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„Nicht kämpfen heißt sich vergiften lassen“

30. April, 2018

Dieser neue [neo-modernistische] Geist ist nicht ein Geist des Fortschrittes, sondern ein Geist des Bruches mit der Überlieferung und des Selbstmordes. Msgr. Lefebvre, 11. X. 1964.

Müßten wir Protestanten werden, um „gute Katholiken“ zu bleiben? Es läßt sich nämlich nicht leugnen, daß in der Kirche auf allen Gebieten ein gefährliches Abgleiten in den Protestantismus stattgefunden hat.

Modernistische Katechismen

Am schwerwiegendsten ist dieses Abgleiten dort, wo es den Glauben betrifft, durch die Abfassung der neuen Katechismen, angefangen vom holländischen Katechismus bis zu den allgemeinen Grundlagen der neuen italienischen Katechese, über den französischen, den deutschen und ganz besonders den unwahrscheinlich anmutenden kanadischen Katechismus.

Sie alle stehen unter dem Einfluß der Lehre, die uns im ersten [Konzils-]Schema über „die Kirche in der Welt“ [Gaudium et spes] unterbreitet wurde und die, es muß gesagt werden, nicht katholisch ist. Der Glaube, das Wort Gottes, der Geist und das Volk Gottes werden darin auf modernistische und protestantische, das heißt auf rationalistische Weise erklärt. Die Offenbarung wird durch das Gewissen ersetzt, das sich unter dem Wehen des Geistes durch die Gabe der Auslegung äußert. Diese Gabe der Auslegung, die dem ganzen Volk Gottes zu eigen ist, kommt besonders im Wortgottesdienst zum Ausdruck. Die Taufe und die Sakramente sind mehr Ausdruck des Glaubens als Quellen der Gnade und der Tugenden.

Aber wir würden kein Ende finden, wenn wir auf alle Gefahren hinweisen wollten, die diese Katechismen in sich bergen; und doch berufen sie sich alle auf das Zweite Vatikanische Konzil. Und gewiß kann man im Konzil und ganz besonders in der Konstitution Gaudium et Spes doppelsinnige Sätze und einen Geist vorfinden, der dem ersten Schema entstammt.

Priester nur Vertreter des Volkes

Nach dem Lehramt wird auch der priesterliche Dienst dem ganzen Volk Gottes zugeteilt. Kraft dieses Dienstes bildet das Volk Gottes die eucharistische Versammlung und vollzieht den gemeinschaftlichen Kult, bei dem der Priester der Vorsitzende und bald nur noch der gewählte Vertreter ist. Sein priesterlicher Charakter und sein Zölibat haben keine Existenzberechtigung mehr.

Es ist nicht zu leugnen, daß die liturgischen Reformen dieser Tendenz Vorschub leisten. Alle Erläuterungen zu diesen Reformen drücken sich nach protestantischer Art aus, indem sie die Rolle des Priesters, die Wirklichkeit des Opfers und die wahre und dauernde Gegenwart Unseres Herrn in der Eucharistie bagatellisieren.

Das Hirtenamt demokratisiert

Schließlich wird das Hirtenamt, das Unser Herr mit dem Priestertum verbunden hat, zur königlichen Gewalt des Volkes Gottes; das bedeutet Demokratisierung der Autorität in der Kirche durch die im Sinne von Kardinal Suenens verstandene Kollegialität und durch Nationalsynoden, auf denen alle Institutionen der Kirche der Abstimmung durch das Volk Gottes, das zugleich Ausleger des Gesetzes, Priester und König ist, unterworfen werden.

So dringt das protestantische, rationalistische, naturalistische und liberale Virus in die drei Gewalten ein, die Unser Herr dem Priestertum anvertraut hat. Wenn diese Gewalten, die dazu bestimmt sind, den durch Unseren Herrn nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen gottähnlicher und dadurch wahrhaft menschlicher zu machen, vom Virus des Rationalismus ausgehöhlt sind, entmenschlichen sie den einzelnen und die Gesellschaftsformen und liefern sie allen Lastern der gefallenen Menschheit aus.

