person hat alle Gewalt über Seine Seele und Seinen Leib bis hin zu der Fähigkeit, sie zu trennen und wieder zu vereinen, wie Er es will und wann Er es will. Seine Herrlichkeit, Seine Macht, Seine Heiligkeit, Seine Weisheit, der Fortbestand Seiner ewigen Sendung, die vom Vater kommt, die genaue Verwirklichung Seiner zeitlichen Heilssendung, das alles wird in Seinem Leben, Seinen Taten und Seinen Worten sichtbar.

„Aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade über Gnade“ (Vers 16). Folglich gibt es keine Gnade, die nicht von unserem Herrn Jesus Christus kommt. Alle diese Worte sind von überragender Bedeutung, weil sie die Grundlage unseres Glaubens bilden, die Prinzipien unseres Handelns und unseres täglichen Lebens.

Es ist schon ungewöhnlich, wie wir auf so wenigen Zeilen beinahe unser ganzes Credo wiederfinden oder doch zumindest die großen Grundzüge unseres geistlichen Lebens. Und hiermit schließt die Vision des heiligen Johannes über das Kommen des Wortes und unsere Sohnschaft, über die göttliche Abstammung all derer, die das Licht aufnehmen, die die Wahrheit aufnehmen.

Quelle: Marcel Lefebvre, Das Opfer unserer Altäre, Stuttgart 2012, SS. 212ff.