Für die Erhaltung des unversehrten Priestertums kämpfen

Darum müssen wir um jeden Preis für die Erhaltung des Priestertums in der Unversehrtheit kämpfen, so wie es Unser Herr eingesetzt hat, in der Unversehrtheit seines Lehramtes, seines Priesteramtes und seines Hirtenamtes.

Wir müssen den Glauben lehren, wie er immer gelehrt wurde, die Eucharistie anbeten und das Heilige Meßopfer ehren, wie die Heilige Schrift und die Überlieferung es lehren, wir müssen unsere Priester, unsere Bischöfe und den Stellvertreter Jesu Christi achten, weil sie das Priestertum und die Sendung Unseres Herrn Jesus Christus in sich tragen und nicht, weil sie die Delegierten des Volkes Gottes sind.

Die Nationalsynoden werden vorbereitet, nachdem jene Von Holland und von Kopenhagen bereits stattgefunden haben. Wenn sie die gleichen Auswirkungen haben, wird es bald ebenso viele neue protestantische Sekten geben. Wir werden davor durch den Widerspruch gewarnt, in dem die Beschlüsse dieser Synoden zu den Richtlinien des Heiligen Stuhles stehen.

Die Lage ist sehr ernst. Wir laufen Gefahr, schon morgen vor die gleiche Entscheidung gestellt zu werden, wie die Holländer und Dänen, die dem Glauben treu geblieben sind. Wir stehen schon vor dieser Entscheidung hinsichtlich der Katechismen und gewisser Formen des liturgischen Kultes sowie hinsichtlich der Einstellung gewisser Bischöfe oder Gruppen von Bischöfen, die der des Nachfolgers Petri widerspricht, zum Beispiel in bezug auf die Moral in der Familie und den priesterlichen Zölibat.

Wachsame Haltung ist notwendig

Vergessen wir nicht, daß Petrus für alle Hirten und alle Schafe verantwortlich ist und daß es im Fall eines Widerspruches zwischen dem Glauben unseres Hirten und dem des Petrus für uns kein Zaudern gibt: Wir müssen den Glauben Petri bewahren. Petrus hat uns vor dem holländischen Katechismus gewarnt und damit auch vor allen neuen Katechismen, die mehr oder weniger aus diesem hervorgegangen sind. Petrus hat uns die Moral bezüglich der Familie vorgeschrieben. Petrus hat uns gegenüber sein Credo bekräftigt. Petrus hat uns die Beibehaltung des priesterlichen Zölibats vorgeschrieben. Unsere Hirten haben nicht das Recht, diese Unterweisungen des Hirten der Hirten zu bagatellisieren.

Vergessen wir auch nicht, daß Ermächtigungen, welche im Bereich der Liturgie erteilt wurden, noch keine Verpflichtungen darstellen: Das gilt für die mit dem Gesicht zum Volk hin gefeierte Messe, für die Konzelebration, für die Kommunion unter beiderlei Gestalten, den Kommunionempfang im Stehen und den Empfang der Heiligen Eucharistie in die Hand.

Diese wachsame Haltung ist notwendig geworden wegen all der Ärgernisse in der Kirche selbst, deren Zeugen wir sind. Wir können die Tatsachen, Schriften und Reden nicht leugnen, die die Unterjochung der Kirche von Rom und ihre Vernichtung als Mutter und Lehrmeisterin aller Kirchen anstreben und danach trachten, uns zu Protestanten zu machen.

Diesem Skandal zu widerstehen, heißt seinen Glauben leben, ihn jeder Ansteckung gegenüber reinhalten, die Gnade in unseren Seelen bewahren: nicht dagegen anzukämpfen, heißt sich langsam, aber sicher vergiften lassen und, ohne es zu merken, protestantisch werden.

S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre

Rom, am Feste des heiligsten Herzens Jesu, den 5. Juni 1970.

Quelle: Ein Bischof spricht, S. 128ff.